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«Solche Sprüche von Fans gehören dazu»

Nach einem halben Jahr zurück beim FC St.Gallen zieht Tranquillo Barnetta Bilanz. Der 32-Jährige sagt, weshalb der FC St.Gallen gute Voraussetzungen hat, stark in die neue Saison zu starten. Er erklärt, wie das Team mit Nachrichten über interne Machtkämpfe umgeht, erzählt von Begegnungen mit Fans – und spricht über Social Media, die das Leben von Fussballern beeinflussen.
16.07.2017 | 05:16
Interview: Patricia Loher, Ralf Streule

Interview: Patricia Loher, Ralf Streule

Tranquillo Barnetta, als Sie im Ausland engagiert waren, verbrachten Sie die Ferien meist in der Heimat St.Gallen. Wie war es diesmal?
Auch wenn in der Super League die Sommerpause sehr kurz ist: Ein bisschen Ferien in Italien und ein Besuch in Deutschland lagen drin.

Da hatten Sie Zeit zum Bilanzieren: Wie sind Sie mit ihrer Rückkehr zum FC St.Gallen zufrieden?
Es begann gut im Winter, dann geriet ich gleichzeitig mit dem Team in eine Negativspirale. Zum Glück konnten wir uns fangen. Es war, über das halbe Jahr betrachtet, nicht alles gut. Aber insgesamt, auch mit meiner Situation zurück in der Heimat, bin ich sehr zufrieden. Ich bin froh, habe ich den Schritt gemacht.

Viele hatten damit gerechnet, dass Sie eine zentralere Rolle übernehmen könnten. Oft wurden Sie vor Spielende ausgewechselt.
Das wurde im Publikum wohl negativ wahrgenommen. Viel hat aber mit meiner Verletzungsgeschichte zu tun. Wenn ich vier Partien hintereinander durchspiele, wird es für mein Knie schon etwas eng. Oft waren Auswechslungen zuvor abgesprochene Massnahmen, auch um mich zu schützen. Von «Majestätsbeleidigung» war da zum Teil lustigerweise die Rede – so nahm ich es nie wahr.

Der Bruch in ihrem Spiel kam, als Joe Zinnbauer Sie kurzzeitig ins defensive Mittelfeld versetzte. Gibt es da einen Zusammenhang?
Nein. Es gibt keinen klaren Grund. Natürlich konnte ich als Sechser weniger Einfluss auf die Offensive nehmen. Aber meine persönliche Baisse hatte viel eher mit der Verunsicherung im ganzen Team zu tun. Da konnten auch wir Führungsspieler das Ruder nicht herumreissen, diesen Vorwurf müssen wir uns gefallen lassen.

Die besseren Leistungen kamen mit dem Trainerwechsel. Von aussen erhielt man das Gefühl, den Spielern sei ein Stein vom Herzen gefallen.
Natürlich sieht es oft so aus, als spiele die Mannschaft unter einem neuen Trainer befreiter. Ob es wirklich so ist, ist schwer zu sagen. Der Spielplan unter Giorgio Contini kam uns entgegen. Der erkämpfte Sieg in Lausanne gab uns wieder Vertrauen. Dieser Erfolg hätte uns auch unter Zinnbauer gelingen können. Aber man bekam schon den Eindruck, dass zu diesem Zeitpunkt auch die Jungen befreiter waren – ob es nun wegen des Trainers oder wegen des gesicherten Ligaerhalts war. Sie probierten mehr aus. Kreativität hat oft mit Selbstvertrauen zu tun. Zinnbauer hätte ebenfalls gerne mit mehr Kreativität spielen lassen – irgendwie klappte es einfach nicht.

Woran scheiterte Zinnbauer?
Auch er schaffte es mehrmals aus Krisen heraus, da war ich ja selber noch nicht dabei. Aber irgendwann stand er offenbar an. Vielleicht hatten die Spieler, die unter ihm schon mehrere Krisen durchgemacht hatten, die Hoffnung verloren.

Was macht Contini anders als Zinnbauer?
Contini lebte von Beginn weg das Motto: «Nur mit Spass kommst du aus diesem Tief heraus.» Er hat es dann auch geschafft, den Spass zurückzubringen. Das Team begann, auch einmal Fehler zu riskieren. Ein weiterer Unterschied ist vielleicht die Herangehensweise im Training. Das neue Trainerteam überlässt uns Spielern mehr Verantwortung. Es gibt uns eher Hilfestellungen als Anweisungen. Viele Entscheidungen müssen wir Spieler selber treffen. Da gibt es immer verschiedene Philosophien – beide können funktionieren.

Auffallend ist auch, dass unter Contini mehr aus der eigenen Hälfte heraus kombiniert wird.
Das stimmt. Es hat ebenfalls mit dem Selbstvertrauen zu tun, wenn man in der eigenen Hälfte nach Anspielstationen sucht, sich dem Torhüter anbietet und riskiert. Das heisst aber nicht, dass wir nicht mehr mit langen Bällen spielen wollen – auch das gehört dazu.

Sie sind mit 32 Jahren nach Karim Haggui und Daniel Lopar der älteste Spieler im Team. Brauchen Sie – wie Roger Federer – etwas mehr Pausen als früher?
Auch wenn ich mich nicht mit Federer vergleiche und noch ein paar Jahre jünger bin (lacht): Als über 30-Jähriger hört man anders auf den Körper. Ich fühle mich fit. Aber explosive Übungen sind für mich weniger sinnvoll als für Junge. Das wissen auch die Physiotherapeuten. Das Vertrauen zwischen Spielern und medizinischer Abteilung ist hier wichtig.

