Tierschützer errichten ein Protest-Camp

  • Essen und Getränke: Die Protestierenden richten sich auf eine lange Nacht ein.
    Essen und Getränke: Die Protestierenden richten sich auf eine lange Nacht ein. (Andrea Stalder)
06.08.2017 | 21:25

TIERQUÄLEREI ⋅ Besorgte Bürger demonstrieren schon die zweite Nacht beim Hof von Ulrich K. in Hefenhofen. Dieser beschimpft sie beim Vorbeifahren. Weil er mit dem Auto auf Demonstranten schwenkte, hat er eine Anzeige am Hals. Beim Kanton ist am Montag Krisensitzung.

Silvan Meile
In Hefenhofen spitzt sich die Lage zu. Tierschützer und besorgte Bürger richteten sich am Sonntagabend bereits für die zweite Nacht ihrer Mahnwache ein. Ein Zelt soll aufgebaut werden, Feldbetten werden herbeigeschafft, während Helfer in Leuchtwesten mit der Aufschrift «Tierschutzverein Romanshorn» die Protestierenden mit Essen versorgen. 
 
Gleichzeitig berichten Augenzeugen, dass Pferdezüchter Ulrich K., gegen den sich der Protest richtet, sonntags seinen in die Schlagzeilen geratenen Hof vor den Blicken der Demonstranten schützte. Er stellte zwei Lastwagenanhänger vor den Eingang zum Stall, um zumindest die Sicht darauf stark einzuschränken. Immer wieder beschimpfe K. die Protestierenden, wenn er mit seinem Fahrzeug an ihnen vorbeifährt. 

Eine Anzeige wegen  aggressivem Fahrverhalten

Hektik kam am Sonntagnachmittag auf, als die Demonstranten Ulrich K. in einem silbrigen Geländewagen ohne Nummernschildern vom Hof fahren sehen. «Das Fahrzeug fuhr in Richtung Amriswil, schwenkte aber plötzlich aufs Trottoir, auf dem Personen standen», sagt Tierfreund Kurt Messmer. Nur mit einem Sprung zur Seite hätten sich vier Demonstranten retten können, erzählt eine Augenzeugin. Anwesende Tierschützer filmten die Szene mit dem Handy. 
 
Auf dem Video ist zu erkennen, wie das Fahrzeug tatsächlich kurz aufs Trottoir schwenkt. Die Aufnahmen seien bereits bei der Polizei, sagen die Demonstranten. Sie haben Anzeige erstattet. In Hefenhofen scheinen beide Seiten die Nerven zu verlieren. In der Nacht habe K. sogar einen Warnschuss abgeben, sagt Corinne aus Wil. Sie hat die ganze Nacht bei den Demonstrierenden verbracht.
 
«Wir erhalten von beiden Seiten Anrufe auf der Notnummer 117», sagt Mario Christen, Mediensprecher der Thurgauer Kantonspolizei. Er bestätigt den Eingang der Anzeige wegen des Schwenkers mit dem Auto. Das Video werde ausgewertet. Falls darauf strafrechtlich relevante Vorgänge zu erkennen seien, werde dies an die zuständige Staatsanwaltschaft Bischofszell rapportiert. 
 

Sind die Tiere längst weggeschafft?

Das Tierleid hat die Demonstranten von Hefenhofen zusammengeführt. Rund zwanzig besorgte Bürger harrten die ganze Nacht vor dem Hof von Ulrich K. aus. Nach Tagesanbruch verdoppelte sich ihre Zahl. Hinzu kommen immer wieder Schaulustige, die sich für einige Minuten zu den Protestierenden stellen und über die Strasse auf das Grundstück von Ulrich K. spähen. 
 
Die skandalösen Bilder der vergangenen Tage von mehreren bis auf die Knochen abgemagerten Pferden haben diese Menschen dazu bewogen, Präsenz zu markieren, in Hefenhofen für den Tierschutz einzustehen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite des Hofs von Ulrich K., wo die Fotos gemäss Thurgauer Staatsanwaltschaft auch tatsächlich in jüngster Zeit entstanden, halten sie die Stellung. 
 
Vor der zweiten Nacht errichten sich die Tierfreund eine Art Protest-Camp. Damit wollen die Demonstranten nicht nur weiter Druck auf die kantonalen Behörden aufbauen, die sich am Montagvormittag zur Krisensitzung trifft, sondern auch überwachen, dass K. nicht in der Nacht unbehelligt gequälte Tiere abtransportieren kann. Seit Samstagabend sind die Demonstranten vor Ort. Das war aber vielleicht nicht früh genug, resignieren einige. «Ihr seid zu spät», habe Pferdezüchter Ulrich K. den Demonstranten bereits am Samstag zugerufen, sagt Kurt Messmer, der die ganze erste Nacht den Hof beobachtet hat. K. habe die Tiere wohl schon längst weg gebracht, mutmassen einige der Demonstranten.
 

Wut gegen Kantonstierarzt und den Regierungsrat

Das Thurgauer Veterinäramt sprach 2014 gegen Ulrich K. ein Tierhalteverbot aus. Wegen eines Formfehlers – der Anwalt des Pferdezüchters erhielt damals keine Akteneinsicht – erklärte  das Bundesgericht dieses Verbot für ungültig. 
 
Nun erheben Tierschützer mit den Bildern der abgemagerten Pferde neue Vorwürfe gegen K. Am Samstag demonstrierten beim Bahnhof in Frauenfeld rund 300 Personen wegen Tierquälerei. Zur Kundgebung hatte der Verein gegen Tierfabriken (VgT) um Präsident Erwin Kessler aufgerufen. Er forderte ein totales Tierhalteverbot für Ulrich K. sowie die Rücktritte von Regierungsrat Walter Schönholzer und Kantonstierarzt Paul Witzig, die in den Augen der Tierschützer schon viel zu lange untätig sind. 
 
Nach Meinung von Reinhold Zepf, Tierschutzverbandspräsident, ist Witzig «mit sofortiger Wirkung von seinem Amt frei zu stellen», das Dossier Ulrich K. dem Departement für Justiz und Sicherheit zu übertragen, schreibt er in einer Stellungnahme. 
 
In den sozialen Medien findet der Fall Hefenhofen enorme Beachtung. «Unser Facebook-Post über den Skandal K. hat inzwischen über eine Million Menschen erreicht», schreibt Kessler in einer Mitteilung. 
Videos zum Artikel (1)
  • Tierquäler Ulrich K. hat Anzeige am Hals

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