KREISGERICHT

Ein Freispruch, der den Angeklagten überrascht

Vor dem Kreisgericht musste sich ein 50-Jähriger wegen fahrlässiger Tierquälerei verantworten. Der Staatsanwalt forderte eine bedingte Geldstrafe, der Richter spricht ihn jedoch frei. Zu dessen Überraschung.
13.04.2018 | 16:12
Martin Knoepfel
Der Angeklagte schweift immer wieder ab und der Einzelrichter hat Mühe, die Ausführungen des Mannes in die gewünschten Bahnen zu lenken und klare Antworten auf Fragen zu erhalten. Der Angeklagte redet sich den Frust von der Seele, wegen einer Kindheit, in welcher er nach eigener Aussage schlecht behandelt und immer wieder herumgeschoben wurde. Er sei vom Heim zu einer Pflegefamilie und von dieser zu einem anderen Heim und wieder zu einer neuen Pflegefamilie umplatziert worden. Deswegen habe er keine Lehre absolvieren können, sagt der Angeklagte. 

Ein tiefes Misstrauen hegt der Mann gegen sämtliche Ärzte, also gegen die Human- wie die  Veterinärmediziner. Gegen jene, weil er falsch behandelt worden sei, gegen diese, weil sie Haustierhalter durch überrissene Rechnungen abzocken würden. Es sei zudem für ihn sehr schwierig, einen Tierarzt zu finden, den er nicht bar bezahlen müsse. Das gelte sogar für Notfälle. Einmal habe er bis nach Chur reisen müssen, sagt der Angeklagte, der von einer IV-Rente lebt. 
 

Staatsanwalt wollte Strafbefehl

Gegen einen Strafbefehl des kantonalen Untersuchungsamts St. Gallen wehrt sich der im Toggenburg lebende 50-jährige Schweizer. Der Staatsanwalt hat dem Mann wegen fahrlässiger Tierquälerei eine bedingte Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 30 Franken aufgebrummt. 

Am Donnerstagnachmittag findet die Verhandlung in Lichtensteig statt. Der Staatsanwalt muss nicht kommen, und er tut das auch nicht. Der 50-Jährige verteidigt sich selber. Er habe keinen Anwalt gefunden, der seinen Fall habe übernehmen wollen, erklärt er. 

Der Hintergrund: Im Sommer 2017 hat es beim Angeklagten eine Tierschutzkontrolle gegeben. Der Beagle des Mannes wird dabei stark abgemagert und auch sonst in schlechtem gesundheitlichen Zustand vorgefunden. Der Hund leidet laut Tierarzt unter anderem an Blutarmut und einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Wegen unheilbaren Nierenversagens habe man den Hund einschläfern müssen. Der Angeklagte hätte den Hund früher zum Tierarzt bringen müssen, schreibt der Staatsanwalt. Er spricht aber von einem eher geringen Verschulden. 
 

Er habe seinen Hund geliebt

Der Schweizer sagt, dass sein Hund schon früher gelegentlich wenig gefressen habe. Er habe dem Beagle dann jeweils anderes Futter gegeben. Das habe das Problem gelöst. Er gebe zu, dass er mit dem Hund eine Woche früher zum Tierarzt hätte gehen sollen. Er würde einen Hund niemals absichtlich leiden lassen, versichert der Angeklagte in der Verhandlung mehrmals. Er habe nicht bemerkt, dass sein Hund Schmerzen leide und blutigen Urin absetze. Beagles würden nicht winseln, wenn sie schmerzen hätten. Niereninsuffizienz sei bei Hunden dieser Rasse weit verbreitet. Der Hund wäre also ohnehin gestorben. Er habe seinen Hund geliebt. Er sei  auch einmal gezwungen gewesen, einen Hund einschläfern zu lassen, sagt der Angeklagte mit tränenerstickter Stimme. Der Richter weist den Mann darauf hin, dass es um fahrlässige, nicht um vorsätzliche Tierquälerei geht.

Nach einer halbstündigen Beratung folgt das Urteil: Der Gerichtsschreiber verkündet einen Freispruch. Am meisten überrascht ist offenbar der Angeklagte, der in einer ersten Reaktion fragt, ob das ein Scherz sei. Das ist es aber nicht. 

Der Hund habe ein inkonsistentes Fressverhalten gezeigt. Davon müsse man ausgehen. Der Besitzer habe deshalb nicht sofort auf eine Krankheit des Beagle schliessen müssen, wenn das Tier nicht mehr richtig gefressen habe. Das sagt der Richter in der Kurzbegründung. Er zeigt sich auch überzeugt, dass der Angeklagte nicht hat erkennen können, wie schlecht es dem Hund gegangen ist. Der Richter sieht deshalb keine pflichtwidrige Unvorsichtigkeit. Diese wäre für eine Verurteilung wegen Fahrlässigkeit nötig. Der Richter erinnert aber daran, dass der Beagle zweifellos gelitten hat. Der Angeklagte bedankt sich mehrfach beim Richter. Die Verfahrenskosten bezahlt  bei diesem Ausgang die Staatskasse. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. 
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