DEBATTE

Zweifel an gestressten Kindern

Zwei Expertinnen für Frühe Kindheit der FHS St. Gallen wehren sich gegen Aussagen, die Thurgauer SVP-Kantonsräte in einem Vorstoss gemacht haben. Es geht um die Betreuung von Kleinkindern.
03.02.2018 | 05:18
Sebastian Keller

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Weil Kinder zu früh in die Krippe geschickt werden, leiden sie an Bindungsstörungen und sind gestresst: Mit dieser Annahme haben vier Thurgauer SVP-Kantonsräte einen Vorstoss mit Fragen an die Regierung eingereicht. Die Antwort steht noch aus.

Aufgrund eines Medienberichtes über den Vorstoss haben sich Expertinnen der Frühen Kindheit bei dieser Zeitung gemeldet. Besorgte Eltern hätten sie ebenfalls darauf angesprochen. Bettina Grubenmann und Mandy Falkenreck befassen sich mit dem Thema Kinder in den ersten Lebensjahren; sie forschen und lehren an der FHS St. Gallen im Fachbereich Soziale Arbeit. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die Perspektive des Kindes. Grundsätzlich begrüssen sie, dass das Thema aufs politische Parkett kommt. Dann kommt das Aber.

45 Prozent seien zu hoch

Gibt es denn keine gestressten Kleinkinder? «Natürlich gibt es die», sagt Mandy Falkenreck. Dass rund 45 Prozent der Kinder in der Schweiz bindungsgestört seien, wie im Vorstoss behauptet wird, zweifelt sie aber an. «Wie wurde das denn gemessen?» Die Zahlen, die das belegen, würden wohl aus Metastudien stammen, die nicht unbedingt Daten aus der Schweiz zusammenfassen. Bettina Grubenmann weist darauf hin, dass für eine gesunde Entwicklung und das Wohlbefinden eines Kindes viele Faktoren ausschlaggebend seien. Grosse Risikofaktoren seien Armut und instabile Verhältnisse. «Vor allem im ersten Lebensjahr.»

Die Beliebtheit von Krippen in der Schweiz führen die Wissenschaftlerinnen auch darauf zurück, dass Elternurlaube nicht ausgebaut seien und es keine Arbeitsplatzgarantie gibt. Elternzeit, wie in anderen europäischen Ländern, kennt die Schweiz nicht. Einer berufstätigen Mutter steht von Gesetzes wegen 14 Wochen Mutterschaftsurlaub zu, einem Vater gerade mal ein Tag. Eine Volksinitiative, die 20 Tage fordert, wurde im Sommer eingereicht. Der Abstimmungstermin ist noch nicht fixiert.

Ob die Betreuung durch die leiblichen Eltern oder durch familienexterne Einrichtungen besser sei, können die Forscherinnen nicht beantworten. Verschiedene Studien würden hierzu verschiedene Aussagen machen. «Es gibt Studien, die besagen, dass Krippenkinder sozialer sind», sagt Bettina Grubenmann. «Die unterschiedlichen Betreuungsformen gegeneinander auszuspielen, bringt aber aus unserer Sicht nichts», findet sie.

Bestätigen können die beiden Wissenschaftlerinnen aber, dass Kinder Bezugspersonen brauchen, stabile und verlässliche Bezugspersonen. «Das muss aber nicht unbedingt der biologische Vater oder die biologische Mutter sein», sagt Falkenreck. Dies würde auch den Lebensrealitäten nicht gerecht. So seien verschiedene Modelle Alltag: Patchwork-Familien, Regenbogenfamilien, Pflegeeltern, Kinder, die bei ihren Grosseltern oder anderen Verwandten aufwachsen. Auch in der Krippe hätten Kinder in der Regel eine feste Bezugsperson. «Ganz wichtig ist, dass sich die Bezugspersonen untereinander austauschen, im Dialog sind», sagt Falkenreck. Und die Bezugspersonen sollen das Kind regelmässig nach seinem Wohlbefinden fragen; es beobachten, seine Bedürfnisse erkennen.

Die richtige Umgebung ist wichtiger als die Dauer

Wie viel Krippentage zu viel seien, lasse sich kaum beantworten. In der Regel besuchen Kinder mindestens eineinhalb Tage eine Krippe. «Wichtiger als die Dauer des Krippenaufenthaltes ist die richtige Umgebung», betont Mandy Falkenreck. Idealerweise sind in Krippen Anregungs- und Rückzugsräume vorhanden. Also Räume, wo die Kinder spielen können und solche, wo sie sich zum Ausruhen zurückziehen können. «Im Idealfall entscheidet das Kind selber, wann es wo sein will», sagt die Expertin der Frühen Kindheit.

Grubenmann und Falkenreck verweisen darauf, dass die Datenlage zum Thema «Frühe Kindheit» allgemein dünn sei und sich vorwiegend auf spezifische Fragestellungen ausrichtet. Entsprechend schwierig sei es, allgemeingültige Aussagen zu machen. So wisse man nicht, wie viele Kinder in welchem Umfang fremdbetreut werden und in welchen Institutionen. «Hilfreich für die Debatte wäre es zu wissen, wie Kinder in der Schweiz aufwachsen», sagt Grubenmann. Eine Studie, welche dieser Frage auf den Grund geht, würde sie begrüssen. «Es gibt grossen Forschungsbedarf», ergänzt Falkenreck. Auf die regierungsrätliche Antwort aus den Federn der SVP-Kantonsräte sind sie ohnehin gespannt.

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