LEITARTIKEL

Warum uns "Burglind" beunruhigen sollte

Rund 50 Millionen Franken, 16 Verletzte und ein toter Kranich: Sturmtief Burglind war nicht so schlimm wie befürchtet. "Wir hatten Glück", schreibt Andri Rostetter in seinem Leitartikel. "In Zukunft muss die Schweiz mehr tun, damit Naturgefahren nicht zu Naturkatastrophen werden."
06.01.2018 | 09:33
Wir sind noch einmal davongekommen. Das Sturmtief Burglind hat die Schweiz nur leicht durchgeschüttelt. 16 Menschen wurden verletzt, ein paar Ausflügler blieben am Pizol in einer Gondel stecken, im Berner Oberland hob der Sturm einen Bahnwagen aus den Schienen. Einziges Todesopfer: Ein Graukranich-Männchen im Berner Tierpark Dählhölzli. Das Tier wurde von einem Baum erschlagen. Unsere Nachbarn hatten weniger Glück. In Frankreich waren 200000 Haushalte ohne Strom, ein Mensch wurde von einem Baum erschlagen. In Spanien starben zwei Menschen in einer Flutwelle. 

Unter dem Strich belaufen sich die Schäden, die «Burglind» in der Schweiz verursacht hat, auf 50 Millionen Franken. So zumindest sehen die Prognosen der Versicherungen aus. Doch auch wenn sich herausstellen sollte, dass sich die Schadeninspektoren um 100 Millionen Franken verschätzt haben: «Burglind» war kein Jahrhundertsturm. Das Hochwasser vom August 2005, eine Folge des Tiefs Norbert, kostete uns drei Milliarden Franken, sechs Menschen kamen ums Leben. Der Orkan Lothar am Stephanstag 1999 kostete 14 Menschenleben, die Schäden beliefen sich auf 1,8 Milliarden Franken. 

Dass der Sturm Burglind bei uns keine Toten gefordert hat, liegt aber nicht nur an seiner – relativen – Harmlosigkeit. Noch zu Zeiten von «Lothar» wären die Folgen wohl deutlich gravierender gewesen. Seither hat aber der Bund sein Risikomanagement im Zusammenhang mit Naturgefahren stetig verfeinert und intensiv an den Frühwarnsystemen gearbeitet. Dank dieser Massnahmen hat die Zahl der Todesfälle durch Überschwemmungen, Bergstürze und Stürme nicht zugenommen. Auch die Langzeitbilanz wirkt auf den ersten Blick beruhigend: Seit dem 19.Jahrhundert sind die Opferzahlen mehr oder weniger konstant geblieben. Nimmt man das Verhältnis der Opfer zur Gesamtbevölkerung zum Massstab, fällt das Resultat gar positiv aus.

Diese Zahlen vermitteln eine trügerische Sicherheit. Denn der Trend geht in die andere Richtung: Das Bundesamt für Umwelt warnt davor, dass die Klimaerwärmung künftig mehr «Lothars», «Burglinds» und «Norberts» bringen wird. In der Forschung wird zwar darüber gestritten, ob zwischen höheren Temperaturen und Wetterextremen ein Zusammenhang besteht. Die Schweiz spürt die Folgen der Klimaerwärmung aber unmittelbar: Die Gletscher schmelzen, der Permafrost taut, die Berge werden instabil. Am Piz Cengalo im Bergell donnerten am 23. August 2017 vier Millionen Kubikmeter Felsen ins Dorf Bondo. Es war einer der grössten Bergstürze der letzten 100 Jahre in der Schweiz. Der nächste Berg könnte schon im kommenden Sommer ins Tal stürzen: Mehrere Felswände werden seit Jahrzehnten lückenlos überwacht, jederzeit können sich ganze Gebirgsflanken lösen – mit verheerenden Folgen. 

Was uns ebenfalls beunruhigen muss: Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs hat sich die Schweizer Bevölkerung verdoppelt, die Siedlungsfläche ist um das Sechsfache gewachsen. Damit sind deutlich mehr Menschen potenziell Naturgefahren ausgesetzt. Die Risikoexperten des Bundes warnen deshalb vor einer kontinuierlichen Zunahme der Schäden durch Naturgefahren. Mit teuren Schutzbauten allein lässt sich das Problem kaum lösen. Der Platz dafür wird immer enger, der Abstand zwischen Natur und Siedlungsteppich schrumpft. Im Flachland verschwinden landwirtschaftliche Pufferflächen, Wohngebiete grenzen zunehmend an Risikozonen. Und diese Zonen werden grösser. Laut den Experten des Bundes werden Hochwasser, Erdrutsche und Sturmschäden künftig vermehrt in Gebieten und zu Jahreszeiten vorkommen, die bisher von Schäden verschont geblieben sind. Die Schweiz muss also künftig wesentlich mehr tun, damit Naturgefahren nicht zu Naturkatastrophen werden.

Andri Rostetter
andri.rostetter@tagblatt.ch
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