THURGAU

Angebliches Mobbing nach zwei Monaten: Sehbehinderter abgeblitzt

Das Verwaltungsgericht weist einen ehemaligen Sachbearbeiter der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen ab. Gemäss Urteil kann man zwei Monate nach Stellenantritt noch nicht gemobbt worden sein.
19.12.2017 | 05:17
Thomas Wunderlin

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin

@thurgauerzeitung.ch

Mobbing zu beweisen, ist nicht leicht. Gescheitert bei einem solchen Versuch ist ein 25-jähriger sehbehinderter Kaufmann aus Amriswil vor dem Thurgauer Verwaltungsgericht. Die Arbeitslosenkasse Thurgau hatte ihm 20 Einstelltage auferlegt, da er seine Stelle bei der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen per 12. März 2017 «in gegenseitigem Einvernehmen» aufgelöst hatte. Dadurch entgeht ihm eine Arbeitslosenentschädigung von 2700 Franken.

Das Verwaltungsgericht bestätigt in seinem Urteil vom 25. Oktober den Entscheid der Arbeitslosenkasse. Angesichts der Anstellungsdauer von etwas mehr als zwei Monaten fehle es an einem «systematischen und über längere Zeit andauernden Verhalten», wie es für Mobbing charakteristisch sei. Demzufolge ist seine Arbeitslosigkeit selbst verschuldet. Dafür ist vom Gesetz grundsätzlich eine Sanktion zwischen 31 und 60 Tagen vorgesehen. Dass die Arbeitslosenkasse darunter blieb, ist laut Verwaltungsgericht angemessen, da der KV-Absolvent noch in der Probezeit gegangen sei und wegen seiner Sehbehinderung am Arbeitsplatz nicht ideale Bedingungen angetroffen habe.

Wegen einer Augenerkrankung hatte er eine Malerlehre abbrechen und sich auf Büroarbeit umschulen lassen müssen. Nach dem Motto «Integration vor Rente» erhielt er bei der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen eine auf sechs Monate befristete Stelle mit der Option auf Umwandlung in eine unbefristete Stelle. Seine Aufgabe war es, Mutationen und Anmeldungen ins System einzugeben.

Von Anfang an stark unter Druck gesetzt

Seine Vorgesetzte machte ihm Anfang März klar, dass sein Arbeitsvertrag nicht verlängert werde. Nach seiner Darstellung hatte sie ihn von Anfang an stark unter Druck gesetzt, bei der Arbeit zwei Bildschirme gleichzeitig zu verwenden. Da er nur auf einem Auge zu 40 Prozent sieht, hätte er dafür auf beiden Bildschirmen statt nur auf einem eine Lupe gebraucht. So arbeitete er die letzten zwei Wochen mit dem Kopf ganz nah am Bildschirm, um etwas zu erkennen. Dadurch bekam er Nackenbrennen und Rückenprobleme. Seine Vorgesetzte habe ihm erklärt, wie schlecht er sei und habe in aggressivem Ton mehr Leistung und Qualität verlangt.

Die vom Beschwerdeführer eingereichten Akten belegen laut Urteil auch nicht, dass die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses gesundheitsgefährdend gewesen wäre, zumal er nur noch zweieinhalb Monate hätte bleiben müssen. Wegen der befristeten Anstellung spiele es keine Rolle, ob er das Problem mit der Vergrösserungsfunktion auf dem zweiten Bildschirm hätte lösen können. Auch habe er mehrfach erklärt, dass er eine 100-prozentige Leistung erbracht habe.

Er sei «überrascht und enttäuscht» über das Urteil, teilt der KV-Absolvent mit. Er werde es ans Bundesgericht weiterziehen. Das Thurgauer Verwaltungsgericht habe einen wichtigen Antrag zur Beweissicherung abgelehnt, nämlich die Offenlegung des E-Mail-Verkehrs innerhalb der Sozialversicherungsanstalt. «Ich spreche in diesem Zusammenhang von Willkür und Repression seitens des Kantons Thurgau.» Er habe belegen können, schreibt der KV-Absolvent, dass er nicht hätte weiterarbeiten können. Das Gericht sei nicht darauf eingegangen und habe sich auf das Mobbing konzentriert.

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