Jeff soll es richten

  • Jeff Saibenes Mission mit Bielefeld dauert vorerst noch einen Monat. Was dann kommt, ist offen.
    Jeff Saibenes Mission mit Bielefeld dauert vorerst noch einen Monat. Was dann kommt, ist offen. (Bild: Imago (Bielefeld, 20. März 2017))
20.04.2017 | 10:47

EX-FCSG-TRAINER ⋅ Von Thun nach Bielefeld, ins Haifischbecken der 2. Bundesliga. Coach Jeff Saibene hat den Sprung gewagt. Und macht eine gute Figur. Vor allem bringt der 48-jährige Luxemburger dem Traditionsclub die Hoffnung auf den Ligaerhalt zurück.

Christian Brägger

Christian Brägger

Arminia Bielefeld galt als verloren. Als hoffnungsloser Fall. Zwei Übungsleiter hatte der deutsche Traditionsclub in dieser Saison bereits verschlissen. Der Abstieg aus der 2. Bundesliga schien besiegelt. Schlimmer noch: Die Medien schimpften die Spieler «untrainierbar», es könne kommen, wer wolle, die können nur absteigen. Es hiess, die Profis legten eine «Antihaltung» an den Tag: lauter Egoisten, kein Team, keine Einheit, nichts.

Auf der Schwelle zur 3. Liga steht die Arminia als Zweitletzter mit zwei Punkten Rückstand auf den Barrageplatz noch immer. Doch weil sie zuletzt zugelegt hat, ist es im Tabellenkeller eng geworden. Der Rettungsanker, den Sportchef Samir Arabi vor einem Monat warf, hat sich am Ufer fest verkeilt und gibt den Westfalen mit sieben Punkten aus vier Spielen die Hoffnung auf den Ligaverbleib zurück. Der Anker heisst Jeff Saibene, früherer Trainer Thuns und des FC St. Gallen.

Jeff wer? Fragte sich die Presse in dem fussballverrückten Bundesland, in dem Dortmund und Schalke dominieren. Die Antwort war ein Kurzabriss über Saibenes Leben: Luxemburger, früherer Fussballprofi, 48-jährig, verheiratet, zwei Kinder. Vorbild Otmar Hitzfeld. Hatte Angebote von den Young Boys und aus Russland. Hat in Thun den ­Abstiegsplatz stets gekonnt umschifft, keine Selbstverständlichkeit bei den bescheidenen Mitteln eines Clubs, der an die Gallier erinnert. Hat in St. Gallen mit dem Wiederaufstieg und insbesondere mit dem Einzug in die Europa League brilliert. Wurde in der Ostschweiz lange verkannt, bis es zu spät war und er im Spätsommer 2015 demissionierte.

Erste Niederlage im vierten Spiel als Trainer Bielefelds

Jeff Saibene Trainer in Bielefeld, wer hätte das damals gedacht? Im Montagsspiel hat er soeben beim 2:3 die erste Niederlage an der neuen Wirkungsstätte kassiert. Der Siegtreffer für Stuttgart, den Koloss der 2. Bundesliga, der dort eigentlich nichts zu suchen hat, fiel eine Minute vor Spielschluss. Saibene sagt: «Dieses Spiel, vor 23 000 Zuschauern, das ist Bundesliga. Es war der Hammer. Ein Unentschieden wäre richtiger ­gewesen.» Vom ganzen Drum­herum, vom Interesse an der zweithöchsten Liga Deutschlands, wie diese verkauft werde, das sei extrem, sagt er. «Der Fussball lebt hier, es ist der Wahnsinn.»

Angst vor dem, was nach dem beschaulichen Thun kommt, hat Saibene keine gehabt. Wozu auch, er hatte ja nichts zu verlieren, geschweige denn die Zeit, darüber nachzudenken. Emotional aber war der Wechsel über Nacht in dieses Haifischbecken grenzwertig, «weil sich innert Stunden so viel in meinem Leben veränderte». Beim neuen Arbeitgeber musste der Coach sofort funktionieren, die Probleme angehen. Also stellte er den Zeiger auf Null, bildete sich über das 28-Mann-Kader die eigene Meinung. Was war, interessierte ihn nicht. Er zeigte sich kompromisslos, eine Eigenschaft, die man früher nicht immer sah. «Ich bin knallhart mit Entscheiden. Ich habe Prinzipien. Das ist aber auch alles eine Sache der Erfahrung.» Saibene setzte mit Florian Dick als rechtem Verteidiger auf einen, der fast die gesamte Saison auf der Tribüne verbracht hatte. Und er degradierte den Captain Fabian Klos, mit zwölf Treffern Bielefelds bester Torschütze, auf die Bank. Weil andere Spieler seine Pressing-Philosophie, die mit viel Laufbe­reitschaft verbunden ist, derzeit besser umsetzen. Zudem stabilisierte Saibene die mit 49 Gegentoren schlechteste Abwehr der Liga, doch fehlte ihm beim Début gegen Würzburg noch der Mut im Abstiegskampf. «Das Unentschieden nehme ich auf meine Kappe», sagt er. Dann, nach dem Heimsieg gegen ­Düsseldorf, entledigte sich der ­Luxemburger eines in Bielefeld schlummernden, schier übermächtigen Problems: Er holte in Sandhausen den ersten Auswärtssieg seit fast einem Jahr. Saibene sagt, er sei reifer geworden, emotional mehr auf der Höhe als früher. Die Spieler der Arminia würden mitziehen, das Führen sei hier aber anders. «Alle haben schon viel erreicht in der Karriere. Sie sind gestandene, richtige Männer.» Vom Fussball her sei die Differenz zur Super League nicht so gross. Gewöhnungsbedürftig für einen, der fast sein halbes Leben in der Schweiz verbracht hat, sind da schon eher die grossen Distanzen. Bis zu fünf Stunden dauern die Busfahrten an die Auswärtsspiele. So lange dürfte es ebenfalls nach Heidenheim dauern, dem Gegner von übermorgen.

Klassenerhalt als Türöffner

Derzeit wohnt Saibene im Hotel, weil der Kontrakt bis zum Saisonende befristet ist. Wenn er nicht absteigt, würde der bodenständige Trainer gerne bei Arminia bleiben und der Verein ihn wohl gerne behalten. Die Rückmeldungen jedenfalls fallen positiv aus. «Jetzt geht es nur darum, Bielefeld zu retten. Wenn wir das schaffen, denke ich, dass wir uns darüber hinaus einig werden. Ich habe mich hier von Anfang an wohl gefühlt.» Bis zum Klassenerhalt ist es aber ein weiter, steiniger Weg. Und eigentlich sei es unglaublich, dass der Verein trotz der positiven Entwicklung noch auf dem Abstiegsplatz stehe, sagt Saibene. «Arminia hat in den ­vergangenen fünf Spielen zehn Punkte geholt, doch die Last des verpatzten Saisonstarts wiegt sehr schwer. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir rechtzeitig die Abstiegsränge verlassen werden.» Zuversichtlich war er ja schon immer, der Jeff Saibene.

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