EKLAT

"Intrigen" bei der Landi Matzingen

Weil sich Mitarbeitende der Landi-Genossenschaft Matzingen gegen die Führung wehren, kommt es zum Knall. Drei kündigen, jemand wird freigestellt, fünf weitere unterschreiben unter Druck Vertragsauflösungen. Pikant: Eine der Personen ist schwanger.
09.02.2018 | 06:14
Samuel Koch

Samuel Koch

samuel.koch

@thurgauerzeitung.ch

Verschiedene Meinungen, ein Donnerschlag und viele Emotionen. In der Landi Matzingen bleibt seit Mitte Januar kein Stein auf dem anderen. Seit einer internen Sitzung an einem Mittwochabend arbeiten neun Angestellte weniger bei der selbstständigen Landi-Genossenschaft. Von "internen Machenschaften" ist ebenso die Rede wie von "Intrigen" und einer Geschäftsleitung, "die ihre Linie durchzieht – komme, was wolle". Die Geschäftsleitung will davon nichts wissen. "Im Zuge einer ordentlichen Kündigung durch einen Kadermitarbeiter kam es zu unserem Bedauern zur Auflösung von einer tiefen, einstelligen Zahl an Arbeitsverträgen", lässt der verantwortliche Geschäftsführer über die Fenaco-Medienstelle ausrichten.

Aber der Reihe nach: Die Genossenschafts-Verwaltung stellte 2016 einen Nachfolger für den mittlerweile pensionierten Geschäftsführer ein. Mit einem Brief setzte sie alle Mitarbeitenden davon in Kenntnis. Beim eingespielten Team mit langjährigen Angestellten sorgte der neue Geschäftsführer, der langsam eingearbeitet werden und vor kurzem die Fäden komplett übernehmen sollte, für gemischte Gefühle. "Er war von Anfang an kalt und pflegte keinen umgänglichen Kontakt", sagen mehrere gut unterrichtete Quellen unisono. Die meisten Mitarbeiter hätten sich nicht so richtig mit seinem Führungsstil anfreunden können, "auch weil sein Vorgänger vielmehr der familiäre Landi-Typ war".
 

Filialleiter als Puffer zwischen zwei Fronten

Den Eklat ins Rollen gebracht hat die ordentliche Kündigung des Matzinger Ladenfilialleiters im vergangenen November. Wie gewöhnlich stellte die Geschäftsleitung für ihn einen Nachfolger ein, um diesen einzuarbeiten. Der Neue sollte das Team nach Ablauf der Kündigungsfrist geregelt übernehmen. "Er wollte alles umkrempeln und gleicht vom Führungsstil seinem Vorgesetzten", bemängeln mehrere Mitarbeitende. Sie selbst seien nie angehört worden, was den bisherigen Ladenleiter – noch mehr als zuvor schon – in die Rolle des Vermittlers drängte. "Er war quasi der Puffer zwischen uns und der Geschäftsleitung", auch als sich die Mitarbeitende geschlossen gegen ein bereits bei der Gemeinde Matzingen öffentlich aufgelegtes Projekt für den Ausbau der Ladenfläche aussprachen. Es sei nie das Ziel gewesen, als Angestellter ins operative Geschäft zu reden. "Wir waren immer loyal, haben uns im Team gut verstanden und uns mit der Arbeit bei der Landi identifiziert", sagt jemand. Das ging so weit, dass man morgens früher anfing zu arbeiten oder nach Schichtende noch aushalf. Von Wertschätzung sei aber nicht viel spürbar gewesen. Dass das Projekt Ladenerweiterung vorerst verschoben werden würde, teilte die Geschäftsleitung den Mitarbeitenden noch vor dem besagten Mittwoch mit.
 

Ausserordentliche Sitzung nach Ladenschluss

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Nach einem bilateralen Gespräch zwischen dem bisherigen Filialleiter und neuen Geschäftsleiter erfolgt der erste Rausschmiss. Der Filialleiter, der gemäss ordentlicher Kündigung noch bis Ende Januar hätte arbeiten müssen, wird per sofort freigestellt. Die Angestellten sind sich einig, dass der Filialleiter einen solchen Abgang nach mehreren Jahren Treue und vollen Einsatzes nicht verdient hat. "Er war völlig aufgelöst." Daraufhin schmeisst unter anderem eine weitere Mitarbeiterin hin, die sich um die Ausbildung der Lehrlinge kümmerte. Tränen fliessen und bei vielen kommt die Frage auf, weshalb die Angelegenheiten nicht bei einer Aussprache geklärt werden. "Die Stimmung an diesem Tag war am Boden zerstört. An ein konzentriertes Arbeiten war kaum mehr zu denken." Auch deshalb beruft die Geschäftsleitung kurzfristig eine ausserordentliche Sitzung nach Ladenschluss ein.

In einer Art Standpauke habe der Geschäftsführer zum Rundumschlag ausgeholt. Von "negativem Team" sei die Rede gewesen, keine Widerworte habe er geduldet, jetzt rede er, habe er mehrfach gesagt. Fragen nach einer Bedenkzeit habe er abgelehnt, in einer gelben Mappe seien für alle Mitarbeiter vorbereitete Vertragsauflösungen zur Unterschrift bereitgelegen. Wer nicht mehr wolle, könne sofort unterschreiben. Wer bleibe, sei "beim Neuanfang ab morgen" dabei. Unter diesem Druck unterzeichnen fünf Mitarbeiter, der Ladenschlüssel wird ihnen abgenommen und umgehend müssen sie ihr persönliches Fächli unter Beobachtung räumen. "Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher." Für die Geschäftsleitung handelt es sich dabei weder um Kündigungen noch um Entlassungen, "sondern um Vertragsauflösungen, die im gegenseitigen Einverständnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer erfolgten".

