Ohne Hund hätte sie nicht überlebt

  • Andrea Kolb und Mucky, die zuvor auf den Strassen Rumäniens gelebt hat.
    Andrea Kolb und Mucky, die zuvor auf den Strassen Rumäniens gelebt hat. (Benjamin Manser)
16.06.2017 | 08:02

THURGAUER UNFALLOPFER ⋅ Andrea Kolb verlor im vergangenen Jahr bei einem Verkehrsunfall ihr rechtes Bein. Trotz des Schicksalsschlags schaut sie nach vorne und hat sich geschworen, niemals aufzugeben. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch ihre beiden Hunde.

Arcangelo Balsamo
Es klingelt an der Türe, Anges beginnt zu bellen und Mucky, der zweite Hund von Andrea Kolb, stapft ebenfalls zum Wohnungseingang, um nachzusehen, wer da kommt. Eine Frau betritt die Wohnung. Es ist eine gute Freundin von Andrea Kolb. Entsprechend geht der kritische Blick der Hunde über in ein freudiges Schwanzwedeln. Die unangemeldete Besucherin bringt Blumen mit. Nach einer Umarmung muss sie jedoch weiter. «Mach’s guet», sagt sie und verlässt die Wohnung. Sie ist eine von vielen, die sich in den vergangenen Tagen bei der gebürtigen Thurgauerin gemeldet haben.

Andrea Kolb dreht sich mit ihrem Rollstuhl zum Tisch: «Seit dem Unfall muss ich lernen, Dinge anzunehmen, auch wenn ich nichts zurückgeben kann», sagt sie. Das falle ihr nicht leicht, da sie als Kind gelernt habe, dass man nichts geschenkt bekomme. Dass die 46-Jährige im Moment häufig Zuspruch bekommt, liegt an einem Gerichtsurteil, das in der letzten Woche publik wurde.
 

Ein Unfall mit Folgen

Rückblick: Am 24. August 2016 kam es ausserhalb von Mammern zu einem folgenschweren Verkehrsunfall. Andrea Kolb spazierte an jenem Abend kurz nach 21 Uhr mit ihrem Hund Anges der Hauptstrasse entlang in Richtung Mammern. Zur selben Zeit war Julia B. in entgegengesetzter Richtung mit dem Auto unterwegs. Mit einer Geschwindigkeit von mindestens 80 km/h erfasste sie gemäss Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kreuzlingen Andrea Kolb. Diese prallte gegen die Frontscheibe des Autos und zog sich lebensgefährliche Verletzungen zu. Ihr rechter Oberschenkel wurde vollständig abgetrennt, der rechte Ellbogen ausgekugelt und der Ober- und Unterarm mehrfach gebrochen. Anstatt anzuhalten, die Polizei und den Rettungsdienst zu informieren und sich um die Verletzte zu kümmern, fuhr die Unfallverursacherin einfach weiter. Mittlerweile ist bekannt, dass sie für ihr Vergehen eine Busse von 1200 Franken erhalten hat (siehe Zweittext).

Für Andrea Kolb ist das Urteil ein Schlag ins Gesicht: «Es ist unglaublich. In anderen Ländern, wie beispielsweise den USA, da kommt man richtig dran, wenn man einen Menschen oder ein Tier über den Haufen fährt. In der Schweiz gibt es dafür eine verhältnismässig winzige Busse.» Der Entscheid habe dazu geführt, dass sie ihren Glauben in das Schweizer Rechtssystem verliere, fügt sie an. Eine Entschuldigung von Julia B. habe sie seit dem Unfall nicht erhalten. «Ich habe einen Brief bekommen, in dem so etwas angedeutet wird, aber eine richtige Entschuldigung nicht.»

Dass Andrea Kolb den Unfall überlebt hat, habe sie Anges zu verdanken, erzählt sie während sie eine Zigarette anzündet: «Mein Hund ist auf die Strasse gestanden und hat dafür gesorgt, dass Autofahrer angehalten haben. Diese haben dann mich und mein Bein, das irgendwo anders lag, gefunden.» Vom Unfall wisse sie nichts mehr, doch ans Aufwachen erinnere sie sich noch genau. «Als ich bemerkte, dass ein Bein fehlt, habe ich losgeschrien und gefragt, ob man mich verarschen will. Direkt danach fiel mir auf, dass Anges nicht bei mir war, und ich habe nach ihm gefragt.» Noch am selben Tag erhielt sie die Nachricht, dass es ihm den Umständen entsprechend gut gehe. Er sei traumatisiert gewesen und habe Schürfungen und Prellungen gehabt, doch sei noch am Leben gewesen. «Alles andere hätte ich vermutlich nicht überlebt», so Andrea Kolb.
 

