Reitstallbetreiber steht vor Gericht

  • Anfang Juni wurde der Reitstallbetreiber polizeilich weggewiesen – er hatte keine Miete bezahlt.
    Anfang Juni wurde der Reitstallbetreiber polizeilich weggewiesen – er hatte keine Miete bezahlt. (Andrea Stalder)
08.10.2017 | 19:11

BETRUG ⋅ Ein Ex-Politiker aus dem Luzernischen steht am 16. Oktober vor dem Berner Wirtschaftsstrafgericht. Der Mann wird verdächtigt, gewerbsmässig betrogen zu haben – auch im Thurgau. Als Pächter eines Reitstalls in Mattwil zahlte er ein Jahr lang keine Miete.

Die 71-jährige Frau nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie über ihren Neffen spricht: «Er ist ein durchtriebener Lügner.» Das ist ein hartes Urteil und bezieht sich auf einen Mann, der einst im Luzerner Hinterland bei einem grossen Teil der Bevölkerung hohes Ansehen und Respekt genoss. Denn der Bauernsohn sass in den 1990er-Jahren für die Christdemokraten im Grossen Rat, wie das Luzerner Kantonsparlament damals noch hiess. 

Auch beruflich stand der Hinterländer seinen Mann. Er machte Karriere als Gantrufer. In jenem Beruf also, bei dem sich die Erfolgreichen als Schnelldenker auszeichnen und aufgrund ihrer Eloquenz vereinzelte Radioreporter wie Stotterer aussehen lassen. Das sind längst vergangene Zeiten. Gemäss der Tante begann die Talfahrt des Ex-CVP-Parlamentariers vor rund elf Jahren. Damals erbte der Mann den Bauernhof seines Vaters. Ab diesem Zeitpunkt sei ihm offenbar die Arbeitsmoral etwas abhandengekommen. Denn laut der Pensionärin habe sich der damals 42-Jährige nach der Handänderung wie «ein Pascha» aufgeführt. Die Rolle des Bruders Leichtfuss sollte dem jungen Mann fortan aber nicht gut bekommen. Denn die Liegenschaft in hügeliger Lage ist längst nicht mehr im Besitz des einst ehrbaren Bürgers und der Verkaufserlös wohl längst aufgebraucht. Auch wohnt der Mann seit Jahren nicht mehr in der Napfregion. Anfänglich verschlug es ihn in den Kanton Solothurn. Später dislozierte er in den Thurgau, genauer  nach Mattwil, wo er bis vor wenigen Monaten einen Reitstall betrieb.  

Zwölf Anzeigen bei Kantonspolizei Thurgau

Die Besitzerin des Reitsportzentrums erzählt: «Am 1. Juni wurde er polizeilich weggewiesen.» Der Grund: Ausstehende Mietzinszahlungen von mehreren zehntausend Franken. Ein Jahr lang hatte die Besitzerin gekämpft, um den unliebsamen Mieter loszuwerden. «Das hat sehr viel Kraft und Nerven gekostet», sagte sie im Juni. 

Bei der «Thurgauer Zeitung» hatten sich mehrere Leser gemeldet, die dem ehemaligen Reitstallbetreiber teils grosse Beträge geliehen, aber nicht oder nur wenig davon wiedergesehen haben. Im April dieses Jahres bestätigte die Kantonspolizei Thurgau den Eingang von zwölf Anzeigen gegen den Mann. 

Das Schuldenmachen scheint im Leben des ausgewanderten Luzerners in den vergangenen Jahren zu einer Konstante geworden zu sein. So jedenfalls beurteilt das die Berner Staatsanwaltschaft. Sie hat gegen den Mann Anklage erhoben – vor dem Wirtschaftsstrafgericht. Am 16. Oktober beginnt dort der Prozess. Dem gebürtigen Hinterländer wird unter anderem Folgendes vorgeworfen: Verdacht des gewerbsmässigen Betrugs. Die Deliktsumme wird mit 1,5 Millionen Franken beziffert. Dazu kommt mehrfache Urkundenfälschung. 

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, sagt der Mann, für den die Unschuldsvermutung gilt, die Forderungen würden sich lediglich auf rund 700000 Franken belaufen. Und während des Prozesses werde er auch andere Anklagepunkte entkräften. Im Juni kündigte er ebenfalls an, gegen die Mietausweisung aus dem Reitstall in Mattwil vor Bundesgericht vorzugehen. 

