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Analyse zur Winterpause: Der FC St.Gallen hat eine starke Führung verdient

Die neue Führung um Präsident Matthias Hüppi hat viele Vorschusslorbeeren erhalten. Der Club hat gute Voraussetzungen, um mehr zu sein als ein Mitläufer in der Super League - doch auch viele Altlasten, schreibt Patricia Loher, Leiterin Sport.
18.12.2017 | 19:18
Die ersten Auftritte des neuen Präsidenten Matthias Hüppi und seiner Kollegen im Verwaltungsrat waren unmissverständliche Signale. Machtspiele werden nicht geduldet. Wer nicht mitzieht, muss gehen. Und durchleuchtet wird alles – jede Vertragsverlängerung, jede Kontobewegung. Die neue Führung des FC St. Gallen hatte einen starken Einstand, die Folgen sind offen. Noch ist es nur ein Verdacht, dass Unregelmässigkeiten ans Licht kommen könnten. 
 
Mit dem Engagement des Fernsehmanns Hüppi jedenfalls ist den neuen Aktionären ein Coup gelungen, der den FC St.Gallen aus dem grauen Alltag herausreisst und den Anhängern die Hoffnung zurückbringt, dass der Traditionsverein bald wieder zur Ruhe kommt. Hüppi ist ein St.Galler und bekennender Anhänger des Clubs, er ist eine Autorität, was er sagt, wird ernst genommen. Nach 38 Jahren im Sportjournalismus macht ihm im Fussballgeschäft keiner etwas vor. Auch die neuen Mitglieder im Verwaltungsrat kennen als ehemalige Junioren oder Spitzenfussballer diesen Verein, der die Massen bewegen kann. Der FC St.Gallen verfügt über neue Hoffnungsträger, für einmal aber stehen sie nicht auf dem Fussballfeld, sondern gehören dem Leitungsgremium an. Hüppi und seine Kollegen sind sich der Vorschusslorbeeren bewusst. Dass im Fussball aber schnell geliefert werden muss, wissen auch sie. Es gibt genug zu tun: Es fehlt ein Sportchef, es fehlt ein CEO der Event AG, eigentlich müsste die Mannschaft verstärkt werden, aber finanziell waren die Zeiten schon besser. Der FC St. Gallen hat sich zuletzt viele Lasten aufgebürdet.
 
Sechseinhalb Jahre hatte Dölf Früh den FC St.Gallen mit harter Hand geführt. Nach seinem gesundheitsbedingten Rücktritt im vergangenen Mai brachen die schon lange schwelenden Machtkämpfe offen aus. Nach der Ernennung des unbekannten Stefan Hernandez zum neuen Präsidenten schien es, als gehe die Gruppe um den Nachwuchschef Marco Otero und den Spielerberater Donato Blasucci als Gewinnerin aus den Machtkämpfen hervor. Alles schien für sie zu laufen. Nachdem Hernandez den letzten Kritiker, Event-AG-CEO Pascal Kesseli abgesetzt hatte, traten Michael Hüppi und Martin Schönenberger aus Protest aus dem Verwaltungsrat zurück. Hüppi, der Bruder des neuen St.Galler Präsidenten, gab ein viel beachtetes Interview, in dem er die Missstände anprangerte. Klar war: Wenn einer wie Hüppi den Gang an die Medien wählt, musste viel passiert sein, das ihm Sorgen bereitete. Nach jenem Interview stand fest, dass die Unruhen in St.Gallen nicht bloss eine Erfindung der Medien waren, wie die damals Verantwortlichen gerne suggerierten. Die Machtkämpfe tobten bis zur Generalversammlung im November – mit Sportchef Christian Stübi, Physio-Chef Simon Storm und am Ende auch noch Kesseli als Opfer.
 
St.Gallen fand den Weg nicht mehr aus den negativen Schlagzeilen, es hiess, der frühere Präsident Früh nehme als Grossaktionär noch immer Einfluss. Der Verwaltungsrat schien nach Frühs Rücktritt nach seinem Gusto aufgestellt. Die Unruhen wirkten sich auch auf die Zuschauerzahlen aus. Das Vertrauen der Anhänger schwand, zumal schon unter Trainer Joe Zinnbauer viel Geschirr zerschlagen worden war.
 
Nachdem sich Früh entschlossen hatte, seine Aktien zu verkaufen, ging plötzlich alles schnell. Das neue Aktionariat entschied sich für den Umbruch. Innerhalb weniger Monate haben sich die Machtverhältnisse entscheidend verschoben. Die Zeit der Gruppenbildung scheint vorbei. Der Traditionsverein verdient eine starke, kompetente Führung. Der Club hat bezüglich Rückhalt und Stadion alles, was ihn im Schweizer Fussball zu mehr machen könnte als bloss einem Mitläufer. Vielleicht steht er sich künftig in seiner Entwicklung nicht mehr selber im Weg.
 
Patricia Loher
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