Selbstjustiz des Allmächtigen

  • Sion-Präsident Christian Constantin wird nach der Attacke auf Rolf Fringer von der Polizei vom Platz eskortiert.
    Sion-Präsident Christian Constantin wird nach der Attacke auf Rolf Fringer von der Polizei vom Platz eskortiert. (Bild: Samuel Golay/Keystone (Lugano, 21. September 2017))
23.09.2017 | 05:19

FUSSBALL ⋅ Sion-Präsident Christian Constantin erträgt die Kritik von Teleclub-Experte Rolf Fringer nicht. Er traktiert Fringer mit Schlägen und verklagt ihn danach sogar. Der Chef der Swiss Football League fordert nun ein schnelles Urteil.

Daniel Wyrsch

Daniel Wyrsch

Die Schlägerszene aus dem Schweizer Fussball hat für weltweite Schlagzeilen gesorgt. Das Video mit Sion-Präsident Christian Constantins Attacke auf Teleclub-Experte Rolf Fringer wurde überall gezeigt. Die Szene hätte aus einer korrupten Liga im Osten Europas oder aus irgendeiner Bananenrepublik stammen können. Doch sie passierte am Donnerstagabend nach dem Super-League-Spiel zwischen dem FC Lugano und dem FC Sion (1:2).

Der Fakt, dass ein derartiger Ausraster eines Klubchefs in der vermeintlich ruhigen Schweiz möglich ist, hat wohl seinen Teil zum weltweiten Medieninteresse an diesem Fall beigetragen. Online-Portale auf dem ganzen Globus griffen die Geschichte auf. Der amerikanische Sportsender ESPN schrieb: «Sion-Präsident schlägt Ex-Schweizer-Boss und klagt ihn auch noch wegen übler Nachrede an.» Online-Portale aus Brasilien, Indien, Thailand oder Ägypten berichteten ebenfalls über den 60-jährigen Walliser. Da es sich beim ebenfalls 60-jährigen Fringer um den ehemaligen Coach der Schweizer Nationalmannschaft und des deutschen Bundesligisten VfB Stuttgart handelt, erreichte der Fall hierzulande und in Deutschland natürlich eine noch grössere Dimension.

Liga-Chef Schäfer fordert Schnellverfahren

Für Täter Constantin, der die Szene in einem TV-Interview explizit schilderte, war wichtig festzuhalten, dass Fringer nicht mehr in einer offiziellen Funktion im Fussball tätig ist. Aus seiner Sicht ist der frühere Sportchef und Trainer des FC Luzern lediglich ein Angestellter eines Fernsehsenders. Für Claudius Schäfer, den Chef der Swiss Football League (SFL), ist die Funktion des Traktierten nicht entscheidend. Er betont: «Physische Gewalt ist aufs Schärfste zu verurteilen und nicht zu tolerieren.» Und sagt gegenüber «Blick»: «Wir leiten jetzt ein Verfahren ein.» Schäfer fordert von der Disziplinarkommission, die vom Luzerner Anwalt Daniele Moro geleitet wird, ein «sehr schnelles Handeln». Constantin müsse damit rechnen, dass er seine Funktion längere Zeit nicht ausüben darf, meint Schäfer. Dazu sei eine hohe Geldbusse eine weitere mögliche Sanktion. Allerdings hat der Sion-Boss schon manches Verfahren am Hals gehabt (siehe Box oben rechts). Nicht zuletzt mit der SFL hat er manchen juristischen Streit ausgefochten – und gewonnen.

CC, wie Christian Constantin genannt wird, kann sich die besten Anwälte leisten. Mit 275 Millionen Franken wird das Vermögen des Wallisers angegeben. Sein Architekturbüro, die Christian Constantin SA, hat 40 Angestellte. Gemäss einem Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens aus dem Jahr 2013 sollen die meisten Mitarbeiter viele Jahre für ihn arbeiten. Dieser Fakt steht ganz im Gegensatz zu seinem Umgang mit den Trainern des FC Sion. In total 19 Jahren als Präsident hat er 39 entlassen. Mit den Spielern, die letzte Saison erstmals für Sion einen Cupfinal verloren, ist Constantin ebenso gnadenlos umgegangen. Aus dem damaligen Team sind von den Stammspielern nur noch Goalie Anton Mitrjuschkin und Elsad Zverotic in Sion. Selbst Leistungsträger wie Vero Salatic und Reto Ziegler mussten gehen.

Rücktritt von Walliser Olympiakandidatur

Gegen die Entscheidungen des Präsidenten ist bei Sion Widerspruch verboten. Constantin ist der Allmächtige, er bestimmt von A bis Z die Geschicke des grössten Walliser Sportklubs. Die Leute dort wissen: Ohne CC würde Sion nicht mehr in der höchsten Liga spielen. Total hat Sion 13-mal den Cup gewonnen, achtmal in der Ära Constantin. In diese fielen auch die beiden einzigen Meistertitel der Klubhistorie 1992 und 1997.

