Für Pilzsammler ist das Paradies da

  • So wie im Naturschutzgebiet Hudelmoos schiessen zurzeit im ganzen Thurgau die Pilze aus dem Boden.
    So wie im Naturschutzgebiet Hudelmoos schiessen zurzeit im ganzen Thurgau die Pilze aus dem Boden. (Bild: Thi My Lien Nguyen)
10.10.2017 | 05:19

THURGAU ⋅ Bei den Thurgauer Pilzkontrolleuren herrscht Hochbetrieb. In den Nadelwäldern wachsen Pilze wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Das feuchte und immer noch warme Wetter begünstigt das Wachstum.

Thomas Wunderlin

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin

@thurgauerzeitung.ch

Um 18 Uhr zieht Christine Kerzenmacher Bilanz. «Seit Mittag sind viele Familien vorbeigekommen, die gar nicht wegen der Pilze in den Wald gegangen sind», sagt die Frauenfelder Pilzkontrolleurin. Den Sonntagnachmittag hat sie auf der Bank in der Laube auf dem Vorplatz ihres Hauses am Frauenfelder Kreuzplatz verbracht und dabei geprüft, was ihr Sammler auf den Tisch gelegt haben. Angesichts der reichen Auswahl, die derzeit in den Nadelwäldern zu finden ist, entscheiden sich viele Spaziergänger spontan, Pilze zu sammeln. In der Erinnerung von Kerzenmacher gab es seit bald zwanzig Jahren keine solche Fülle an Pilzen mehr wie jetzt.

«Der ganze Wald ist voller Pilze», bestätigt ihre Isliker Kollegin, Silvana Füglistaler. Zu sehen bekommt die Pilzkontrolleurin, die von der Gemeinde Gachnang engagiert ist, zurzeit unter anderen Rötelritteringe, Mönchsköpfe und Schnecklinge, auch Maronen- und Hexenröhrlinge sowie Totentrompeten. Vorüber ist bereits die Saison bekannterer Arten wie der Steinpilze, von denen im September viele zu finden gewesen seien. So viele Kontrollen wie dieses Jahr habe sie noch nie gemacht, sagt die Isliker Expertin: «Bisher sind es 65, und das Jahr ist noch nicht fertig.»

Auch Urs Walser, Pilzkontrolleur in Arbon, sagt, es habe «enorm viele» dieses Jahr. «Es hat relativ spät begonnen, jetzt hat es alles, von Steinpilzen bis zu Knollenblätterpilzen.»

Wieso die Pilze dieses Jahr besonders üppig gedeihen, wissen die Experten nicht. «Da müssen Sie die Pilze fragen», sagt Renato Righes, Präsident des Vereins für Pilzkunde Thurgau. Immerhin lässt sich sagen, dass die jetzigen Bedingungen grundsätzlich dem Pilzwachstum förderlich sind. Nach einer längeren trockenen Phase, in der es kaum Pilze zu sehen gab, sind die Waldböden feucht geworden. «Es ist neblig», sagt Vereinspräsident Righes, «und es ist immer noch warm, etwa 12 bis 15 Grad». Righes betont, dass sich das Pilzwachstum über die Jahre ausgleicht. Es gebe keinen Trend, dass es etwa allgemein weniger Pilze gebe. Hingegen können bestimmte Arten weniger werden, beispielsweise die Eierschwämme, die bemooste Waldränder lieben. Laut dem Arboner Pilzkontrolleur Walser sind diese Standorte oft überdüngt. Beim Verschwinden von Pilzarten keine Rolle spielen die Sammler. «Das ist wie beim Apfel und Apfelbaum», sagt Vereinspräsident Righes. Der eigentliche Pilz, das Myzel, verbleibe im Boden. Der Teil des Pilzes mit Stiel und Hut, der aus dem Boden schiesst und gesammelt wird, sei nur die Frucht. Zu dieser Erkenntnis hat sich nach längerem Zögern auch der Kanton Thurgau durchgerungen: Der Regierungsrat hat im Oktober 2016 die Liste zugelassener Speisepilze abgeschafft und damit das zuvor geltende Sammelverbot für Eierschwämme aufgehoben.

Fünf Mal Verdacht auf Pilzvergiftung in Islikon

Wichtig ist allen Experten und Kennern der Rat an die Sammler: Die gesammelten Pilze sollten unbedingt einem Experten vorgelegt werden. Immer wieder finden sich giftige Arten darunter. Die Isliker Pilzexpertin Füglistaler ist dieses Jahr in zwei Fällen von Verdacht auf Pilzvergiftungen bei Erwachsenen beigezogen worden. Drei Mal sind Eltern zu ihr gekommen, deren kleine Kinder sich im Garten Pilze in den Mund gesteckt hatten. In den meisten Gemeinden verlangen die Kontrolleure nichts für ihre Dienste, zumindest von den Einwohnern der eigenen Gemeinde. Denn die Experten werden von den Gemeinden entschädigt. Die Isliker Expertin Füglistaler beispielsweise erhält von der Gemeinde Gachnang 500 Franken pro Jahr; dazu kommen Beiträge für die Benützung ihrer eigenen Räume und den Besuch von Weiterbildungsveranstaltungen. Sie sei damit zufrieden, sagt Füglistaler.

Von Einwohnern des benachbarten Züribiets verlangt sie fünf Franken Unkostenbeitrag. Von dort hat sie jeweils in den ersten zehn Tagen des Monats einige Kundschaft, weil dann im Kanton Zürich Pilzsammeln verboten ist und die Kontrollstellen geschlossen sind.

Ohne Kostenbeitrag entlässt Füglistaler Frauenfelder Pilzsammler. Denn mit Kollegin Kerzenmacher hat sie ein Stellvertreterabkommen geschlossen. Umgekehrt dürfen auch Einwohner von Gachnang ihre im Wald gesammelten Schätze kostenlos auf der Frauenfelder Kontrollstelle vorlegen.

Dort erklärt uns jetzt Christine Kerzenmacher unsern Fund, den wir von einem Ausflug in den Hinterthurgau mitgebracht haben. Er besteht aus lauter Speisepilzen: Lachsreizker, Goldgelbe Lärchenröhrlinge und Maronenröhrlinge. Bei den Schopftint­lingen gibt uns die Expertin den Tipp, diese zu trocknen. Sie eigneten sich hervorragend zum Apéro. Zum Abschied fordert sie uns auf: «Kommt bald wieder!»

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