Mit Simon Storm musste eine Bezugsperson im Physioteam gehen. Wie stark tangiert Sie das?
Er war eine wichtige Ansprechperson. Persönlich tut es mir leid für ihn. Aber wir sind in einem Business, in dem man solche Entscheide einfach akzeptieren muss. Persönlich finde ich es schade, dass das Zwischenmenschliche im Fussballgeschäft manchmal weniger Platz hat. Wir sind aber Profi genug um zu wissen, dass es weitergehen muss.

Ohnehin ist derzeit die Rede von harten Bandagen und Machtkämpfen in der Clubführung.
Natürlich bekommen wir das mit. Wir stellen unsere Fragen, aber es geht weiter. Im Endeffekt geht es um die Leistung auf dem Platz – man arbeitet weiter unter den neuen Voraussetzungen.

Stört es Sie, wenn viel über die Nebenschauplätze gesprochen wird?
Manchmal. Es kann aber auch von Vorteil sein. Es gibt Trainer, die sich bewusst in die Schusslinie werfen und Diskussionen provozieren, damit die Spieler in Ruhe arbeiten können. In der Bundesliga werden Unruhen medial viel mehr ausgeschlachtet, damit kann ich umgehen.

Probieren Sie intern nachzufragen, was im Hintergrund läuft?
Natürlich nehmen mich solche Sachen wunder. Und ich bin einer, der nachfragt. Manchmal gibt es Antworten, manchmal nicht, weil die Gründe tiefer liegen. Das akzeptiere ich, da ich es nicht beeinflussen kann. Letztlich müssen wir das draussen lassen, auch wenn es nicht immer einfach ist.

In St.Gallen kennt Sie fast jeder. Oft sind Sie in der Stadt unterwegs, wo Sie ständig angesprochen werden. Nervt das nicht manchmal?
Damit habe ich keine Probleme. Eigentlich sind die Schweizer da zurückhaltend. Wenn ich in der Stadt angesprochen werde, geht es ja meist um Smalltalk im Stil von: «Warum gewinnt ihr nicht?», «Triff mal endlich», solche Sprüche von Fans gehören dazu. Ich bin auch bereit, mit Fans Selfies zu machen, wenn sie mich nicht gerade beim Essen stören. Aber natürlich sind diese Begegnungen schöner, wenn es uns läuft.

Selfies werden auch gerne auf Social-Media-Kanäle hochgeladen. Wie gehen Sie damit um?
Es ist halt so, dass heute mit dem Smartphone quasi jeder seinen Fotoapparat mitträgt. Ich habe kaum negative Erfahrungen gemacht. Wenn aber einer heimlich ein Bild macht und ich das sehe, spreche ich ihn an. Das Risiko, in der Öffentlichkeit in einem dummen Moment abgelichtet zu werden, ist natürlich grösser geworden. Wenn du mit älteren Spielern redest: Früher ging man im Trainingslager eher am Abend noch nach draussen. Heute bleibt man lieber im Hotel. Die Gefahr ist immer da, dass Fotos rausgehen – auch wenn sie harmlos sind, können sie zu Gerüchten führen.

Wenn Sie am Stadtfest ein Bier trinken – es wäre sofort im Netz.
Es gibt schon die Fälle, in denen Sachen über mich im Internet geschrieben werden, die nicht stimmen. «Tranquillo war im Ausgang», hiess es kürzlich – dabei wurde ich nur gesehen, wie ich um zehn Uhr abends nach Hause spazierte. Soll ich schon früher schlafen gehen?

Es heisst, Fussballer seien braver geworden, Ecken und Kanten fehlten. Hat das mit Social Media zu tun?
Das ist sicher ein Grund. Ein anderer: Der Anspruch an den Körper ist im Fussball grösser geworden, seriöses Leben ist Voraussetzung. Dass der Ausgang vor dem Training keine gute Idee ist, merkt man selber schnell. Aber mal ein Bier nach dem Training, wenn kein Spiel ansteht – das muss auch möglich sein.

Wie sieht Ihre Prognose für die kommende Saison aus?
Ich habe ein sehr gutes Gefühl – obschon man das natürlich immer sagt vor einer Saison. Die Stimmung ist gut, wir haben gut gearbeitet, das sind gute Voraussetzungen für den Start. Der Konkurrenzkampf ist grösser geworden im Team, im Training geht man eher ans Limit. Und in der Offensive sind wir variabler geworden. Es gibt mehr Qualität in der Breite.
 

 

Wie sieht es mit der Hierarchie aus in der Mannschaft? Sind Sie einer, der auch mal auf den Tisch haut?
Ich bin nicht der Lauteste im Team, spreche Dinge aber an. Karim Haggui ist eher jener, der den Tarif durchgibt, wenn es das braucht. Daniel Lopar liegt diesbezüglich irgendwo zwischen Haggui und mir. Er ist wichtig als langjähriger Kenner des Clubs. Auch Silvan Hefti ist zunehmend einer, der Dinge anspricht. Aber allgemein können wir da sicher Fortschritte machen. Es hilft enorm, wenn viel kommuniziert wird auf und neben dem Platz. Es ist ein Prozess, in den Junge reinwachsen. Ich war einer, der zunächst auf mein Spiel schaute – und erst wenn es lief, wurde ich lauter. Das ändert sich mit dem Alter, da dirigierst du auch, wenn du nicht den besten Tag hast. Die Achse mit Lopar, Haggui, Toko und mir muss verbal gut funktionieren. Je besser wir uns kennen, desto besser wird dieses Zusammenspiel.

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