HÜHNERGLÜCK

Hier gackern die Alten

Legehennen haben ein Ablaufdatum. Ab der ersten Mauser produzieren sie nicht mehr genügend Eier für die Industrie. Dann erwartet sie meist der Tod. Bei Christian Schwarz aus Tägerwilen finden die Tiere ein neues Leben.
15.06.2017 | 18:11
Marc Sieger
Das Ei ist alltäglich. 180 Eier verspeist der Durchschnittsschweizer pro Jahr. Strenge Tierschutzgesetze und Haltungsrichtlinien haben zum Ziel, dass Legehennen unter bestmöglichen Bedingungen leben. In Tägerwilen führt Christian Schwarz eine Eierproduktion mit Hühnern, die eigentlich tot sein sollten.

Ein etwas anderer Bauernhof

Die Hühner stürzen sich auf den Salat. Aufgeregt gackernd kommen sie herbeigerannt, wuseln um Christian Schwarz’ Gummistiefel herum und versuchen die saftigsten Blätter zu ergattern. Schwarz stellt die leere Kiste beiseite und nimmt einen Harass schrumplige Karotten zur Hand. Er verfüttert seinen Hühnern Gemüse, das umliegende Biobetriebe nicht mehr verkaufen können. Eine Kiste Karotten, Gurken und fast 50 Salatköpfe kriegen die Hühner diesmal. «Das verputzen sie in kürzester Zeit», sagt der Landwirt mit einem Nicken in Richtung der Hennen, die sich über das Gemüse hermachen.

Oberhalb von Tägerwilen, umgeben von grünen Wiesen und Weiden, liegt Schwarz’ Bauernhof. Zum Gespräch kommt der Landwirt auf einem motorisierten Trottinett angerollt. Die langen grauen Haare wehen im Wind, er hat ein Schmunzeln auf den Lippen. Beim Rundgang auf dem Hof passieren wir farbig bemalte Hütten und Scheunen. Landwirt und Hof sieht man an, dass hier nach einer speziellen Philosophie gewirtschaftet wird.

Das älteste Huhn wurde zehn

Christian Schwarz führt einen Demeter- und Biohof. Er betreibt Landwirtschaft in Einklang mit der Natur. Im Hühnerstall warten die Hennen schon auf ihr Frühstück. Wie viele Tiere Schwarz besitzt, weiss er nicht: «Ich nehme an, zwischen 60 und 80.» Manchmal fällt eines dem Fuchs zum Opfer, manchmal kauft Schwarz neue Hühner dazu. Da kann einem die genaue Anzahl schon mal entfallen.

Schwarz’ Hennen haben alle schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Sie stammen aus grösseren Legebetrieben. Lässt ihre Leistung in der Eierproduktion nach, werden die Tiere in der Regel geschlachtet. «Bevor die Hühner jedoch ausrangiert werden, nehme ich sie zu mir», sagt Schwarz. Seine Hennen sind alle um die drei Jahre alt. Er habe aber auch schon viel ältere Tiere gehabt, sagt Schwarz. Das älteste Huhn sei knapp zehn Jahre alt geworden.

Auch wenn die Hennen nicht mehr so viele Eier legen wie in jüngeren Jahren, reicht es aus, um eine funktionierende Eierproduktion zu betreiben. Gut 200 Eier legt ein einzelnes von Schwarz’ Hühnern pro Jahr. Die Tiere leben auf dem Hof in Tägerwilen, bis sie sterben – sei es eines natürlichen Todes, durch Krankheit oder durch den Fuchs.

Industriefutter gibt es nicht

Das Gehege der Hennen ist weitläufig und umgeben von Holunderbüschen und Johannisbeersträuchern. Am Boden wachsen Wildkräuter. Schwarz streut eine Handvoll Körner in einen Bereich, wo Brennnesseln und Unkraut wuchern. Beim Herauspicken der Körner reissen die Hühner das Beigrün aus. «Praktischer Nebeneffekt», sagt Schwarz. Das Suchen nach den Körnern, das Scharren und Picken in der Erde, sei für die Tiere eine gute Beschäftigung, erklärt der Bauer. So werde ihnen nicht langweilig. Das Körnerfutter bezieht Schwarz ebenfalls bei umliegenden Betrieben. Indus­trielle Futterprodukte sind ihm suspekt. «Man weiss nicht, was da alles noch drin ist», sagt der Landwirt. Bei all seinen Tieren verzichtet er auf leistungsfördernde Zusatzfuttermittel und Medikamente wie Antibiotika.

