In den Tropen zu Hause

  • Elisabeth Fahrni im Garten ihres Vaters in Zürich. Umgeben von der Natur fühlt sie sich wohl.
    Elisabeth Fahrni im Garten ihres Vaters in Zürich. Umgeben von der Natur fühlt sie sich wohl. (Andrea Stalder)
10.08.2017 | 07:30

AUSGEWANDERT ⋅ Elisabeth Fahrni Mansur aus Islikon lebt seit 15 Jahren in Bangladesch. Verlassen hat sie die Schweiz aus Liebe. In Asien kümmert sich die Thurgauerin um den Schutz von Meerestieren. Inzwischen wäre ein Leben in der Schweiz für sie unvorstellbar.

Martin Rechsteiner
Viel Zeit hat Elisabeth Fahrni Mansur nicht. Wenn sie zurück in der Schweiz ist, hat sie viel zu tun. «Es gibt so viele Leute, die ich sehen möchte, wenn ich hier zu Besuch bin», sagt sie. Fahrni, die in Islikon aufgewachsen ist, nennt die Schweiz nicht mehr «Zuhause». «Meine Heimat ist Bangladesch», sagt die 43-Jährige, ohne zu zögern. «Inzwischen erlebe ich einen Kulturschock, wenn ich in die Schweiz zurückkehre.»

Vom Klassenzimmer in den Dschungel

Elisabeth Fahrni Mansur ist vor 15 Jahren ausgewandert. Dies, obwohl hier alles gestimmt hatte. In Weinfelden war sie eine geschätzte Primarlehrerin, liebte ihren Job. «Viele meiner ehemaligen Schüler besuchen mich heute, wenn ich wieder einmal in der Schweiz bin», sagt Fahrni. Doch der Reiz der Ferne war stärker. Ihm war sie schon vor ihrer Zeit als Lehrerin erlegen. Dazu kam ihr Interesse an der Forschung und dem Schutz der Natur. «Direkt nach dem Semi ging ich in ein Jugendlager nach Japan», sagt sie. Dort lernte die Thurgauerin eine junge Frau aus Bangladesch kennen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb ausgezeichnet. «Sie lud mich ein, sie bald in ihrer Heimat zu besuchen.» Gesagt, getan. «Für vier Wochen ging ich nach Bangladesch, gemeinsam bereisten wir das Land.» Mit dabei: Rubaiyat Mowgli Mansur, ein Touristenführer, Naturforscher und Bekannter der bengalischen Gastgeberin. Elisabeth Fahrni verliebte sich in den Mann. Darauf folgte eine Fernbeziehung. «Fünf Jahre lang reiste ich in meinen Ferien nach Bangladesch, seine Arbeit mit internationalen Machern von Dokumentarfilmen brachten ihn auch mehrmals nach Europa.»

Fahrni, die damals als Lehrerin arbeitete, wusste: «Ich will meine Möglichkeiten in Bangladesch ausloten.» Die erste Chance ergriff sie. Fahrni konnte in Weinfelden ein Urlaubsjahr nehmen und ging nach Bangladesch. «Dabei kamen Rubaiyat und ich zum Schluss, dass wir einen gemeinsamen Weg einschlagen wollen.» Und so zog die Thurgauerin in ihre neue Heimat. «Fünf Jahre arbeitete ich daraufhin mit meinem Mann als Naturführerin in den Mangrovenwäldern», sagt sie. Für weitere zwei Jahre übernahm sie die Leitung des Tourismus-Unternehmens ihres Schwiegervaters.

Doch der Wunsch in ihr, etwas für den Artenschutz zu tun, wuchs ständig. «Mein Mann und ich halfen bei Dokumentarfilmen mit und unterstützten Forscher bei ihrer Arbeit.» Dabei erlebten die beiden eine wegweisende Begegnung. «Die Zusammenarbeit mit dem renommierten Delfinforscher Brian D. Smith hat uns neue Horizonte eröffnet.» Die beiden begannen, mit Smith und der internationalen Umweltschutzorganisation Wildlife Conservation Society (WCS) zu arbeiten. Diese setzt sich unter anderem für Meeressäuger ein. «Wir setzen uns, in enger Zusammenarbeit mit Fischern und der Regierung, für den Schutz von Meerestieren ein.» Dabei setzt das Paar auf Bildung und Sensibilisierung der lokalen Bevölkerung in Sachen Umwelt.

«Das ist gerade in dieser Region wichtig, denn unsere Umweltmassnahmen müssen von
Fischern verstanden und getragen werden», sagt Fahrni. Bei Verhandlungen mit ihnen oder mit Vertretern der Regierung spricht Fahrni dann gern auch einmal bengalisch. «Dabei reichen meine Kenntnisse gerade einmal für die Strasse», sagt sie und lacht. «Die Verhandlungen führe ich deshalb meist auf Englisch.» Besonders das Schreiben und Lesen der bengalischen Schriftzeichen fällt ihr schwer – neben der Arbeit und der Familie bleibt ihr für das Lernen einfach zu wenig Zeit. «Ich bin Analphabetin, wie etwa die Hälfte der Bewohner des Landes auch», sagt sie in freundlichem, verständnisvollem Ton und lächelt wieder. Unübersehbar, dass ihr der Staat am Ganges-Delta – fast komplett umgeben von Indien – ans Herz gewachsen ist. Eine Rückkehr in die Schweiz kommt nicht in Frage. Zu sehr hat sie sich an das Leben in der Hauptstadt Dhaka gewöhnt, zu wichtig ist ihre Mission: der Schutz der Meerestiere.

Zurück in die Schweizer Berge

Alle zwei bis drei Jahre kehrt Elisabeth Fahrni Mansur aber doch zurück in die Schweiz. Sechs
Wochen kam sie diesen Sommer auf Besuch – zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Einen Grossteil der Schweiz-Ferien verbrachte die Familie im Berner Oberland. «In der schönen Bergwelt haben wir unsere Ruhe und können mit Freunden, die uns dort besuchen kommen, die Zeit geniessen.» Zuletzt weilten die vier aber am Zürichsee bei Fahrnis Vater, dem ehemaligen Sulzer-Chef Fritz Fahrni. «Der Seeblick hier ist nicht zu vergleichen mit der Sicht aus unserem Haus in Bangladesch», sagt sie.

Auch ihre Mutter ist keine Unbekannte: Anita Fahrni-Minear war einst Thurgauer Kantonsrätin. Sie lebt in Frauenfeld. «Bei ihr waren wir zu Beginn für zehn Tage, vor dem Abflug gehen wir noch einmal ein paar Tage zurück in den schönen Thurgau», sagt Elisabth Fahrni Mansur. Sie freut sich auf die Rückkehr nach Bangladesch.

Hinweis
Informationen zum WCS unter www.bangladesh.wcs.org
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