INTERVIEW

Hochbegabten-Förderung im Thurgau: «IQ-Test ist nicht zielführend»

Der Kanton fördert seit diesem Semester begabte Schüler. Ein erstes Fazit: Es ist schwierig im Voraus einzuschätzen, ­ wer besonders begabt ist. Die Pilotphase dauert noch zwei Jahre. Nach der Aufbauarbeit geht es jetzt um Anpassungen.
16.04.2018 | 06:00
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Noch bis zu den Sommerferien laufen die ersten Ateliers und Impulstage der neuen kantonalen Begabungs- und Begabtenförderung. Seit Sonntag läuft bereits die Anmeldefrist für die Ateliers des Herbstsemesters. Thomas Moll, Leiter der Koordinationsstelle beim Kanton Thurgau, zieht eine erste Bilanz über den Start.

Thomas Moll, wie viele begabte Schüler hat der Kanton in diesem ersten Semester gefördert?

Bis zu den Sommerferien sind es elf Ateliers für 180 Schüler und 20 Impulstage für 350 Schüler.

Wird das Angebot für das nächste Semester ausgebaut?

Ja, es wird mehr Kurse geben. Wir glauben, dass die Nachfrage noch weiter steigen wird. Die ersten Rückmeldungen sind von allen Seiten überwiegend positiv. Wir arbeiten mit sehr begrenzten Ressourcen, darum erfolgt der Ausbau schrittweise.

Für die Ateliers werden die Schüler vom Regelunterricht dispensiert und brauchen deshalb eine Empfehlung ihres Klassenlehrers. Wie klappt das?

Die Identifikation von besonders begabten Kindern ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Wir müssen die Prozesse noch weiter verankern, denn es sind mehrere Personen daran beteiligt – Lehrpersonen, Schulleiter, Eltern. Es gibt neu zwei zusätzliche Abstufungen bei der Empfehlung der Klassenlehrperson: «sehr empfohlen» oder «bedingt empfohlen». Der Bewerbungsprozess stellt eine wichtige Hürde dar, damit sich vor allem interessierte und engagierte Kinder anmelden. Ein zeitgemässes Verständnis von Begabtenförderung umfasst auch die gezielte Förderung von gestalterischen und praktischen Begabungen. Eine Selektion mit IQ-Tests wäre darum nicht zielführend.

Haben sich im ersten Semester mehr Knaben oder mehr Mädchen angemeldet?

Das folgte den gängigen Klischees: bei den technischen Angeboten waren es mehr Jungs und bei den gestalterischen und sprachlichen vor allem Mädchen. Wir werden uns künftig überlegen, ob wir dieser Entwicklung entgegenwirken können – beispielsweise mit technisch ausgerichteten Kursen für Mädchen oder pädagogischen Kursen für Knaben.

Die kantonale Begabtenförderung steht noch am Anfang der Pilotphase. Wie etabliert ist sie bereits?

Wir stellen einige «Hotspots» im Kanton fest: Gemeinden und Schulen, die besonders engagiert sind und mehrere Kinder ermutigen, sich anzumelden. Aus den grossen Schulgemeinden haben bis jetzt eher unterdurchschnittlich viele Schülerinnen und Schüler teilgenommen. Die kantonale Förderung ist ein ergänzendes Angebot zur Begabtenförderung im Klassenzimmer, für welche jede Schule verantwortlich ist. Die Schulgemeinden haben eine sehr grosse Autonomie, an der wir auch nicht rütteln wollen.

Wie breit ist die Palette der Angebote?

Wir streben eine möglichst hohe Vielfalt an. In der Pilotphase testen wir viele Kursthemen. Zudem führen wir nun zwei Alterskategorien ein – 5. bis 7. Klässler und für 7. bis 9. Klässler. Wir verteilen die Angebote auf die Alterskategorien, auf alle Ecken des Kantons, auf Berufs- und Mittelschulen sowie auf die Fachbereiche.

Welche Anpassungen werden jetzt nach dem ersten Semester sonst noch vorgenommen?

Neben den administrativen Anpassungen bei der Anmeldung setzen wir uns zum Ziel, eine möglichst hohe Wirkung zu erreichen. Wir evaluieren nun das erste Semester und optimieren weiter. Das Angebot geht mit einer gezielten Förderung über ein Ferienangebot hinaus.

Hinweis

Informationen und Anmeldung über www.bbf.tg.ch

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