LAUBERHORN

Stehaufmännchen Caviezel

Mauro Caviezel war schon oft verletzt. Hand, Knie, Schulter: Es gibt kaum ein Körperteil, das nicht geflickt werden musste. Dennoch startet der Bündner heute in Wengen zur Kombination.
12.01.2018 | 07:34
Raya Badraun

Der 24. November 2011 trennt Mauro Caviezels Leben in zwei Hälften. Davor war der Bündner ein aufstrebender Skirennfahrer. Von klein auf stand er, der mit drei Geschwistern in Domleschg aufgewachsen war, auf den Ski. Und kaum hatte er die ersten Rennen im Europacup hinter sich, gewann er an der Junioren-WM in der kanadischen Provinz Québec die Silbermedaille in der Kombination. Das war 2006. Es gibt auch noch andere schöne Erinnerungen aus jener Zeit. Doch in dieser Geschichte soll es nicht um die Erfolge gehen. Sie handelt von der zweiten Hälfte seines ­Lebens. Denn dieser Teil – so schmerzlich er auch war – hat aus Mauro Caviezel den Menschen gemacht, der er heute ist.

«Ich wollte damals die Dinge lieber schon gestern gemacht haben», sagt Mauro Caviezel, der nun 29 Jahre alt ist. Geduldiger ist er in den vergangenen Jahren geworden, vielleicht auch ein bisschen genügsamer. Und er plant nicht mehr weit voraus. Er weiss, wie schnell es gehen kann in diesem Sport.

Englischunterricht statt Training

Es war der 24. November 2011. Mauro Caviezel, 22-jährig, startete in Zilan in der Nähe von Sitten zu einem FIS-Riesenslalom. Nach dem ersten Lauf lag er ­vorne. Doch dann, im zweiten Durchgang, stürzte er schwer. Mauro Caviezel verletzte sich an der Schulter. Das vordere Kreuzband riss, der Aussenmeniskus wurde verletzt. Während er ins Krankenhaus kam, gewann sein jüngerer Bruder Gino das Rennen. Eine schwierige Zeit begann, denn die Heilung wollte nicht recht gelingen. Ein Jahr danach hatte er noch immer Beschwerden, wenn er die Treppe hinunterstieg. Da ging es manchmal nicht einmal mehr um die Frage, wann er zurück auf die Piste gehen kann. Viel mehr war offen, wie er seinen Alltag in Zukunft bewältigen würde. «Diese Ungewissheit war schwierig für mich», sagt Mauro Caviezel.

Er versuchte den Kopf freizubekommen, die Gedanken vom Sport zu lösen. So half er im Familienbetrieb mit, einer Brillenfirma. Und er reiste für drei Monate nach Australien, um einen Sprachaufenthalt zu machen. «Geniessen, so wie die anderen, konnte ich es jedoch nicht», sagt Mauro Caviezel. Auch in der Ferne, trotz ungewisser Prognose, blieb er doch Skirennfahrer. Am Morgen ging er in die Englischklasse, am Nachmittag in die Therapie. Ein anderes Leben, fern der Piste, konnte er sich nicht vorstellen.

«Warum immer ich?»

Im März 2013 stand Mauro Caviezel wieder im Starthaus. Doch kaum hatte er Anlauf genommen, um in die Weltelite vorzustossen, verletzte er sich erneut. Wadenbeinbruch im September 2015 in Chile, Innenbandriss im rechten Knie und Knochenriss im Wadenbein im April 2016 in Sölden. «Manchmal habe ich mich schon gefragt: Warum immer ich?», sagt Mauro Caviezel, der durch die Verletzungen insgesamt vier Jahre seiner Karriere verpasste. Die Zweifel beherrschten seine Gedanken jedoch nur kurz. Familie und Freunde richteten ihn auf. Und da war auch sein langjähriger Therapeut Rolf Fischer und das Wissen, dass er es schon einmal geschafft hatte.

Mauro Caviezel ist einer, der nach Verletzungen keine Anlaufschwierigkeiten hat. Kaum fährt er wieder Rennen, sucht er die Grenzen. Da ist es egal, ob ihm Kilometer fehlen oder Materialtests. Er zögert nicht. Und das ist sein Glück. Denn auch im Sommer 2016, in der Vorbereitung zur Heim-WM in St. Moritz, stürzte er im Training: Knochenbruch und Sehnenriss im Handgelenk. Einen Moment lang hatte er gar Angst, den Zeigefinger zu verlieren; er war fast ganz abgetrennt. Weit fort war er da von den Titelkämpfen. Doch auch dieses Mal stand er wieder auf, kämpfte sich zurück. Und im Februar vor einem Jahr stand er in St. Moritz nach der WM-Kombination auf dem Podest, um den Hals die Bronzemedaille. Es war ein zweiter Wendepunkt in seinem Leben. Kurz darauf fuhr er das erste Mal überhaupt auf ein Weltcup-Podest. Im Super-G von Aspen belegte er Rang drei. Dennoch spricht er nicht von grossen Zielen. Auch vor der heutigen Kombination in Wengen hält er sich zurück. Er weiss schliesslich, wie schnell es gehen kann. In beide Richtungen.

Die kleine Kristallkugel ist zum Greifen nah

Mauro Caviezel ist in der heutigen Weltcup-Kombination in Wengen der grösste Schweizer Hoffnungsträger. Bei optimalem Rennverlauf winkt ihm nicht nur eine Top-Klassierung. Er hat auch Chancen auf den Gewinn der Disziplinen-Wertung – umso mehr mit Alexis Pinturault der eigent­liche Kronfavorit auf den Start verzichtet. Der Franzose hatte kurz vor dem Jahreswechsel in Bormio die erste Kombination des Winters für sich entschieden, in Wengen steht der zweite und bereits letzte Wettkampf der laufenden Saison im Programm. In Bormio war Caviezel Vierter geworden. Eine bessere Klassierung verpasste er mit einer nicht opti­malen Leistung im Slalom. Zu verbessern gibt es für den Bündner auch in der Abfahrt noch einiges. Am Donnerstag büsste er im Training auf die Bestzeit des Franzosen Adrien Théaux 2,3 Sekunden ein. Damit war er eine halbe Sekunde langsamer als Beat Feuz, der mit Platz 17 der bestklassierte Schweizer war. (sda)

Leserkommentare
Weitere Artikel