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Giorgio Contini, ein Trainer auf Bewährung

Der FC St.Gallen beginnt heute bei Leader Young Boys die zweite Saisonhälfte der Super League. Dabei gerät Giorgio Contini zusehends in den Fokus und damit auch die Frage, wie lange er noch ihr Chefcoach sein wird – oder sein mag.
03.02.2018 | 10:54
Christian Brägger
Irgendwann werde auch der FC St.Gallen vorbei sein, «die Deadline gesetzt». Es sei für ihn aber längst nicht so weit, sagte Giorgio Contini damals. Das war im vergangenen Sommer. 
Heute sind für den Chefcoach des FC St.Gallen viele Dinge im Verein nicht mehr so, wie sie waren. Von der Allmacht, die er insbesondere nach dem Abgang des frustrierten Sportchefs Christian Stübi besass, ist wenig übrig.

Zwar fühlte sich Contini damals im Stich gelassen, Stübi hatte ihn ja geholt als Retter in der Not. Letztlich aber profitierte der Trainer vom Rückzug des Goldachers, weil er fortan der Einzige war, der bei all den Irrungen und Wirrungen im Verein Sportkompetenz besass; dank ihm startet der FC St. Gallen vom guten vierten Rang aus in die zweite Saisonhälfte. 

Der Verwaltungsrat ist neu bestellt, Matthias Hüppi der Präsident und Alain Sutter der Sportchef – und Contini hat seitdem vier Vertrauensleute verloren. Der Allianz, der die Entlassenen und auch Contini angehör(t)en, sollte zum Wohl des Vereins und auch des Trainers ein Ende gesetzt werden; ausschlaggebend waren die Beobachtungen im Trainingslager, in dem die Gruppenbildung fortschritt, sich weitere Gräben auftaten. Dabei steht doch gerade Hüppi so sehr der Sinn nach Einheit. Die personellen Mutationen waren starke Signale, welche die neue Führung quasi als erstes Zwischenfazit sendete.

Entsprechend sagte der Coach im kleinen Kreis, dass er sich derzeit nicht so gut fühle: «Es gab einen Eingriff in mein engeres Arbeitsumfeld. Leute wurden fortgeschickt, die ich als fähig erachte.» Auch die vom Verwaltungsrat angestrebte Rückholung von Simon Storm muss Contini aller Bekundungen zum Trotz sauer aufstossen; er war es, der mit dem Physiotherapeuten nicht zusammenarbeiten wollte.
 

Vorerst ist die Position des Trainers Tabu

Es braucht also niemand ein Schelm zu sein, um Böses zu denken. Schon gar nicht, wenn Hüppi sagt, der Trainer habe nun die Chance, Format zu beweisen und sich zu entwickeln. Zwar ist die Position Continis vorerst tabu, vielleicht auch seines Vertrages bis Sommer 2019 wegen. Doch er steht unter Aufsicht, muss jetzt beweisen, ohne die Gruppe und deren Einfluss der richtige Trainer für den FC St.Gallen zu sein. Sonst dürften sich die Wege trennen. 

Als Spieler war Contini im positiven Sinn ein Schlitzohr. Er war nie um ein Spässchen verlegen, ein Mann des Volkes. Mit den Jahren an der Seitenlinie hat sich das Bild verändert, eine gewisse Nahbarkeit und Authentizität gingen verloren – Contini legte sich einen Schutzpanzer zu. Werner Zünd kennt den zweifachen Familienvater bestens dank seiner jahrzehntelangen Anstellungen im Club, er kann die Wahrnehmung Aussenstehender nachvollziehen. «Aber als Chefcoach kannst du nicht weiter den Clown spielen, du musst diskreter sein. Also kapselst du dich ab.»

Zünd sagt, immerhin habe Contini mit Assistenztrainer Markus Hoffmann einen fähigen, starken Mann neben sich. Doch Hoffmann, der einen eher rauen Umgangston pflegt und nicht wie Contini ein Charmebolzen sein kann, gehört ebenfalls zur Gruppe, die man nicht mehr im Verein haben will. Beobachtungen im Training und während den Spielen zeigen Hoffmanns Wirkung, die so wuchtig ist, dass nicht immer ganz klar ist, wer an der Seitenlinie genau das Sagen hat. Nicht nur Zünd ist dies aufgefallen, er, der einst ebenfalls Assistenztrainer im Verein war; er hätte sich nie getraut, seine Rolle so dominant auszufüllen. 
 