Der Lohn für die Freigestellten ist bis Ende März gesichert. Rund 400 Franken Trinkgeld, die sich über die Jahre angesammelt haben, stünde ihnen jedoch noch zu. Nach ein paar Tagen Abstand zu den Geschehnissen bedauern es viele oder sagen: "Tragisch um das gute Team, das auseinandergebrochen ist." Eine betroffene Person meint, dass die Arbeit jeden Tag Spass gemacht habe. Bei vielen hat mittlerweile aber auch ein Sinneswandel stattgefunden, denn lange dachten sie, gute Mitarbeitende seien Kapital. Die Geschehnisse bei der Landi Matzingen hätten jedoch den Glauben daran geändert.

Fünf der sechs Mitarbeitenden ohne ordentliche Kündigung haben in Kürze wieder eine Stelle gefunden. Für jemanden hat die Angelegenheit aber wegen einer Schwangerschaft noch ein Nachspiel. Auch wenn der Geschäftsführer bei der Vertragsauflösung nicht wusste, dass die Mitarbeitende im zweiten Monat schwanger war, sind die Folgen dieser Vertragsauflösung rechtlich problematisch. Da der Fenaco-Gesamtarbeitsvertrag, dem alle Landi-Mitarbeitenden unterstellt sind, nichts anderes bestimmt, kommt das Schweizer Recht zum Tragen. So steht im Obligationenrecht, dass bei "Kündigungen zur Unzeit durch den Arbeitnehmer" auch in gegenseitigem Einverständnis weder zuungunsten des Arbeitgebers noch des Arbeitnehmers von sogenannten zwingenden Vorschriften abgewichen werden darf. Zur Unzeit definiert das Schweizer Rechtsbuch unter anderem das Verbot einer Auflösung des Arbeitsverhältnisses "während der Schwangerschaft und in den 16 Wochen nach der Niederkunft einer Arbeitnehmerin".

Dabei geht es nicht nur um den Schutz der Arbeitnehmenden, sondern auch um demjenigen des Arbeitgebers, wie einem von renommierten Schweizer Arbeitsrechtexperten veröffentlichten juristischen Lehrbuch zu entnehmen ist. "Die Arbeitgeberin läuft Gefahr, der Gegenpartei die wegen der Beendigung des Arbeitsverhältnisses entfallenen Ansprüche auf Mutterschaftsversicherung oder Krankentaggeldversicherung selber bezahlen zu müssen."
 

Anfragen beim Präsidenten bleiben unbeantwortet

Bei der Landi Matzingen beantwortet man kaum Fragen zu Gründen für die Vertragsauflösungen. Es heisst lediglich: "Die Landi Matzingen respektiert den Persönlichkeitsschutz von allen Mitarbeitenden und kommentiert deshalb unternehmensinterne Vorgänge nicht in der Öffentlichkeit." Ein ehemaliger Mitarbeiter der Landi Fürstenland attestiert dem Geschäftsführer mit militärischer Kaderposition einen harten Stil: "Er ist hart, aber fair." Auf die Frage, wie sich der Geschäftsführer selber einschätzt, antwortet dieser: "Ich höre zu und nehme konstruktive Kritik zur Kenntnis." Er sei aufgrund seiner Qualifikationen und seiner Führungserfahrung für den Posten ausgewählt worden. "Ob ich mich beim Erfüllen dieser Aufgabe bewähre und ob mein Führungsstil mit der Unternehmenskultur vereinbar ist, beurteilt mein Vorgesetzter, der Präsident der Landi Matzingen", lässt der verantwortliche Geschäftsführer ausrichten. Der Präsident wollte zu mehreren Anfragen keine Stellung nehmen.

Für die Kundschaft der Landi Matzingen bleibt indes alles beim Alten. "Der laufende Betrieb bleibt trotz personeller Veränderungen gewährleistet", schreibt die Fenaco-Medienstelle. Mit den betroffenen Mitarbeitenden hat vom Vorstand der Genossenschaft nie jemand Kontakt aufgenommen. Einer der Betroffenen sagt: "Wir hätten uns gewünscht, dass der Vorstand sich einmal noch die andere Version anhört."

Rentables Geschäft für Bauern

Die Landi Matzingen wurde 1890 gegründet und betreibt zusammen mit allen anderen Schweizer Landi-Genossenschaften die Agrargenossenschaft Fenaco, zu welcher auch die Volg-Gruppe gehört. Alleine in der Ostschweiz existieren über drei Dutzend Landi-Genossenschaften, 16 im Thurgau, 20 im Kanton St.Gallen und eine gemeinsame für die beiden Appenzeller Kantone. Die Fenaco wiederum versorgt die Landwirte mit Produktionsmitteln, übernimmt deren Erzeugnisse und vermarktet sie weiter. An der selbstständigen Landi Matzingen beteiligen sich knapp 260 Landwirte aus der Region von Matzingen bis Amlikon-Bissegg und Wängi bis Thundorf und besitzen ein Mitbestimmungsrecht. Nebst drei Volg-Filialen in der Umgebung weist der Standort Matzingen eine Agrola-Tankstelle mit Shop, einen Landi-Laden sowie ein Agrar-Center auf.

Gemäss dem aktuellsten Geschäftsbericht aus dem Jahr 2016 erwirtschaftete die Landi Genossenschaft Matzingen mit ihren 71 Mitarbeitern bei einem Umsatz von rund 31,6 Millionen Franken einen Gewinn von knapp einer halben Million Franken. (sko)

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