FLAWIL

Schulleiter Ueli Siegenthaler: «Fortbestand des Waldkindergartens ist ungewiss»

Der Waldkindergarten in Flawil wird als einziger im Kanton öffentlich geführt. Bislang erfolgreich. Noch nie aber gab es so wenige Anmeldungen. Schulleiter Ueli Siegenthaler über die Gründe und die Zukunft.
10.04.2018 | 05:18
Angelina Donati

 

Mit 14 Kindern wurde der Waldkindergarten in Flawil im Schuljahr 2004/05 auf die Beine gestellt. Durch das grosse Interesse wurde aus dem Pilotprojekt ein fester Bestandteil des Schulangebots. Der Lehrplan ist mit dem Regel-Kindergarten identisch, die Stoffvermittlung und das Spiel im Rehwald sind aber an die äusseren Bedingungen angepasst. Bis heute noch ist dieser Waldkindergarten der einzige im Kanton, der von der öffentlichen Hand geleitet wird. Nun aber geben die aktuellen Anmeldezahlen dem Schulleiter Ueli Siegenthaler Grund zur Sorge.

Ueli Siegenthaler, die Anmeldefrist ist inzwischen verstrichen. Wie viele Kinder werden den Waldkindergarten ab August besuchen?

Siegenthaler: Dieses Mal haben leider nur sehr wenige Familien für ihr Kind den Waldkindergarten gewählt. Wir haben nur fünf neue Anmeldungen erhalten. Das heisst, mit den acht Kindern, die ab dem Sommer das zweite Kindergartenjahr besuchen, sind es insgesamt 13 Kinder.

Wie viele Kinder werden denn normalerweise im Waldkindergarten in Flawil unterrichtet?

Nach unserem Konzept sollten es idealerweise jeweils 12 bis 16 Kinder sein. Bei dieser Zahl lohnt sich das Angebot und die Übersicht der Kinder ist damit ebenfalls gewährleistet. Allerdings schwanken die Anmeldezahlen seit zwei Jahren sehr stark. Noch nie hatten wir so wenige neue Kinder wie dieses Jahr.

Welche Auswirkungen hat das auf das Angebot?

Der Schulrat steht zum Waldkindergarten und die Führung des Angebotes im Schuljahr 2018/19 ist gesichert. Der Fortbestand ist aber ungewiss. In Anbetracht der wiederholt tiefen Anmeldezahlen und damit geringer Nachfrage muss sich die Schule Flawil über die Zukunft des Waldkindergartens Gedanken machen. Es gilt, nach Gründen zu suchen und das Interesse abzufragen.

Was heisst das konkret?

Bleibt die geringe Nachfrage, ist die Konsequenz, das Angebot einzustellen. Darüber muss der Schulrat befinden. Mit dem Entscheid dürfte wohl im Januar oder Februar gerechnet werden.

Wie erklären Sie sich das zurückgegangene Interesse?

Der Hauptgrund ist der Schulweg. Mit diesem Thema sind wir oft konfrontiert, beispielsweise an Infoanlässen zu denen Eltern eingeladen sind. Wie auch bei einem Hauskindergarten liegt der Weg in der Verantwortung der Eltern. Nur liegt der Treffpunkt für Waldkindergärtler meistens weiter weg. Manche Familien begleiten ihr Kind so oder so. Allerdings ist das nicht allen möglich, weswegen ihre Wahl auf den nächstgelegenen Kindergarten fällt.

Und ein Transport käme nicht in Frage?

Ein Transport würde das Angebot noch weiter verteuern. Kosten, die die Schule, respektive die Gemeinde nicht aufbringen wird, zumal der Waldkindergarten ohnehin etwas teurer ist als der Hauskindergarten. Auch stellt sich die Frage, ob sich ein Transport überhaupt lohnen würde. Die Organisation mit den Abholorten und -zeiten würde sich kompliziert gestalten.

Gibt es noch weitere Gründe, weswegen Familien den Waldkindergarten nicht für ihr Kind wählen?

Ja, es gibt natürlich auch individuelle Gründe. Darüber lässt sich aber nur spekulieren. Etwa, dass eine Familie der Ansicht ist, dass das Angebot nicht zu ihrem Kind oder zu ihrem Familienalltag passt. Auch sind Eltern der Auffassung, dass Kinder zwingend drinnen unterrichtet werden müssen, um optimal auf die Schule vorbereitet zu sein. Was aber unberechtigte Ängste sind. Kinder gewöhnen sich schnell an ihre neue Umgebung.

Sie haben es angesprochen: Der Waldkindergarten findet hauptsächlich draussen in der Natur statt. Ein grosser Unterschied zum herkömmlichen Kindergarten?

Das Spielangebot ist anders. Es ist kein strukturiertes Spielmaterial vorhanden, sondern einfach das, was die Natur aktuell zu bieten hat. Ausgerüstet mit Säge, Hammer und Sackmesser machen sich die Kinder voller Tatendrang ans Werk – sie krampfen richtig. Da staune selbst ich nicht schlecht, wenn ich sehe, mit welcher Leidenschaft sie dabei sind und auf was für originelle Ideen sie kommen.

Gibt es auch Nachteile, sich nur draussen aufzuhalten?

Nein, Nachteile sehe ich nicht, sondern nur Vorteile. Die Unstrukturiertheit des Waldes weckt die Fantasie der Kinder und sie werden herausgefordert. Ob dreckig, nass, kalt, warm: Alle diese Empfindungen gilt es, wahrzunehmen und mit diesen Eindrücken umzugehen. Wie fühlt es sich zum Beispiel an, ein Grasbüschel auszureissen – und auch, dass vorkommen kann, dass dieser die Haut schneidet. Im Vergleich zu anderen Kindern, die Hauskindergärten besuchen, haben die Waldkindergärtler eine andere Einschätzung.

Wie denken Sie über eine mögliche Schliessung des Waldkindergartens?

Wenn wir das Angebot tatsächlich einstampfen müssten, würde ich das sehr bedauern. Ich wünschte mir für viele Kinder, dass sie die Erfahrungen hier im Waldkindergarten machen könnten. Schliesslich geht es ums Sammeln von Erfahrungen. Erfahrungen, die letztlich der individuellen Entwicklung zugutekommen.

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