EIERLIEFERANT

Was für ein Schweizer Huhn

Beinahe wäre das Huhn in den Nationalfarben der Schweiz ausgestorben. In Amriswil gezüchtet, erlebt es heute eine Wiederauferstehung in Neukirch an der Thur.
05.04.2018 | 06:59
Ines Biedenkapp

Ines Biedenkapp

ines.biedenkapp@thurgauerzeitung.ch

Mit lautem Gackern wehrt sich das weisse Huhn. Es will weglaufen, doch Astrid Spiri hat es fest im Griff. Das weisse Huhn mit dem kurzen roten Kamm ist eine Seltenheit. Wegen seines Aussehens kam es zu seinem Namen: Schweizer Huhn. Die Hühner wurden 1905 in Amriswil von Alfred Weiss gezüchtet. Da das Huhn hervorragend zum Eierlegen und gleichzeitig ein wertvoller Fleischlieferant war, erfreute sich die Rasse vor allem in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen grosser Beliebtheit.

Heute wird die Rasse durch die Stiftung ProSpecieRara und dem Züchterverein für ursprüngliches Nutzgeflügel (ZUN) geschützt und fortgeführt. Astrid Spiri, Präsidentin des ZUN, hat selbst vier Schweizer Hühner und ist stolz darauf: «Sie sind schon etwas sehr Besonderes.» Sie selbst kam per Zufall zum Schweizer Huhn. Auf einem Bauernhof aufgewachsen, stand für sie immer fest: Falls sie selbst einmal eine Familie haben sollte, gehören Hühner und Gänse einfach dazu. «Wir haben 1997 dann tatsächlich das Haus meiner Grossmutter erworben und etwa zur selben Zeit habe ich einen Artikel über das Schweizer Huhn gelesen. Und da dachte ich mir: warum nicht? So kam ich zum Schweizer Huhn.»

Eine Rasse von 1910

Dabei wäre die Rasse beinahe ausgestorben. Als ein Rassenstandard und Verein 1910 gegründet wurde, hatte sich damals keiner vorstellen können, dass man die Rasse nur ein paar Jahre später fast vergisst. Denn die beginnende Industrialisierung der Landwirtschaft und moderne Rassen, die gut doppelt so viele Eier legen, verdrängten das Schweizer Huhn. 1971 gab es fast keine Schweizer Hühner mehr. Daher führte ProSpecieRara 1991 das Schweizer-Huhn-Projekt ein, um das Huhn vor dem Aussterben zu bewahren.

Vergleicht man das Schweizer Huhn mit anderen Hühnern, fällt auf, dass es grösser und kräftiger ist. Ein Hahn kann gut und gerne dreieinhalb Kilo wiegen. Sein Gewicht und die Grösse erschweren dem Huhn das Fliegen. «Zudem erkennt man sehr gut, dass jedes Huhn seine eigene Charaktereigenschaft hat», sagt die Präsidentin des ZUN. «Während – ich sage jetzt einfach mal normale Hühner – eine sehr strenge Hack- und Rangordnung haben, geht es das Schweizer Huhn eher lässiger an.» Vor allem in den Wintermonaten zeigt das Huhn seine Widerstandsfähigkeit, denn Kälte macht ihm wenig aus. «Der kurze rote Rosenkamm friert im Winter nicht ein, daher braucht das Schweizer Huhn im Winter auch keinen beheizten Hühnerstall», sagt Astrid Spiri.

Wer selbst gerne einmal ein Schweizer Huhn haben möchte, kann sich an den ZUN wenden. Wer die Tiere nicht zur Schlachtung, sondern nur für die Eierproduktion einsetzen möchte, sollte beachten, dass ein Schweizer Huhn bis zu sechs Jahre alt werden kann. Trotz seines ruhigen Wesens ist das Huhn in Astrid Spiris Arm froh, dass der Fototermin endlich vorbei ist. Schnell rennt es zu seinen Artgenossen im Stall und erholt sich von der Aufregung.

Küken auf Reservation

Interessierten bietet der Züchterverein für ursprüngliches Nutzgeflügel jedes Jahr einen Kurs über Brut, Kükenaufzucht und Geflügelhaltung. Der nächste Kurs findet am Vormittag des 21. April statt. Man kann vorgängig Küken reservieren und am Mittag mitnehmen. Da der Verein männliche Nachkommen nicht tötet, bekommt man auch Hähne. Diese können im Herbst zur Zucht eingesetzt werden. (ibi)

Anmeldung per E-Mail

info@zun-schweiz.ch

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