THURGAU

Schöne Aussichten für die Umwelt-Enthusiasten aus Roggwil

Vor zehn Jahren hoben Umwelt-Enthusiasten die Energiegenossenschaft Roggwil aus der Taufe. Was klein begann, wurde ein Erfolgsmodell. Doch die Initianten sehen sich noch lange nicht am Ziel.
15.04.2018 | 05:16
Christof Lampart
Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Ginge es darum, die schönste Sicht über den Bodensee zu geniessen – man würde sich wohl bei blauem Himmel und Sonnenschein gerne stundenlang auf Walter Buchers Dach in Freidorf aufhalten. Dort, wo der Mann der ersten Stunde bei der Energiegenossenschaft Roggwil (EN-­GE-RO) seine Solaranlage installiert hat. Für Bucher ist die «aktive Förderung der sparsamen und rationalen Energienutzung in den Bereichen Wohnen, Gewerbe, Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen und Verwaltung» – so der Zweckartikel in den Vereinsstatuten aus dem Jahr 2008 – eine echte Herzenssache.

«Wenn man selbst nichts macht und immer nur darauf wartet, dass andere etwas tun, passiert nichts», weiss er. Natürlich steht bei ihm ein E-Auto in der Garage, das gerade am Aufladen ist – wie auch bei vielen anderen Bewohnern aus Roggwil, Freidorf, Berg und Umgebung.

Zwei Millionen Kilowattstunden produziert

Tatsächlich ging von der EN-GE-RO von Anfang an eine grosse «Energie» aus. Sie wurde vor einem Jahrzehnt gegründet, weil Private mehr bezüglich Energiesparen und -effizienz tun wollten als die Roggwiler Energiekommission. Die Mitgliederzahl wuchs rasch, die Zahl der teils nur angedachten, geplanten und schliesslich ganz realisierten Projekte wuchs ebenso.

«Mittlerweile nähern wir uns mit gemeindeeigener Stromproduktion der zweiten Million Kilowattstunden», hielt EN-GE-RO-Initiant und Genossenschaftspräsident Bernhard Wälti Anfang April 2018 in einem Schreiben fest und machte unmissverständlich klar: «Wir sind mehr denn je motiviert, uns weiterhin für erneuerbare Energien einzusetzen.»

Die Welt ein bisschen besser machen

Um noch mehr gesellschaftliches Gewicht und Kapital für neue Projekte zu bekommen, will die EN-GE-RO zeitnah die nächste Evolutionsstufe – sprich: mehr Mitglieder und Kapital für neue Projekte – erreichen. «Für 2018 peilen wir den 100. Genossenschafter an. Es wäre toll, wenn wir diesen an der GV vom 9. Juni begrüssen könnten», hofft Walter Bucher. Denn eines hat sich in den letzten zehn Jahren nicht geändert: Obwohl die EN-GE-RO regional mittlerweile als Leuchtturmprojekt in Sachen Eigeninitiative bezüglich Energieeffizienz und -sparen gilt, «könnten viele, die uns loben, gerne noch mehr Eigeninitiative zeigen», so Bucher. Viele fänden es toll, dass in der letzten Dekade die Dächer von Firmen wie der RWD Schlatter AG und der Keller Spiegelschränke AG mit grossen, gut verzinsten Fotovoltaikanlagen auf- und ausgerüstet wurden oder mitgeholfen wurde, dass eine E-Tankstelle bei der Dorf-Garage in Berg installiert wurde. Doch es brauche nach wie vor sehr viel, um die Leute dazu zu bringen, aktiv zu handeln, denn «hier geht’s nicht um Profit, sondern darum, die Welt durchs eigene Tun ein wenig besser zu machen», sagt Bucher. Bei so viel Idealismus versteht es sich von selbst, dass der sechsköpfige Vorstand ausser einem Nachtessen nichts für seine Tätigkeit erhält.

Mit kleinen Anreizen Grosses bewirken

Zwei Windräder in den Kantonen Zürich und St. Gallen sowie einige Solardächer auf Einfamilienhäusern im Thurgau vervollständigen gegenwärtig die EN-GE-RO-Stromproduktion. Läuft es nach Plan, soll im Sommer auf den Perron-Dächern des Bahnhofs Roggwil-Berg eine 140-­ kWh-Fotovoltaikanlage erstellt werden.

Doch um neue Projekte lancieren zu können, braucht es neues Kapital. Dieses will die EN-GE-RO mit einem Jubiläumsdarlehen, das sie mit 1,5 Prozent verzinst, aber auch mit den Beiträgen möglichst vieler Neugenossenschafter hereinholen. Unter allen Mitgliedern wird an der nächsten Jahresversammlung ein zehnwöchiges Probefahren mit einem E-Auto verlost. «Wir müssen auch kleine Anreize setzen, damit die Leute sehen, dass sich das aktive Mitmachen bei uns lohnt. Das hat zehn Jahre lang gut geklappt. Jetzt hoffen wir, dass es so weitergeht», zeigt sich Walter Bucher zuversichtlich.

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