AMRISWIL

Wie ein Amriswiler im Zweiten Weltkrieg hunderten Menschen das Leben rettete

Hunderten Menschen hat der Amriswiler Ernst Prodolliet das Leben gerettet. Als Vizekonsul in Bregenz und später in Amsterdam versorgte er ab April 1938 Juden mit Visa und rette sie damit vor der Verfolgung durch Nazi-Deutschland.
04.04.2018 | 21:04
Rita Kohn

Rita Kohn

rita.kohn@thurgauerzeitung.ch

Karin Routamo war enttäuscht. Als sie nach dem Tod ihres Grossvaters Ernst Prodolliet den Friedhof in Amriswil besuchte, erwartete sie, auf eine spezielle Gedenkstätte zu treffen. «Aber ausser einer Tafel in der Mauer war nichts zu finden», erzählt die Finnin mit Schweizer Wurzeln. Zu diesem Zeitpunkt wusste Karin Routamo bereits darum, dass ihr Grossvater vielen Hundert Menschen das Leben gerettet hatte.

Anders verläuft ihr jüngster Besuch in Amriswil. Auf dem Friedhof ist, neben der bescheidenen Gedenktafel, nach wie vor nichts zu finden. Doch dafür hat das nahe gelegene Ortsmuseum dem mutigen Amriswiler eine Sonderausstellung gewidmet. Viele der Gegenstände, die hier gezeigt werden, sind Leihgaben der Familie. «Er hat nie davon geredet, was er damals getan hat», sagt Routamo.
 

Der Diplomatenausweis von Ernst Prodolliet.
Der Diplomatenausweis von Ernst Prodolliet. (Reto Martin)

Seine Verschwiegenheit war die Grundlage dafür, dass er ab seiner Anstellung im Konsulat in Bregenz am 1. April 1938 Visa an Juden ausstellen konnte, die dadurch die Möglichkeit bekamen, sich entweder in der Schweiz niederzulassen oder durch die Schweiz in sichere Länder zu fliehen. Prodolliet, der zuvor als Hauptkanzlist in St. Louis (USA) eingesetzt war, befand sich gerade auf Heimaturlaub, als im Frühling 1938 die Visumspflicht für österreichische Staatsangehörige einführt wurde. Er sollte deshalb im Büro in Bregenz aushelfen. Über 5000 Juden seien bei ihm im Büro gewesen, gab Ernst Prodolliet später gegenüber der Fremdenpolizei zu Protokoll. Wie viele Visa er tatsächlich ausgestellt hat, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden. Gegenüber seinen Vorgesetzten gab der Amriswiler stets nur zu, was ihm einwandfrei nachgewiesen werden konnte –auch zum Schutz der Menschen, denen er half.
 

«Es ist ein sehr schönes Gefühl, zu erleben, dass mein Grossvater so geehrt wird.»

Karin Toutamo-Saatela, Enkelin von Ernst Prodolliet
 

Seinem Vorgesetzten Carl Bitz missfiel das Treiben Prodolliets. Er beschwerte sich im November beim Chef des Konsulardienstes in Bern und bezeichnete Prodolliet als selbsteingenommen und herrschsüchtig und forderte dessen Abberufung, weil er mit seinem Verhalten die Reputation der neutralen Schweiz gefährde. Bitz war erfolgreich: Ernst Prodolliet verlor Mitte Dezember 1938 seinen Posten in Bregenz und kehrte nach Amriswil zurück, wo seine Frau und die gemeinsame Tochter Evelyne lebten.

Menschen aus den Deportationszügen geholt

Weil ihm Bern trotz der harschen Vorwürfe von Carl Bitz «Güte und Weichheit in Gefühlssachen» attestierte und ihn für «naiv und zu offen» gehalten hat, wurde Ernst Prodolliet nicht aus dem diplomatischen Dienst entlassen, sondern nach Amsterdam versetzt. Auch da liess ihn das Schicksal der Juden nicht kalt: Laut Unterlagen, die der Familie vorliegen, hat der Amriswiler Jüdinnen und Juden in Holland aus den Deportationszügen geholt und sie teils im Konsulat in Amsterdam versteckt. Versehen mit Papieren, Geld und Adressen konnten sie vor dem sicheren Tod fliehen. Ernst Prodolliets Tun blieb nicht unbemerkt. Die deutschen Besatzer beschwerten sich in Bern über den Diplomaten. Erneut musste Prodolliet seinen Posten räumen. Er wurde zunächst nach Berlin und später nach Paris versetzt. Seine Frau Frieda Prodolliet kehrte mit der Tochter in die Schweiz zurück.
 

Noch steht das Mahnmal im Museum, es soll später in den Radolfzeller Park kommen.
Noch steht das Mahnmal im Museum, es soll später in den Radolfzeller Park kommen. (Reto Martin)

Ernst Prodolliets mutiger Einsatz für die verfolgten Jüdinnen und Juden stand auch nach dem Krieg einer diplomatischen Karriere im Wege. Zwar wurde er mehrfach versetzt und landete dabei in Hamburg, Bordeaux, Nantes, Rotterdam und Besançon, doch wurden ihm immer wieder Beförderungen mit dem Hinweis auf seine früheren Aktivitäten verweigert. Erst in Besançon wurde ihm wenigstens das Amt des Konsuls übertragen. Nach seiner Pensionierung kehrte Ernst Prodolliet nach Amriswil zurück.

1982 wurden 18 Schweizer von der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel unter «die Gerechten unter den Völkern» aufgenommen, weil sie sich für die Rettung von jüdischen Menschen engagiert hatten. Unter ihnen auch Ernst Prodolliet. Der 1905 in Amriswil geborene Diplomat erlebte seine späte Ehrung im Alters- und Pflegeheim Egelmoos, wo er seit 1978 aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes lebte. Der israelische Botschafter Jochanan Meroz überbrachte die Nachricht in Form einer Ehrenmedaille. Im November 1984 starb Ernst Prodolliet.

Karin Routamo, die in Helsiniki lebt, hat ihren Grossvater in liebevoller Erinnerung. «Er war ein besonderer Mensch», sagt sie. 1981 habe sie für einige Monate in Genf gelebt und sei alle zwei Wochen zu den Grosseltern nach Amriswil gefahren. Eine Zeit, die sie nicht missen möchte. Als Kinder hätten sie nichts davon geahnt, dass ihr Grossvater so vielen Menschen das Leben gerettet hatte. «Meine Mutter wusste etwas davon. Wir Kinder haben es erst nach und nach erfahren.»

Vor allem René Prodolliet, ein Neffe des Diplomaten, hat sein Andenken stets hochgehalten. Dessen Tochter Simone Prodolliet schreibt in der Gedenkschrift des Ortsmuseums über sein Handeln: «‹Es war eine Selbstverständlichkeit›, sagte er später, wenn am Familientisch über seine Zeit im Zweiten Weltkrieg gesprochen wurde, oder auch ganz einfach: Es sei ‹ein Gebot von Anstand und Redlichkeit› gewesen.»

Im «Amriswiler Anzeiger» (heute Thurgauer Zeitung) wurde Ernst Prodolliet 1982 geehrt: «Dass Humanität nicht immer mit den jeweils geltenden Gesetzen übereinstimmen muss, wird während des Studiums der Weltgeschichte klar… Ein ‹Gesetzesbrecher› für die Menschlickeit lebt auch in Amriswil. Es ist der heute 77-jährige Konsul Ernst Prodolliet.»

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