Constantin ist nicht nur ein diktatorischer Boss, er ist auch ein Fan. Wenn es läuft, küsst er seine Spieler nach dem Match auf die Wange. Skisternchen Lara Gut flog er kürzlich in seinem Privatjet. Doch mit Menschen wie Fringer, der ihn in seiner Funktion als TV-Experte als «Narzisst mit null Empathie» bezeichnete, geht Constantin mit Ohrfeigen und Fusstritten vor. In einer Medienkonferenz gestern im Hotel Porte d’Octodure in Martigny, dem Sitz des FC Sion, verteidigte er diese Art der Selbstjustiz gegen seinen jahrelangen Kritiker.

Als Vizepräsident der Walliser Olympiakandidatur ist Constantin jedoch zurückgetreten. Fast ein wenig einsichtig begründet er: «Eine Sache von nationalem Interesse darf nicht durch Garderobenkriege beschmutzt werden.»

www.

Das Video finden Sie auf

tagblatt.ch/video

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Schreiben Sie bitte Tagblatt rückwärts?
 

Meistgelesen

Wo bis vor kurzem drei bediente Kassen standen, wurde in der Migros Neumarkt ein dritter Eingang geschaffen.
St.Gallen: 18.10.2017, 06:36

Migros ersetzt weitere Kassen im St.Galler Neumarkt durch Selbstbedienung

Die Migros Neumarkt hat im Bleicheli einen neuen Eingang geschaffen.
Süsse Schoggikunst im Chocolarium.
Wirtschaft: 18.10.2017, 05:21

Süsse Verlockung: Ansturm aufs Flawiler Chocolarium

Mit seinem interaktiven Chocolarium zieht der Flawiler Schokoladehersteller weit mehr Besucher ...
Paarungszeit und Balzverhalten setzen bei den Reptilien in freier Wildbahn durch Vibrationen des Bodens ein.
Schauplatz Ostschweiz: 18.10.2017, 05:21

Walter-Zoo: Handgranaten-Lärm macht Krokodile scharf

In der Nähe des Walter-Zoos übt das Militär. Den Tieren macht das offenbar nichts aus.
Aus Lärmschutzgründen solle man Tempo-30-Zonen nicht einführen dürfen. Das fordert eine parlamentarische Initiative des SVP-Nationalrats Gregor Rutz.
Schweiz: 17.10.2017, 21:04

Bürgerliche bremsen Tempo 30 aus

Die Städte führen vermehrt auf Hauptverkehrsachsen Tempo 30 ein.
Marc F. Suter im Mai 2016 an einem Medienanlass auf der Bundesterrasse.
Schweiz: 18.10.2017, 06:00

Ex-FDP-Nationalrat Marc F. Suter gestorben

Der ehemalige Berner FDP-Nationalrat Marc F. Suter ist mit 64 Jahren verstorben.
In diesem Haus an der Neugasse in Bazenheid kam es zum Streit.
Unfälle & Verbrechen: 17.10.2017, 09:11

Tödlicher Streit unter Brüdern: Der mutmassliche Täter galt als jähzornig

Am frühen Montagnachmittag hat sich in Bazenheid ein Familiendrama ereignet.
In diesem Haus an der Neugasse in Bazenheid kam es zum Streit.
Kanton St.Gallen: 18.10.2017, 09:17

Bruder getötet: Täter ist in der Klinik

Der 28-jährige Schweizer, der am Montagnachmittag in Bazenheid seinen Bruder mit einem Messer ...
Am Mittwoch kommen die neuen Zehnernote in Umlauf.
Schweiz: 18.10.2017, 08:26

Quiz: Wie gut kennen Sie die Schweizer Banknoten?

Nur Bares ist Wahres: Heute kommt die neue Schweizer Zehnernote in Umlauf.
Ist eine Person vermisst, sind die ersten Stunden der Suche laut der Polizei die wichtigsten.
Kanton St.Gallen: 17.10.2017, 08:39

Spurlos verschwunden: Das Leiden der Angehörigen

Ende Oktober sind es 15 Monate, dass ein Mann aus der Ostschweiz verschwand.
Die Hostie ist für Katholiken der Leib Christi und kein Snack: Liveübertragung des Festgottesdienstes in Sachseln an den Gedenktagen für den Heiligen Niklaus von Flüe vom September.
Schweiz: 18.10.2017, 10:00

Eine Hostie ist kein Snack: Rüffel für SRF

Der SRG-Ombudsmann Roger Blum hat eine Beanstandung gegen einen Beitrag der SRF-Sendung "Schweiz ...
Zur klassischen Ansicht wechseln