NATIONALFEIERTAG

Maurer mahnt zu mehr Mut

Bundesrat Ueli Maurer spricht an der 1.-August-Feier der politischen Gemeinde Warth-Weiningen. Ins Zentrum seiner Rede stellt der SVP-Magistrat das Thema Freiheit. Er ist auch nicht verlegen, den Thurgauerinnen den Schmus zu bringen.
02.08.2017 | 07:01
Sebastian Keller

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Alles ist hergerichtet. Schweizer Fahnen hängen an den Holzwänden, Thurgauer ebenso. Sonnenblumen ragen aus Milchtansen. Das Servicepersonal bringt Wasser und Wein. Die Countryband «Schneider Goes» heizt musikalisch ein. Obwohl das temperaturmässig nicht nötig wäre. Dann taucht er auf. Nicht mit dem Helikopter, sondern mit einem Mittelklassewagen mit hohem Berner Kennzeichen: Bundesrat Ueli Maurer. Gekleidet im Kurzarmhemd. Das Publikum der Bundesfeier im zur Gemeinde Warth-Weiningen gehörenden Weiler Geissel steht auf. «O Thurgau, du Heimat...», ertönt es. Der SVP-Magistrat lässt sich das Thurgauerlied nicht einfach darbieten, er singt mit – oder summt zumindest wie die Fussballer vor einem Länderspiel den Schweizerpsalm. Das Zeichen kommt an: Ich bin einer von euch.

Als Rekrut hat er die Thurbrücke «verteidigt»

Gemeindepräsident Hans Müller begrüsst den Bundesrat. Er lädt ihn ein, die Gemeinde ein andermal mit dem Velo zu besuchen. Mit einem Satz ist der sportbegeisterte Bundesrat selber am Rednerpult. Die Gemeinde habe er schon per Militärrad erkundet. «Deshalb habe ich auch spontan zugesagt, weil ich als Rekrut viel in dieser Region unterwegs war.» Er wisse gar nicht mehr, wie viele Mal er die Brücke über die Thur «verteidigt» habe. Die Gegend lobt er als traumhaft schön. Ein zweiter Grund, wieso er gerne in den Thurgau kommt, hängt mit seiner Frau zusammen. «Ich habe sie im Thurgau gefunden», erzählt Maurer und holte sogleich zu einem kollektiven Kompliment aus: «Die Thurgauerinnen sind die schönsten Frauen im ganzen Land.» Doch der Bundesrat ist nicht nur gekommen, um den hiesigen Frauen den Schmus zu bringen. Er hat auch eine Botschaft im Gepäck. Ins Zentrum seiner Rede zum 726. Geburtstag der Eidgenossenschaft stellt er den Begriff Freiheit. «Der Hauptgrund, wieso die Schweiz so erfolgreich ist, ist die Freiheit», sagt er. Diese sei bereits im Bundesbrief von 1291 verwurzelt. Schon in diesem Dokument stehe geschrieben, dass «wir keine fremden Richter wollen». Noch heute fänden sich viele Symbole für die Freiheit. So sei beispielsweise auf den kleinen Münzen, Zehnräpp­ler etwa, eine junge Frau mit einer Krone zu sehen – keineswegs eine Königin wie in anderen Ländern. Auf dem Diadem der Frau sei der lateinische Begriff «Libertas» zu lesen – Freiheit also. «Wir zahlen mit dem Geld der Freiheit», sagt Ueli Maurer. Diese ist auch nicht gratis zu haben. «Freiheit ist ein Kompromiss.» Dazu erwähnt er die föderale Staatsstruktur. Die Schweiz bestehe aus 26 kleinen Ländern. «Jeder Kanton hat bei uns mehr Rechte als mache andere Länder.» Als grosser Anhänger der Demokratie sagt der SVP-Bundesrat, dass mehr als die Hälfte aller Abstimmungen, die jedes Jahr auf dem ganzen Globus stattfänden, in der Schweiz über die Bühne gingen.

Keine netten Worte Richtung Brüssel

Die Besucher der Bundesfeier hören den Ausführungen gebannt zu. Ueli Maurer spricht kernig, die Leute verstehen ihn, sie nicken. So sagt er: «Die Freiheit musste man immer wieder mit Blut und Waffengewalt verteidigen.» Er zeigt sich stolz auf das Erbe der Väter und deren Väter. Sie hätten das Land immer wieder gegen Grossmächte verteidigt. «Es gab immer wieder Stimmen, dass die kleine Schweiz nicht überleben kann.» Damit schlägt er einen Bogen in die jüngere Geschichte. «Seit 25 Jahren gibt es eine Diskussion EU Ja oder Nein.» Auch wenn er derzeit niemanden kenne, der einen Beitritt anstrebe, verstummten die Stimmen nicht. Deshalb gelte es heute noch, die Freiheit nach aussen zu verteidigen. «Dieser EU-Kommissionspräsident. Wie heisst er? Juncker», sagt Maurer und deutet damit an, dass er nicht viel davon hält, was Brüssel ausheckt. «Wir brauchen keinen Hilfskredit, wir zahlen bar.» Spontaner Applaus erntet der SVP-Magistrat, als er an die Adresse der EU sagt: «Die sollen den Dreck vor der eigenen Türe wischen!»

Die Freiheit sei aber auch im Innern bedroht. Durch Bequemlichkeit. Als Beispiel erwähnt Maurer, dass sich nicht überall Freiwillige für Vereinsvorstände und Behörden finden lassen. «Aber Freiheit erfordert Einsatz und Eigenverantwortung», meint der Magistrat. Bevor er sich wieder inmitten der Bevölkerung stellt, den Schweizerpsalm auswendig lautstark singt, Hände schüttelt, für Fotos posiert, ein Glas alkoholfreien Möhl geniesst, richtet er einen Appell an seine Mitbürgerinnen und Mitbürger: Mehr Selbstbewusstsein und mehr Mut aufzubringen.

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