«Anges my love»

Mittlerweile bezeichnet Andrea Kolb den Unfalltag als «zweiten Geburtstag». Seither sind sie und Anges noch stärker verbunden. Davon zeugt auch eine Holztafel, die neben dem Esstisch an der Wand hängt. «Anges my love» steht neben einer Abbildung des Vierbeiners darauf. Er ist das einzige Haustier, das die gebürtige Thurgauerin nach dem Unfall behalten konnte. Ihr Pferd und drei weitere Hunde musste sie abgeben. An sie erinnern Fotos auf dem Esstisch. «Sie abgeben zu müssen, war der grösste Verlust.» Dass sie mit Mucky wieder einen zweiten Hund hält, sei nicht geplant gewesen. «Eigentlich wollte ich sie vermitteln. Dann fand ich aber heraus, dass sie an Diabetes leidet. Es stand schlecht um sie.» Doch dank Spezialfutter und der nötigen Medizin gehe es ihr nun wieder besser. «Gäll, du Stinker», sagt Andrea Kolb und richtet ihren Blick auf die kleine Hündin.
 

Engagement für Tiere in Not

Trotz des Schicksalsschlags hat Andrea Kolb den Lebensmut nie verloren. In der schweren Zeit gaben ihr nicht nur ihre eigenen Hunde Halt, sondern auch ihr Engagement für Tiere in Not. Seit fünf Jahren unterstützt sie einen Gnadenhof in Rumänien und war auch schon regelmässig vor Ort. Von dort stammen auch Anges und Mucky, die zuvor Strassenhunde waren. Letztmals in Rumänien war sie vor einem Monat. Während des Aufenthalts habe sie ständig geweint. «Ich konnte nicht wirklich mithelfen, obwohl ich dort war. Das hat mich sehr mitgenommen.» Ausserdem ist die Reise nach Rumänien mittlerweile aufgrund von Prothese, Krücken oder Rollstuhl bedeutend schwieriger geworden für sie.

Auch deshalb möchte sie sich nun wieder vermehrt hierzulande für Tiere in Not einsetzen. Unter anderem hat sie für den 22. Juli ein Hunderennen in Güttingen organisiert. Beim Rennen treten Hunde in vier Kategorien an: «In drei Gruppen wird nach der Grösse der Hunde eingeteilt. In der vierten treten besonders alte oder handicapierte Hunde an.» Der Gewinn, der durch die Veranstaltung generiert wird, kommt dem Gnadenhof Regaboga in Neukirch-Egnach und dem Hof in Rumänien zu Gute. Doch nicht nur die Vierbeiner gehen an den Start. Auch Andrea Kolb wird antreten. «Ich werde auf einem Bein 60 Meter zurücklegen. Die Zuschauer können tippen, wie lange ich dafür brauche.» Damit möchte sie unter anderem zeigen, dass es Schlimmeres gibt, als mit einem Bein zu leben und dass Personen mit Handicap gleichwertig sind. «Ausserdem mache ich mich gerne zum Latschi, wenn es um das Wohl der Tiere geht.»

Sich für Schwächere, wie beispielsweise Tiere, einzusetzen, sei für sie einer der Gründe gewesen, nach dem Unfall nach vorne zu schauen und positiv zu bleiben. «Ich stellte rasch fest, dass ich weiterhin Gutes tun kann. Ausserdem habe ich mir einmal geschworen, dass ich niemals aufgeben werde.» Diese Einstellung habe sie von ihrer Mutter geerbt. «Ich hätte es früher nie für möglich gehalten, doch mittlerweile bezeichne ich sie als mein Vorbild.» 

1200 Franken Busse für ein Bein

Fussgängerin Andrea Kolb liegt nach dem Unfall mit abgetrenntem Bein neben der Strasse. Die Unfallverursacherin fährt weiter. Mit einer bedingten Geldstrafe kommt sie glimpflich davon. Generalstaatsanwalt Graf will sich dazu nicht äussern. 24. August 2016. Drei Wochen nach ihrem 19. Geburtstag fährt eine Thurgauerin im BMW Cabrio von Mammern Richtung Steckborn. Es ist 21 Uhr und es ist schon dunkel. Mindestens 80 Stundenkilometer hat sie auf dem Tacho. Erst sei fünf Monaten besitzt sie den Fahrausweis auf Probe. Das hält sie aber nicht davon ab, während der Fahrt von ihrem Handy aus Nachrichten zu senden und empfangene zu lesen. Das tut sie mehrmals, einmal telefoniert sie. So steht es im Strafbefehl, der Kreuzlinger Staatsanwaltschaft, der unserer Zeitung vorliegt.

An diesem Abend ist Andrea Kolb mit ihrem Hund Anges unterwegs, sie läuft von Steckborn nach Mammern. In einer lang gezogenen Rechtskurve kommt es zum Unfall. Der BMW erfasst Andrea Kolb. Sie prallt gegen die Frontscheibe. Ihr rechter Oberschenkel wird vollständig abgetrennt; Kolb ist lebensgefährlich verletzt und bewusstlos. Die Schuldige fährt weiter. Dass sie nichts gemerkt hat, ist schlecht möglich. Im Strafbefehl wird von «erheblichem Schaden» an der Motorhaube, dem Kotflügel und der Stossstange des BMW berichtet. Ausserdem sei der rechte Aussenspiegel abgebrochen. Sie habe gedacht, dass sie ein Tier angefahren habe, sagt die Unfallverursacherin zum «Blick». Auch von zu Hause aus alarmiert sie keine Retter. Erst nach zwei Tagen meldet sie sich bei der Polizei. Sie habe sich damit bewusst einer Blut- und Urinprobe entzogen, heisst es im Strafbefehl. Das hat seinen Grund. Die junge Frau hat zwischen Sommer 2014 und dem Unfall regelmässig Marihuana geraucht, Kokain geschnupft und Amphetamine eingenommen.

