ERNEUERBARE ENERGIE

Wasserstoff frisst zu viel Energie

Der Kanton Thurgau kann das Problem der Stromüberschüsse nicht mit der Umwandlung in Wasserstoff lösen. Diese Speichertechnik ist gemäss einer Studie noch weit entfernt von einem wirtschaftlichen Einsatz.
04.04.2018 | 06:56
Thomas Wunderlin

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Solarstrom kann ohne Zwischenspeicher nicht zur nächtlichen Beleuchtung verwendet werden. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie diese gespeichert werden können. Antworten liefert ein letzter Woche vom Regierungsrat veröffentlichter Grundlagenbericht zur Situation im Thurgau. Grosse Hoffnungen werden auf Wasserstoff und Methan gesetzt. Theoretisch kann mithilfe der beiden Gase der Klimawandel gestoppt werden, wenn sie mit erneuerbarer Energie produziert werden. Das Prinzip ist einfach. Wasser kann mit Hilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten werden. Kommt zum Wasserstoff Kohlendioxid dazu, wird daraus Methan, auch als Erdgas bekannt. Gespeichert werden könnte es im Netz der Erdgas Ostschweiz. Mit Erdgas kann man heizen, Auto fahren oder einen Generator betreiben.

Bis zu 80 Prozent Verlust bei der Gasspeicherung

Der Bericht beziffert das Speicherpotenzial auf 3,3 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs im Thurgau. Allerdings ist die Energieeffizienz dieses Verfahrens sehr gering. Bis zu 80 Prozent des eingesetzten Stroms gehen verloren. Gemäss dem Bericht ist die Umwandlung in Wasserstoff, Methan und auch in Methanol noch «weit entfernt von einem wirtschaftlichen Einsatz». Als Beispiel wird der vom Grossverteiler Coop betriebene weltweit erste Wasserstofflastwagen erwähnt. Betankt wird er im aargauischen Hunzenschwil. Eine Brennstoffzelle wandelt den Wasserstoff in Strom um, der den Elektromotor antreibt. Die Betriebskosten des Wasserstofflastwagens sind vergleichbar mit einem konventionellen Diesellastwagen. Allerdings sind Fahrzeuge mit Brennstoffzellen von der Mineralölsteuer und der Schwerverkehrsabgabe befreit. «Bei einer breiten Anwendung würden plötzlich grosse Einnahmen für die Aufrechterhaltung der Verkehrsinfrastruktur wegbrechen», warnen die Verfasser des Berichts. Ausserdem beruht die Wirtschaftlichkeit auf sehr tiefen Stromkosten von 4 Rappen pro Kilowattstunde.

Im Gegensatz zu Gas weisen Batterien eine sehr hohe Energieeffizienz auf: Sie geben bis zu 95 Prozent des eingespeisten Stroms wieder ab. Die Kosten sind mit 30 Rappen pro Kilowattstunde hoch; sie sollen bis 2025 auf unter 20 Rappen pro Kilowattstunde sinken. Beim Einsatz in Fahrzeugen liegt der Nachteil der Batterien vor allem in ihrem hohen Gewicht.

Der Regierungsrat sieht sich durch den Grundlagenbericht in seiner Energiepolitik bestätigt. Bei einem Überangebot an Strom aus erneuerbaren Energien setzt er auf kostengünstige Möglichkeiten wie die Steuerung des Stromverbrauchs, die Abschaltung von Spitzenlieferungen und die Verwendung vorhandener dezentraler Batteriespeicher. Ein Teil der Empfehlungen des Berichts wird laut Regierungsrat bereits umgesetzt, so die Installation von Wärmepumpen und Batteriespeichern. Der Kanton prüfe bei der Beschaffung von Fahrzeugen, ob Elektrofahrzeuge eingesetzt werden könnten. Zudem sei ein Bericht zur E-Mobilität in Erarbeitung. Der Energiespeicher-Bericht geht auf einen Antrag von Stefan Leuthold zurück. Der Frauenfelder GLP-Kantonsrat ist zufrieden mit dem Resultat. Der Bericht sei «nötig und wichtig». Jetzt sei die Behauptung widerlegt, dass erneuerbare Energien das Stromnetz aus dem Gleichgewicht brächten. Der Bericht komme vielleicht zwei, drei Jahre zu früh. In naher Zukunft werde es noch höhere Stromüberschüsse geben. Schade sei es, dass die Umwandlung von Strom in Gas so teuer sei, «wenn der Energiepreis so tief ist wie jetzt». Der Thurgau könne nicht allein Benzin und Diesel durch Wasserstoff ersetzen. Dafür würde es laut Leuthold eine nationale Lenkungsabgabe brauchen.

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