Vom Tod ins Leben

  • Der Welttag zur Suizidprävention soll auf das gesellschaftliche Tabuthema aufmerksam machen und Betroffenen zeigen, dass es bei einer schweren Krise Auswege und Hilfe gibt.
    Der Welttag zur Suizidprävention soll auf das gesellschaftliche Tabuthema aufmerksam machen und Betroffenen zeigen, dass es bei einer schweren Krise Auswege und Hilfe gibt. (Merche Portu (Moment RF, Symbolbild))
08.09.2017 | 18:55

SUIZID ⋅ Stefan Lange war unglücklich in eine Thurgauerin verliebt. Er wollte sich das Leben nehmen. Eine alte Freundin schenkte ihm Zuversicht. Heute setzt er sich für eine offene Diskussion ein und erzählt in einer Youtube-Serie von seinem Schicksal.

Sabrina Bächi
Die Thurgauer Bauern waren mit der Apfelernte beschäftigt. Die Sonne wärmte mit goldenen Strahlen. Stefan Lange fühlte sich so frei wie nie zuvor in seinem Leben. Geborgen und glücklich. Es sollte der letzte Tag seines Lebens sein. Hoffte er. «Tod in Kümmertshausen, wen kümmerts? Passend», fand er. Suchte sich einen abgelegenen Ort nahe des Waldes und ass einen grossen Becher Erdbeerjoghurt – vermischt mit 50 Schlaftabletten. Der Mond ging auf, der Wald rauschte und zu den Klängen von «Streets of Philadelphia» schlief er ein.
Stefan Lange (PD)
Heute ist Stefan Lange 52 Jahre alt, lebt seit 18 Jahren in einer Beziehung. Seine neue Heimat ist das Tessin. Zwei Mal wollte sich der Deutsche das Leben nehmen. Doch er hat überlebt. Heute setzt er sich dafür ein, vermehrt über das Tabuthema Suizid zu sprechen. Er tritt an Tagungen auf, hält Vorträge, hat ein Buch geschrieben. Vor knapp zwei Jahren drehte er eine 60-teilige Youtube-­Serie. Er erzählt aus seinem Leben und weshalb er seinem Leben ein Ende setzen wollte. Offen, ehrlich, schonungslos. Seine Erfahrungen helfen anderen Menschen, die selbst in einer Krise stecken, neuen Mut zu fassen. Er betreibt Suizidprävention, indem er mit seinem Schicksal in der Öffentlichkeit auftritt.

Der glückliche und zufriedene Mann – eine perfekte Maske «Suizid ist nicht nur ein Ereignis. Es ist ein langer und destruktiver Prozess», sagt Stefan Lange. Sein Leidensweg begann bereits in der Kindheit. Er litt unter seinem gewalttätigen Vater. «Als Kind dachte ich, dass ich die Schläge verdiene.» Selbstzweifel bestimmen sein Leben. Nach aussen merkt davon niemand etwas. Den glücklichen und zufriedenen Mann spielen – das ist seine perfekte Rolle. Doch hinter der Maske sieht es düster aus.

1994 reist er nach Abschluss seines Betriebswirtschaftsdiploms nach Sevilla. Dort lernt er Susanne kennen. Eine Thurgauerin. Sie verlieben sich, schmieden Zukunftspläne. Der Haken: Susanne ist eigentlich vergeben. Plötzlich beendet sie die Beziehung und kehrt zu ihrem Freund in den Thurgau zurück. Das Loch, in das Stefan Lange fällt, ist tief. Er versucht, seine Schmerzen mit Alkohol und Tabletten zu unterdrücken. Für ihn steht fest: Er will nicht mehr leben. «Der Entschluss, mein Leben zu beenden, hat mich von dem ganzen Druck befreit.» Aus Ohnmacht wurde Macht. Macht über sich selber und über sein Leben. Das gab ihm die Freiheit, die er immer suchte. «Weil ich mich zum Tode verurteilt hatte, wollte ich mir einen letzten Wunsch erfüllen: Susanne wiedersehen.» Also fährt Lange die weite Strecke bis in den Thurgau, im Bewusstsein, dass er nie wieder nach Hause zurückkehren wird. Lässt alles hinter sich. Seine Familie, seine Freunde, sein Leben.
 

Sein Leben – ein Scherbenhaufen

Das Wiedersehen mit Susanne ist dramatisch. Danach fährt er mit dem Auto durch den Thurgau, bis er in Kümmertshausen ankommt – sein Platz zum Sterben, beschliesst er. Doch der Suizidversuch scheitert. Völlig benebelt von den vielen Tabletten, die er schluckte, fährt er zwei geparkte Autos an, verwüstet einen Vorgarten und landet schliesslich im Strassengraben. Daran erinnern kann er sich nicht. Zwei Tage später erwacht er wieder. Im Gefängnis. Der misslungene Versuch hinterlässt grosse Wut bei ihm. Noch am selben Tag versucht er es erneut. Vergebens. Er kehrt zurück nach Deutschland. Versinkt in Depressionen, im Tabletten- und Alkoholrausch. Sein Leben: ein einziger Scherbenhaufen.

Nur eine zufällige Begegnung mit einer alten Freundin, Anja, hilft ihm aus der Krise. «Sie sagte zu mir: Dir geht es nicht gut, ich spüre das. Dann habe ich ihr ­alles erzählt», sagt Lange. Anja hört ihm zu. Verurteilt ihn nicht. Nimmt ihn als Mensch wahr und gibt ihm die Hoffnung zurück. Schliesslich hilft sie ihm, einen Therapeuten aufzusuchen. Dort schreibt er seine Erlebnisse als Therapieform nieder. Daraus entsteht ein Buch. Dann dreht er die Youtube-Serie «Komm, lieber Tod». Über eine Million Mal wurde die Serie schon aufgerufen. Stefan Lange erhält täglich Mails von Betroffenen, die sich für seine Offenheit bedanken. Viele können sich mit seinem Leid identifizieren. Nicht nur das: Sie wissen auch, Stefan Lange hat seine Krise gemeistert. «Wir wollen auch Nichtbetroffene dazu animieren, anderen zu helfen. Jeder sollte eine Anja haben», sagt Lange. Dass er etwas weitergeben und anderen helfen kann, gibt ihm Kraft. «Es gibt bessere und schlechtere Tage. Aber es ist vieles gut und richtig geworden.» Mit dem Thurgau fühlt er sich heute speziell verbunden. Öfters geht er an den Bodensee, tankt Kraft in der Natur, erfreut sich an der Thurgauer Landschaft. Er weiss: «Ich hätte viele schöne Dinge verpasst.»

Die Psychologin Beatrice Neff arbeitet bei Perspektive Thurgau im Zuständigkeitsbereich psychische Gesundheit. Zum fünften Mal organisiert sie zum Welttag zur Suizidprävention am 10. September einen Anlass. Aufklärung über das Tabuthema psychische Krankheit ist ihr sehr wichtig. Lesen Sie hier das Interview.
 

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