SEXUALITÄT

«Wissen schützt vor Übergriffen»

Immer mehr Lehrer greifen für die Sexualaufklärung ihrer Klasse auf eine Expertin der Perspektive Thurgau zurück. Jetzt hat der Kanton entschlossen, dieses Angebot in Zukunft nicht mehr finanziell zu unterstützen.
11.04.2018 | 18:03
Larissa Flammer
Sexualaufklärung in der Schule beinhaltet mehr als nur Anatomie und Biologie. Kinder und Jugendliche setzen sich dabei unter anderem mit Liebe auseinander, aber auch mit Gewalt, Rechten und Gesundheit in Zusammenhang mit Sexualität. «Sie lernen, Sexualität gesund, lustvoll und verantwortungsvoll sich selber und anderen gegenüber zu gestalten», sagt Rita Messerli. Die Sexualpädagogin bietet im Auftrag der Perspektive Thurgau unter anderem sexualpädagogische Schuleinsätze an. Die Nachfrage danach steigt von Jahr zu Jahr. 2017 haben die Sexualpädagogin und ihre Mitarbeiter 350 Lektionen an Thurgauer Schulen gehalten.

Sexualaufklärung ist Teil des Thurgauer Lehrplans. Schulen und Lehrpersonen sind aber mehr oder weniger frei bei der Gestaltung des Unterrichts. Eine Tatsache, die eine nationale Stiftung kritisiert (siehe Zweittext).

Nicht jede Person kann gleich gut über Liebe und Sex sprechen. Einige Lehrer geben Rita Messerli deshalb den Auftrag, den gesamten sexualkundlichen Unterricht ihrer Klasse zu übernehmen, andere holen sie zur Unterstützung dazu. In beiden Fällen gilt: «Um eine möglichst offene Gesprächssituation zu erreichen, führe ich den Unterricht ohne die Anwesenheit der Lehrperson durch», sagt Messerli. Da sie das Leben der Jugendlichen nach dem Unterricht wieder verlässt, fällt das Sprechen über gewisse Themen leichter.
 

Kanton spart 40000 Franken

Eine Lektion der Sexualpädagogin kostet 140 Franken. Bis jetzt trägt der Kanton davon die Hälfte, die andere Hälfte zahlt die Schule. Im neusten Thurgauer Sparprogramm – dem Haushaltsgleichgewicht 2020 – hat der Regierungsrat nun beschlossen, dass der Kanton ab dem Jahr 2020 keinen finanziellen Beitrag mehr leistet. Rita Messerli sagt: «Dann werden die ganzen Kosten für den Schuleinsatz der Schule in Rechnung gestellt.»

Der Entscheid hat im Thurgauer Grossen Rat zu Diskussionen geführt, stand jedoch nicht zur Abstimmung. Mit dem Verzicht auf die Unterstützungsbeiträge spart der Kanton jährlich 40000 Franken. Wie viele Schulen bereit sein werden, den gesamten Betrag zu bezahlen, wird sich zeigen müssen.
 

Wissen mit der Lebenswelt der Kinder verbinden

Vor allem bei 5./6. Klassen und in Sekundarschulen ist Rita Messerli im Einsatz. Die Themen werden mit der Lehrperson abgesprochen und dem Alter der Schüler angepasst. Ein Ziel der Sexualpädagogik ist das Verbinden von Informationen mit der Lebenswelt der Jugendlichen. Zum Beispiel kommen Kinder über digitale Medien schon früh mit sexuellen Inhalten und Pornografie in Kontakt, wie Messerli sagt. Ihr Unterricht wirkt präventiv, indem sie Kindern Wissen im Umgang mit diesen Medien liefert. Mit Wissen sollen die Kinder auch vor sexuellen Übergriffen geschützt werden.

Ob die Schüler in ihrem Unterricht eher forsch oder scheu sind, ist für Rita Messerli zweitrangig. Der Entwicklungsstand, aber auch «familiäre und gesellschaftliche Gegebenheiten haben einen Einfluss auf das Verhalten». Der Unterricht bietet eine Plattform, in der die Kinder begleitet über Themen der Sexualität sprechen können. Messerli sagt: «Die brauchen sie im Zeitalter der vielfältigen sexuellen Möglichkeiten.»
 

Experten bestätigen Aufklärung

Der Bundesrat hat im Februar einen Expertenbericht zur Sexualaufklärung in der Schweiz veröffentlicht. Dieser betont die Wichtigkeit der schulischen Sexualaufklärung für die Chancengleichheit aller Kinder und Jugendlichen. In einer Medienmitteilung heisst es: «Die Aufklärung betrachtet die Sexualität nicht nur aus biologischer Sicht, sondern berücksichtigt auch deren psychologische, soziale, kognitive, affektive, sinnliche, kulturelle und moralische Komponente.» Die Schweiz schneidet bei der sexuellen Gesundheit von Jugendlichen im internationalen Vergleich gut ab. Die Raten von Teenagerschwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen bei 15- bis 19-Jährigen gehören zu den tiefsten weltweit, wie es weiter heisst.

Die Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz begrüsst den Expertenbericht und schreibt in einer Mitteilung, dass die formelle schulische Sexualaufklärung überall gewährleistet und umgesetzt sein muss. Sie fordert eine nationale Koordination, weil die Umsetzung je nach Landesteil verschieden gestaltet ist. In der Deutschschweiz hänge es von der Willkür ab, ob ein Kind Zugang zur Sexualaufklärung hat. In der lateinischen Schweiz seien dagegen die entsprechenden Schulstunden organisiert und mit Unterstützung von Fachpersonen gestaltet. (lsf)

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