Wie es mit dem Kiesabbau weitergeht, ist offen

Wie immer der Prozess auch ausfallen wird, fest steht: Der heute als Bereiter tätige Mittfünfziger hat über Jahre zig Bekannten und Freunden sehr viel Geld abgeluchst. Der ehemalige Politiker versprach seinen Geldgebern stets hohe Zinsen. Was die Rückzahlung der Schulden betraf, stellte der Mann immer in Aussicht, er werde dereinst grosse Einkünfte aus dem Kiesabbau generieren. Also Erlöse aus dem Verkauf von Rohmaterial von jener Liegenschaft, die er längst veräusserte.
Dieser Umstand bedeutet allerdings noch nicht abschliessend, dass der Angeklagte dereinst gar kein Geld aus dem Kiesabbau erhalten wird. Die «Zentralschweiz am Sonntag» sprach in diesem Zusammenhang mit einem Experten, der die Situation vor Ort sehr gut kennt. Und dabei stellte sich heraus, dass sich die Verhältnisse rund um die Liegenschaft äusserst kompliziert präsentieren. Ohne an dieser Stelle auf die Details einzugehen, zeichnet sich im Vorfeld des Abbaus von zirka 120000 Kubikmeter Kies eine zähe und langwierige juristische Auseinandersetzung ab.

Thomas Heer/red
Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Welches der Begriffe ist ein Vorname: Laus, Klaus, Haus?
 

Meistgelesen

Der Thurgauer Schreiner Sven Bürki ist einer von drei Goldmedaillengewinnern an den WorldSkills, die aus der Ostschweiz kommen. (pd)
Ostschweiz: 19.10.2017, 20:16

WorldSkills: Drei Mal Gold für die Ostschweiz

Die Schweiz holt an den WorldSkills in Abu Dhabi so viele Medaillen wie noch nie.
Kein Versteck ist vor den «Jägern» an den Grenzen sicher. Im Verdachtsfall werden Proben für Drogentests genommen.
Rheintal Aufschlag: 19.10.2017, 13:36

"Wären wir mehr Leute, hätten wir den erwischt"

Abgesehen von Au sind die Grenzübergänge im Rheintal nicht durchgehend besetzt.
Wer seine Einkäufe selbst scannt, nimmt einer Kassierin die Arbeit ab - das kritisieren viele Internet-Nutzer.
St.Gallen: 19.10.2017, 08:41

Migros-Sprecher zu Kritik am Self-Scanning: "Es geht nicht um Stellenabbau"

Die Wogen gehen hoch im Internet, nachdem die Migros Neumarkt mit zusätzlichen ...
Er holte eine von insgesamt elf Schweizer Goldmedaillen an der Berufs-WM in Abu Dhabi: der Schweizer Webdesigner Emil von Wattenwyl.
Schweiz: 19.10.2017, 19:30

Schweizer räumen an den Berufs-WM ab

Die Schweizer Delegation hat an den diesjährigen Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi so gut ...
Die warmen Temperaturen locken viele Besucher an den Herbstmarkt.
St.Gallen: 19.10.2017, 08:25

Warm, wärmer, Olma - Händler freuen sich über deutlich mehr Kundschaft

Mit der Olma ziehen meistens dicke Regenwolken über St. Gallen. Nicht so in diesem Jahr.
Der Leistungsdruck auf die Mitarbeiter der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen ist hoch.
Kanton Thurgau: 19.10.2017, 08:27

Integration misslungen

Ein sehbehinderter kaufmännischer Angestellter erträgt den Druck nicht, den seine Chefin auf ihn ...
Der ferngesteuerte Bagger muss sich auf dem Felsweg im Gebiet Ruosalp UR bis zur verschütteten Baumaschine (links) vorarbeiten - dahinter werden die zwei vermissten Arbeiter vermutet.
Panorama: 19.10.2017, 14:06

Bagger gräbt Weg zu Vermissten in Uri frei

Ein ferngesteuerter Bagger hat am Donnerstagmittag damit begonnen, den Weg zu den zwei ...
Vaterschaftsurlaub? Unnötig, sagt der Bundesrat. Am Dienstag lehnte er eine Initiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub ohne Gegenvorschlag ab.
Schweiz: 19.10.2017, 17:18

Vaterschaftsurlaub: Wickeln ist doch Frauenzeugs

Statt Kinder zu wickeln, würden moderne Väter in der Schweiz Olympische Spiele organisieren, ...
Tumultartige Szenen an der New Yorker Börse am "Schwarzen Montag" vor genau 30 Jahren. Der Dow Jones stürzte innert weniger Stunden um fast 23 Prozent ab. (Archivbild)
Wirtschaft: 19.10.2017, 10:00

Parallelen zum Börsencrash vor 30 Jahren

Vor 30 Jahren haben die Börsen weltweit einen "schwarzen Montag" erlebt.
Der Traktor wurde von seinem 20 Tonnen schweren Anhänger über den Randstein geschoben. (kapo sg)
Unfälle & Verbrechen: 19.10.2017, 16:30

Verunfallter Traktor blockiert Strasse

Am Donnerstagmorgen ist ein 16-Jähriger in Trübbach mit seinem Traktor und Anhänger verunfallt.
Zur klassischen Ansicht wechseln