WEINFELDEN

Infostelle für ein weiteres Jahr gerettet

Die Beratungsstelle für die Thematik Frau und Arbeit erhält vom Kanton einen höheren finanziellen Beitrag. Damit ist ­zumindest das Jahr 2018 finanziell gedeckt. Stellt der Bund die Zahlungen aber wie angekündigt ganz ein, wird 2019 eine Knacknuss.
18.12.2017 | 05:18
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Es war ein anstrengendes Jahr für Antonella Bizzini und die Infostelle Frau und Arbeit. Im März 2016 gab der Bund bekannt, dass er den schweizweit elf Beratungsstellen zu diesem Thema schrittweise das Geld entziehen will. «Das hat uns schon sehr in die Bredouille gebracht», sagt die Stellenleiterin und juristische Beraterin. 2017 fielen bereits ein Viertel der Beiträge weg. Gleichzeitig haben die vier Frauen von der Infostelle in Weinfelden im laufenden Jahr noch einmal mehr Beratungen durchgeführt, als im bereits sehr intensiven Jahr davor. «Falls wir also unser Angebot reduzieren müssten, wüssten wir nicht wie.» Antonella Bizzini windet ihrem Team ein Kränzchen, das es in dieser belastenden Situation mit unsicheren Zukunftsperspektiven weiter an einem Strang gezogen hat.

Bund will sensibilisieren, statt direkt helfen

Im nächsten Jahr zahlt der Bund noch die Hälfte der Beiträge, 2019 sollen sie ganz wegfallen. Das Geld wird aber nicht eingespart, sondern stattdessen in Sensibilisierungskampagnen gesteckt. Für Bizzini ein unverständlicher Entscheid – gerade da zurzeit im Bundeshaus selber sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ein Thema ist. «Was macht eine Frau denn nun, wenn sie dank Sensibilisierungskampagnen zwar bemerkt, dass sie wegen ihres Geschlechts diskriminiert wird, gleichzeitig aber keine direkte niederschwellige Hilfe mehr da ist?»

Gegen den Entscheid des Bundes, das Geld den Beratungsstellen zu entziehen, ist beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde hängig. «Wir haben bisher noch nichts gehört», sagt Bizzini. Sie hofft immer noch auf einen positiven Entscheid. Ein bisschen kann ihr Team jedoch bereits durchatmen. Sowohl der Kanton Thurgau wie auch der Kanton St. Gallen erhöhten im Budget 2018 ihren Beitrag an die Infostelle – falls das Bundesverwaltungsgericht die Kürzungen der Finanzhilfen des Bundes als rechtmässig beurteilt.

Die beiden Kantone haben wie Appenzell Ausserrhoden eine Leistungsvereinbarung mit der Beratungsstelle in Weinfelden. Der Kanton Thurgau betreibt keine eigene Fachstelle für die Gleichstellung von Mann und Frau. «Der Beitrag an uns ist ein Zeichen des Kantons, dass er die Bewohnerinnen und ihre Anliegen ernst nimmt.» Für 2018 ist der finanzielle Bedarf der Infostelle so ziemlich gedeckt, es müssen keine personellen Konsequenzen gezogen werden. Antonella Bizzini warnt aber: «Die Knacknuss wird das Jahr 2019, wenn der Bund die Gelder ganz einstellt.»

Probleme an die ­Öffentlichkeit tragen

Die Infostelle kann in der Politik auf eine gewisse Unterstützung zählen. So hat sich der gesamte Regierungsrat für den finanziellen Zustupf entschieden. Besonders aber Cornelia Komposch, die die Verhandlungen mit der Infostelle führte, war «sehr aufgeschlossen gegenüber diesem Thema», sagt Bizzini. Die Beratungen ihres Teams werden auch von anderen Stellen geschätzt, man arbeitet zusammen und hilft sich gegenseitig bei Klienten. «Unser Ziel ist, dass unsere Klientinnen nach den Beratungen nach vorne blicken können und dass die Wut zurückbleibt – auf beiden Seiten», erklärt Bizzini. Ebenfalls ein schönes Zeichen: Ein grosser Teil der Klientinnen kommt durch Mund zu Mund Propaganda zur Infostelle.

Bizzini und ihr Team beraten trotz des Namens nicht ausschliesslich Frauen. Geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dürfen auch Männer vorbeikommen. «Das wird je länger je mehr ein Thema.» Über 600 Beratungen führt die Infostelle pro Jahr durch – am Montagnachmittag jeweils auch in St. Gallen. Telefonische Auskünfte kommen noch dazu. «Wenn sich da ein Problem herauskristallisiert, sagt das etwas über die Wirtschaft oder die Gesellschaft aus.» Die Beraterinnen wollen diese Themen deshalb an die Öffentlichkeit tragen und organisieren nächstes Jahr öffentliche Informationsveranstaltungen – dies als Ersatz zu ihrer aus Spargründen eingestellten Zeitschrift.

Ans Aufgeben denken Bizzini und ihr Team also nicht. Im Oktober 2018 hat die Infostelle zudem ihr 20-Jahr-Jubiläum, das mit einem Anlass gefeiert werden soll. Wie genau, wird zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.

Leserkommentare
Weitere Artikel