DENKMAPFLEGE

"Kirchen umzunutzen ist eine gute Idee"

Auf die Thurgauer Landeskirchen kommen schwierige Entscheidungen zu: Was tun mit den ungenutzten Kirchen? Die Denkmalpflegerin Eva Schäfer hat sich mit alternativen Nutzungen beschäftigt.
05.02.2018 | 06:41
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Wird eine Kirche abgerissen, verändert sich unter Umständen das Ortsbild erheblich. "Es ist ausserdem ein sehr emotionales Thema", sagt Denkmalpflegerin Eva Schäfer. Deshalb muss nicht immer gleich die Abrissbirne her: Die in Frauenfeld wohnhafte Konstanzerin hat ihre Doktorarbeit dem Thema "Umnutzung Christlicher Sakralbauten" gewidmet. Sie sagt: "Die Umnutzung einer Kirche halte ich denkmalpflegerisch für eine gute Idee. So kann ein Gebäude langfristig erhalten werden."

Eva Schäfer arbeitet beim Thurgauer Amt für Denkmalpflege. In ihrer Doktorarbeit hat sie sich auf Umnutzungen von Kirchen in den Niederlanden und der DDR seit den 1960er-Jahren konzentriert. "Von Kindesbeinen an hatte ich mit Kirchen zu tun. Mein Vater hat sich als Architekt vor allem mit kirchlichen Gebäuden beschäftigt." Sie hat sich auf den historischen Aspekt beschränkt, um aufzuzeigen, dass früher schon leere Kirchen anders genutzt wurden und wie sich das mittelfristig bewährt. "Dass es ein so aktuelles Thema werden würde, wusste ich im Voraus allerdings nicht."

Seit einiger Zeit erscheint vermehrt Fachliteratur – auch mehrere Publikationen von Eva Schäfer – zum Thema Kirchenumnutzung. Architekten beschäftigen sich wieder stärker mit Kirchen. "Es ist cool, ein Trend", sagt die Denkmalpflegerin. Sie selber hält Referate vor Kirchgemeinden und beantwortet Fragen von Berufskollegen. "Auch die Katholische Kirchgemeinde Frauenfeld hat mich schon kontaktiert."
 

Die Entwicklung macht vor dem Thurgau nicht Halt

Noch gibt es im Thurgau keine aktuellen Kirchenumnutzungen. In den grossen Schweizer Städten dafür schon mehrere. "Die Situa­tion auf dem Land ist aber vermutlich genauso schwierig." Die beiden Landeskirchen verlieren stetig Mitglieder, auch Pfarrer hat es immer weniger.

Der Grund für die Umnutzung einer Kirche kann das Geld sein. "Wir haben heute ein Effizienzdenken und das Gefühl, Kirchengebäude müssten ihren Unterhalt mit einer möglichst hohen Nutzungsdichte ‹verdienen›." Eva Schäfer hält aber wenig davon, Kirchen aus finanziellen Überlegungen heraus zu verkaufen. Ein anderer Grund kann die Fusion zweier Kirchgemeinden sein. "Auch im Thurgau wird man langfristig wohl an der Umnutzung von Kirchen nicht vorbeikommen", prognostiziert Eva Schäfer. Sie würde sich freuen, wenn ihre akademische Arbeit einen praktischen Nutzen hätte. "Ich will aber nicht nur eine Umnutzungsfachfrau werden." Genauso wichtig sind ihr die Arbeit im Thurgau und in der universitären Lehre.
 

Auch ethische ­Überlegungen sind wichtig

Bei der Umnutzung einer Kirche müssen verschiedene Dinge beachtet werden. So sind zum Beispiel nicht alle denkbaren baulichen Anpassungen auch geeignet. "Bei erheblichen Eingriffen kommt die Denkmalpflege ins Spiel", sagt Eva Schäfer. Sie betont, dass Einbauten möglichst reversibel gestaltet sein sollen. Eine Plattform auf halber Höhe des Kirchenschiffs muss also wieder zurückgebaut werden können. Es sollte auch keine zu grosse Diskrepanz zwischen dem äusseren und dem inneren Erscheinungsbild entstehen.

Sehr heikel kann die neue Nutzung sein. "Es ist sinnvoll, wenn die Kirche die Besitzerin des Gebäudes bleibt", sagt Eva Schäfer. Oder, wenn zumindest ein Vertrag die Nutzung definiert. Denn zuletzt falle fast alles, was in ehemaligen Kirchengebäuden passiere, auch auf die Kirche als Institution zurück. "Jeder Besitzer eines wertvollen Kirchengebäudes hat eine Verantwortung – stellvertretend für die vergangenen und die künftigen Generationen." Der Trend entwickelt sich im deutschsprachigen Raum hin zu einer erweiterten Nutzung – kirchlich plus kulturell oder sozial. Es gibt aber auch öffentliche Neunutzung zu kulturellen Zwecken.

Eva Schäfer sagt, dass die Landeskirchen gewisse Regeln entwickelt haben. Römisch-katholische Kirchen müssen zum Beispiel erst offiziell profaniert werden, um nicht mehr als geweihte Orte zu gelten. Der Bischof muss der neuen Nutzung zustimmen. Über protestantische Kirchen können die Kirchgemeinden meist selber bestimmen. Da sei es in der Vergangenheit auch zu unüberlegten Schnellschüssen gekommen. Das Wichtigste ist Eva Schäfer, dass man gemeinsam eine Entscheidung trifft – unter Einbezug kirchlicher, denkmalpflegerischer und ethischer Aspekte.

Leserkommentare
Weitere Artikel