«Wir bangten, ob er es schafft»

  • Eva Büchi in der Tägerwiler Seerhein-Badi, wo sie den chinesischen Jugendlichen aus dem Wasser zog.
    Eva Büchi in der Tägerwiler Seerhein-Badi, wo sie den chinesischen Jugendlichen aus dem Wasser zog. (Bild: Thi My Lien Nguyen)
05.08.2017 | 05:18

TÄGERWILEN ⋅ Bei einem Badeunfall wäre ein chinesischer Gastschüler an der Kantonsschule Kreuzlingen beinahe ertrunken. Das beherzte Eingreifen von Lehrerin Eva Büchi rettete dem Jugendlichen wohl das Leben.

Urs Brüschweiler

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch

Es waren Momente, Minuten und Stunden, die Eva Büchi nie vergessen wird. Die Lehrerin und Verantwortliche des Schüleraustauschprojekts an der Kantonsschule Kreuzlingen verbrachte den Morgen des 28. Juni mit der Klasse aus Shanghai auf einem Schiffsausflug. Die elf Gastschüler zwischen 15 und 16 Jahren waren zu Besuch auf Schloss Arenenberg. «Den Nachmittag wollten wir nutzen, um in die Badi Tägerwilen zu gehen», erzählt Büchi. «Die Jugendlichen sollten unsere wunderschöne Natur kennen lernen.»

Die Lehrerin ist Rettungsschwimmerin und -taucherin. Sie ging zuerst ins Wasser, prüfte die Wassertemperatur, versicherte sich, dass keine Strömung vorhanden war und sprang vom Sprungturm, um sich über die ausreichende Wassertiefe zu versichern. Gut gelaunt wateten darauf die Schüler unter Auf- sicht von Eva Büchi und des chinesischen Begleitlehrers ins Wasser. Plötzlich brach ungefähr 25 Meter vom Ufer entfernt vor dem Floss Unruhe aus. Dort ist es nicht ganz zwei Meter tief. «Die Kinder schrien zuerst auf Chinesisch. Als einer der Jugendlichen auf Deutsch um Hilfe rief, schwamm ich sofort los.»

«Ich sagte mir: Ich schaffe das»

An der Unfallstelle tauchte sie ab. Auf dem Seegrund sah Eva Büchi einen der Jugendlichen mit offenen Augen leblos auf dem Rücken liegen. «Ich wusste, jetzt stürzt eine Lawine auf mich ein. Für einen Sekundenbruchteil machte mir das Angst. Dann sagte meine innere Stimme: Ich akzeptiere alles, was jetzt kommt und werde es schaffen.» Die Lehrerin holte nochmals tief Luft, tauchte ab, packte den Jungen unter den Schultern, zog ihn an die Oberfläche und brachte ihn mit letzter Kraft ans Ufer. Auf den letzten Metern kam ihr ein Badegast entgegen, zusammen legten sie den jungen Mann auf den Boden. Eva Büchi begann mit der Herzmassage und der Mund-zu-Mund-Beatmung. Der Badegast alarmierte derweil den Rettungsdienst. Eine junge Frau, die auf dem Seeweg spazierte, kam zu Hilfe und unterstützte Eva Büchi. «Drei fremde Menschen waren plötzlich ein gut funktionierendes Team.»

Mit der Rega ins Spital

Doch der junge Chinese blieb leblos. Knapp zehn Minuten später – allen kam dies wie eine Ewigkeit vor – traf ein Rescue-Team der Herzklinik Kreuzlingen ein. Sie schafften es, ihn zurück ins Leben zu holen. Mit dem zwischenzeitlich gelandeten Rega-Helikopter wurde er kurz darauf ins Spital geflogen. Die Leitung der Kantonsschule schickte derweil Fahrer, um die anderen Schüler abzuholen. In Kreuzlingen warteten bereits Mitglieder des Care-Teams Thurgau und auch die Eltern der Gastfamilien der Schüler. «Es war eine absolute Ausnahmesituation. Trotz des Schockes haben alle Beteiligten richtig und schnell reagiert», erzählt Eva Büchi.

Für sie folgte danach eine Befragung durch die Polizei und den Staatsanwalt. Der Zustand des Jugendlichen war zehn Tage lange sehr kritisch. «Wir mussten lange bangen, ob er es schafft.»

18 Tage später zurück in Shanghai

Büchi besuchte ihn zweimal auf der Intensivabteilung im Spital; einen Tag nach dem Unfall, und zwei Tage vor seinem Rücktransport nach Shanghai. «Für mich ist seine Genesung ein Wunder. Der Oberarzt erklärte mir, dass dies nur dank meiner raschen Rettung und der konsequent durchgeführten Reanimation möglich war.» Er habe gute Aussichten wieder der Teenager zu werden, der er war.

Für die 54-Jährige Lehrerin war diese Information eine riesige Erleichterung. Noch heute sitzt ihr der Schreck in den Knochen, wenn sie an die emotional schwierigen Wochen zurückdenkt. «Alle an der Kanti standen wie unter einem Schock.» Eva Büchi ist überzeugt, keinen Fehler gemacht zu haben. «Wir hatten im Mai in Shanghai angefragt, ob alle schwimmen können. Unsere Chinesischlehrerin und auch ich fragten die Schüler unabhängig voneinander am Vortag des Unfalls noch einmal. Alle hatten dies mehrfach auch auf Chinesisch und auf Deutsch bejaht.» Auch dass ein Bad im See geplant war, sei nach China kommuniziert worden. Ihre Aufsichtspflichten habe sie erfüllt, ist sie sich sicher.

Unfallursache bleibt ein Rätsel

Die Ursache für den Unfall hingegen liegt nach wie vor im Dunkeln. «Wir wissen nicht, warum er versank.» Darüber spekulieren möchte Eva Büchi nicht. Umso mehr ist es ihr ein Anliegen, allen Helfern und Unterstützern grossen Dank auszusprechen. «Die Geschichte soll motivieren, im Notfall einzuschreiten und zu helfen.» Am Tag der Rückreise nach Shanghai besuchte die Mutter des fast ertrunkenen Jugendlichen zum Abschied mit Eva Büchi den Badeplatz. «Dabei umarmte sie mich zum Dank für die Rettung ihres Sohnes.»

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