Die Staatsanwaltschaft kommt zum Schluss: «Hätte die Beschuldige das Fahrzeug mit der den Strassenverhältnissen und Umständen angepassten Geschwindigkeit gelenkt sowie ihre Aufmerksamkeit vollumfänglich dem Strassenverkehr gewidmet, hätte sie die ihr entgegenlaufende Fussgängerin auf dem Fahrstreifen erkennen und die Kollision mit ihr vermeiden können.» Die Untersuchungen führen zum Schuldspruch: Fahrlässige Körperverletzung, Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit und Fahrerflucht sowie mehrfache Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes. Trotzdem kommt die Unfallverursacherin glimpflich davon: eine bedingte Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 30 Franken (4500 Franken) bei einer Probezeit von zwei Jahren, dazu 1200 Franken Busse. Ausserdem muss sie die Untersuchungs- und Verfahrenskosten tragen: 5311 Franken. Die gut 12 000 Franken für den Pflichtverteidiger zahlt der Staat. Fordert das Geld aber zurück, sobald die Frau zahlen kann. Für Andrea Kolb ist das Urteil wie ein Schlag ins Gesicht. Der Unfall hat ihr Leben auf den Kopf gestellt. Sie muss mit ihrer Behinderung fertig werden, wird ihr restliches Leben eine Prothese tragen müssen, muss viele Träume und Wünsche begraben.

Der Thurgauer Generalstaatsanwalt Hans-Ruedi Graf hat es gegenüber unserer Zeitung abgelehnt, Fragen zum Urteil zu beantworten. Die Staatsanwaltschaft brauche sich nicht «zu rechtfertigen, da die ausgefällte Strafe ihrer Meinung nach vor dem Hintergrund der konkreten Umstände angemessen ist», schreibt Graf. Die Parteien würden einen Strafbefehl ebenfalls ohne Begründung erhalten, «weshalb wir eine solche auch nicht über die Medien herausgeben dürfen». Die TZ hätte gerne gewusst, wie schwer die Straftat Fahrerflucht in diesem Fall wiegt. Ob die Strafe härter oder milder ausgefallen wäre, wenn sich die Autofahrerin um die Schwerverletzte gekümmert hätte. Dann im Gegenzug die Polizei festgestellt hätte, dass die Frau Drogen genommen hat. Dem «Blick» hatte Graf noch gesagt: «Der Unfall war für die Unfallverursacherin wohl auch keine Kleinigkeit.» (san)

Kommentare
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geschrieben am 16.06.2017 09:10 | von Hanswerner Schiesser

Dieses Urteil ist schon bedenklich; mit welchen Ellen wird hier gemessen ? Für mich ist das Verhalten der Autofahrerin eine vorsätzliche Tat, da sie bekifft war, ihr Handy bedient hat und Fahrerflucht begonnen hat, obwohl sie genau gewusst haben muss, dass sie einen Menschen überfahren und schwer verletzt hat!! Also hat sie den Tod des überfahrenen Menschen billigend in Kauf genommen!

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geschrieben am 16.06.2017 11:12 | von Hanspeter Heeb

Bei der milde dieses Urteis ist zu beachten, dass Ersttäter allgemein milde angefasst werden. Dies hat sich bewährt, sonst füllen sich nur die Gefängnisse. Die Täterin wird so oder so nie mehr glücklich. Die Haftpflichtversicherung wird Rückgriff für die Unfallkosten nehmen. Je nachdem wird die Täterin den Rest des Lebens mit dem Existenzminimum auskommen müssen. Fahrerflucht ist übel, auch bei einem Tier. Mit der vergleichsweisen milderen Strafe ist aber uns gedient, besteht doch so die Chance, dass die Täterin Kosten und Schaden zurückzahlen kann und sich wieder in der Gesellschaft integriert.

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geschrieben am 16.06.2017 12:47 | von

Der Unfall ist an Tragik kaum zu überbieten. Ich bin schockiert! Trotz allem: Danke Herr Heeb, schön dass sich auch Leute, die sich im Rechtssystem auskennen, melden. Erwähnenswert ist auch der Umstand, dass bei einer "Fahrlässiger Körperverletzung" die Schwere der Verletzung KEINEN Einfluss auf das Strafmass hat. Das ist auf den ersten Blick unverständlich, aber trotzdem korrekt. Deshalb ist es wichtig, dass man hier wnigstens 2x hinschaut und die Zusammenhänge versteht, bevor man ein Urteil aus dem Bauch heraus fällt.

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