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Streit: Mann vererbt Kanton Thurgau 6,5 Millionen Franken - Familie geht leer aus

Walter Enggist vererbte dem Kanton ein Millionenvermögen. Seine Schwester hat er im Testament nicht berücksichtigt. Im Wohnquartier des Verstorbenen weiss man weshalb: In der Familie gab es ein Zerwürfnis.
03.02.2018 | 07:26
Silvan Meile

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Dieser Geldsegen sorgt für Aufsehen. Walter Enggist vererbte dem Kanton Thurgau knapp 6,5 Millionen Franken. Der Frauenfelder, der in der Bankenbranche mit Informatik viel Geld verdiente, hat in seinem Testament das kantonale Amt für Archäologie und die Kantonsbibliothek als seine alleinigen Erben aufgeführt. Doch die noble Geste an den Kanton kann auch in einem anderen Licht betrachtet werden.

Zerwürfnis in der Familie und die Krankheit Parkinson

Walter Enggist, der ledig und kinderlos blieb, hatte eine Schwester. Mit seinem Testament verweigert er ihr den Anspruch auf seinen Nachlass komplett. Ein Erbanteil für Geschwister ist nicht pflichtteilgeschützt. Doch hätte Enggist kein Testament aufgesetzt, hätten wohl seine Schwester oder ihre drei Kinder die 6,5 Millionen Franken bekommen. Wieso war in Walter Enggists bei seinem Letzten Willen der Kanton wichtiger als seine Schwester und ihre Familie?

Hansulrich Guhl sieht vom Garten seines Hauses an die Liegenschaft, in der Walter Enggist sein Leben lang zurückgezogen wohnte. Seit 70 Jahren lebt Guhl bereits im Frauenfelder Kurzdorf. Er kannte die Familie Enggist vom Haus gegenüber. Die wenige Jahre ältere Schwester von Walter Enggist habe sich mit ihrer Familie bereits in den 70er Jahren dermassen verkracht, dass sie sich konsequent aus dem Weg gingen, weiss Guhl. Er kennt auch den Grund: Der Mann, in den sich Enggists Schwester verliebte und den sie später heiratete, soll der Familie nicht genehm gewesen sein. Sie zog zu ihm nach Deutschland und kam nicht mehr zurück. «Ich kannte sie deshalb nur als Kind und junge Frau», sagt Guhl. Auch als der Vater Mitte der 70er Jahre starb, soll es um sein Erbe erneut zum Zerwürfnis gekommen sein. So sei es im Quartier erzählt worden. Hans­ulrich Guhl selber hat für seine ehemaligen Nachbarn lobende Worte übrig. Walter und seine Mutter hätten jeweils freundlich gegrüsst», sagt er. «Erzählt haben sie aber kaum je etwas. Sie lebten sehr zurückgezogen.» 2012 starb die Mutter mit fast 96 Jahren. Erst nach der Beerdigung habe man im Quartier vom Tod erfahren. Walter Enggist wurde nicht so alt wie seine Mutter. Er erkrankte an Parkinson, starb im Sommer 2016 mit 68 Jahren. Seinen Letzten Willen hielt er bereits 2008 testamentarisch fest. Sicher ist, dass seine Schwester damals noch lebte. Wie es ihr heute geht und wo sie in Deutschland wohnt, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Enggist war ein Einzelgänger, aber einer mit Humor

Walter Enggists ehemalige Klassenkameraden beschreiben den mathematisch begabten Schüler als zurückhaltend. «Er ging immer gleich nach dem Unterricht nach Hause», sagt Konrad Wohnlich, der mit Enggist die Schulbank an der Kantonsschule in Frauenfeld drückte. «Er war ein Einzelgänger, konnte aber durchaus lustig sein», erzählt Christoph Straub. Das bestätigt auch Hansjörg Lang aus Mammern: «Walter Enggist hatte einen guten Humor.» 1968 trat er an der ETH Zürich das Studium zum Bauingenieur an. «Am 22. Dezember hat er erfolgreich abgeschlossen», sagt Vanessa Bleich, Medienbeauftragte der ETH. Von Enggists Erbe profitiert die Hochschule nicht.

Die ehemaligen Schulkollegen an der Kanti Frauenfeld sind erstaunt über das grosse Vermögen und den Letzten Willen ihres einstigen Klassenkameraden. Gesehen haben sie ihn in den vergangenen 50 Jahren nach der Matur äusserst selten. In einer Verbindung war Enggist nicht. Höchstens an Klassentreffen nahm er teil. Geredet hat er nie viel, aber immer aufmerksam zugehört.

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