Schwarz’ Hühnerhaltung ist nahe an der Natur. Das ist dem Bauern mit den langen Haaren wichtiger als die Produktionsleistung. «Ich versuche mit Studieren und Beobachten herauszufinden, was gut für die Tiere ist.»

Ein Trick von der Grossmutter

Die Hühner sind mittlerweile satt und ruhen sich im Schatten aus. Schwarz’ Hund macht es sich inmitten der Schaar bequem. Die Hühner nehmen von dem Vierbeiner kaum Notiz. «Ich habe ihn schon als Welpe zu den Hühnern gelassen. Sie haben sich aneinander gewöhnt», sagt der Bauer. An manchen Abenden helfe der Hund, die Hennen in den Stall zu treiben.

Schwarz möchte für seine Hühner im Auslauf genug Platz im Schatten. Daher sorgt er für eine üppige Vegetation. Unter einem Holunderbusch dösen einige Hennen vor sich hin. Holunder gehöre in jedes Hühnergehege, sagt Schwarz. «Das hat mir meine Grossmutter erklärt. Die Hühner scheinen Holunder einfach zu mögen», sagt der Landwirt und schmunzelt. Ans Aussengehege grenzen der Stall und der Wintergarten, ein überdachter Auslauf. Dort können sich die Hühner bei Regen oder im Winter zurückziehen.

Den Wintergarten musste Schwarz vor Kurzem mit Gittern versehen. Diese sollen verhindern, dass die Hühner mit wilden Vögeln in Kontakt kommen. Grund dafür ist die Vogelgrippe. Diese sei nach wie vor ein Thema, sagt Schwarz. «Man liest nur nicht mehr viel darüber.» In einer Ecke des Felds scharren einige Hennen in der Erde. Der Landwirt hat den Bereich so gestaltet, dass die Tiere graben können. Das Erdreich ist locker aufgeworfen und teils mit Holzschnitzeln bedeckt. «Gerade morgens suchen die Hühner gerne nach Würmern und Insekten», erklärt der Bauer.

Nach kurzer Zeit bei Schwarz’ Hühnern wird klar, dass ihr Gehege in Bereiche unterteilt ist – Pflanzen, Schnitzelecke, Stall und Wintergarten. Ein vielseitiger, geordneter Lebensraum. «Es braucht Struktur», sagt Schwarz. Wichtig seien ein grosser Auslauf drinnen wie draussen, genug Schatten, Beschäftigung und gutes Futter, fasst der Tägerwiler Hühnerhalter zusammen. Das bilde die Basis einer guten Hühnerhaltung. Ob seine Hennen glücklich sind, kann er nicht sagen. «Schlecht geht es ihnen aber bestimmt nicht.»

Wir verlassen das Hühner­gehege. Schwarz’ Hund trottet verschlafen hinterher. Ein Huhn hat zwischen den Holzschnitzeln noch ein letztes Salatblatt gefunden. Zufrieden gackernd stolziert es davon. Schwarz verabschiedet sich und besteigt seinen Roller. Mit wehenden Haaren braust er davon.

Artgerecht: Die Label Demeter & KAGfreiland

Landwirtschaftsbetriebe, die das KAGfreiland-Label tragen, befolgen strenge Tierhaltungsricht­linien. Sie müssen dafür sorgen, dass die natürlichen Bedürfnisse der Nutztiere ohne Einschränkung befriedigt werden. Die Richtlinien von KAGfreiland regeln unter anderem die Grössen der Tiergruppen, den Zugang zu Freiland, die Auslaufdauer, Pflege, medizinische und zootechnische Eingriffe.

Über strenge Richtlinien verfügt auch das Demeter-Label. Es steht für eine biodynamische, naturnahe und nachhaltige Landwirtschaft. Auf Demeter-Bauernhöfen behalten die Kühe ihre Hörner. Genmanipulierte Pflanzen dürfen nicht angebaut werden und zur Düngung werden Präparate aus Kräutern, Mineralien und Kuhmist verwendet. Chemische Produkte sind verboten. (mas)

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