Unterhaltung versus gute Resultate 

Zünd spürt, dass die aktuelle Situation für Contini nicht einfach ist. «Er wird damit umgehen können.» Doch genau dies ist die Frage, die alle umtreibt. Kann der Trainer das? Und will er das überhaupt? 

Contini gilt als kompromisslos. Als einer, der weiss, was er will, und dabei auch den eigenen Karriereplan verfolgt. Was durchaus legitim ist. Er kam als Heilsbringer, doch nach der Zeit mit dem Deutschen Joe Zinnbauer wäre wohl jeder Coach mit diesem Attribut versehen worden. Mit St. Gallen geht Contini seither seinen Weg. Und er setzt dabei auf pragmatischen Fussball. Als der Sohn italienischer Einwanderer noch der Trainer im FC Vaduz war, wurde ihm bald einmal Bernt Haas als Sportchef zur Seite gestellt. Haas war neu in der Branche, zudem hatte er denselben Berater; Contini blieb der Chef. Nach dem Wechsel hat er stets betont, dass der FC St. Gallen etwas ungleich Grösseres sei als die Liechtensteiner, er sich mitentwickeln und mitwachsen müsse. So gesehen haben Hüppis Worte also Richtigkeit. Der Präsident sagt: «Meine Aussagen stützen den Trainer ja durchaus.» 

Und dennoch muss der Coach plötzlich beginnen, auf andere zu hören, auf Sutter, Hüppi oder den Verwaltungsrat Stefan Wolf. Auf Leute also, denen der Sinn mehr nach Leidenschaft, Kampf und Unterhaltung steht und Resultate sekundär sind, solange der Auftritt stimmt, der die Leute anlockt. «Ich will mit dem FC St. Gallen Erfolg haben», sagt Contini. Da zählen eben auch Resultate und Tabellenplatz, pragmatischer Fussball ist also nicht unbedingt der falsche Ansatz. Trotz aller Umstände sieht sich der 44-Jährige noch immer am richtigen Ort. An einen Rücktritt habe er nie gedacht, sein Feuer für Verein und Arbeit seien nach wie vor da, und zwar täglich. «Es gibt ja auch die Überzeugung von der Vereinsseite her, dass ich hier der richtige Trainer bin. Sie weiss ja, wie ich bin. So gesehen gibt es keine Spekulationen um meine Person.» Doch ebendiese Spekulationen gab es zuletzt oft, zumal ein stolzes italienisches Ego, das nachvollziehbar gekränkt worden ist, unberechenbar sein kann. Und der Umgang mit der neuen Belegschaft zuerst von der Pike auf erlernt werden muss. Es könnte zu Trotzreaktionen kommen, zudem ist ungewiss, ob die Einflussnahme der Gruppe tatsächlich nicht mehr stattfindet. «Falls das eintritt, werden wir sehen, was zu tun ist», sagt Hüppi.
 

Punkte sichern das Überleben des Vereins 

Und so ist es im FC St. Gallen wieder einmal, wie man es eben nicht haben wollte: Alle Blicke richten sich nicht auf die Mannschaft, sondern auf den Trainer. Erneut scheint der Club, der so sehr nach Ruhe lechzt, diese vorerst nicht zu finden. Sportlicher Erfolg würde Contini helfen, und insbesondere dem Verein. «Punkte sichern das wirtschaftliche Überleben oder erleichtern es zumindest», sagt Hüppi. Er wohnte gestern «nicht als Wachhund» der Pressekonferenz bei, die die zweite Saisonhälfte einläutete. Beiläufig fügte der Präsident an, dass sich alle personellen Rochaden irgendwann von selbst erklären würden. 

Ob dann Giorgio Contini noch da ist? Er, einst Meisterspieler des FC St.Gallen, hat sein Engagement als Cheftrainer in der Ostschweiz nie als Erfüllung eines Traumes gesehen, sondern als nächste Etappe seines Werdegangs. Man darf gespannt sein, wie lange diese Etappe noch dauern wird. 
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