THURGAU

Fall Kümmertshausen: «Dieser Prozess ist alles andere als üblich»

Das Gericht weist die Kritik der Verteidiger im Mammutprozess Kümmertshausen zurück. Die Polizei darf der Anklage auch während der Verhandlung zum Tötungsdelikt helfen.
13.09.2017 | 20:59
Ida Sandl
Richter Thomas Pleuler bringt es auf den Punkt: «Dieser Prozess ist alles andere als üblich.» Kümmertshausen: Der aufwendigste Gerichtsfall, den der Thurgau je gesehen hat, eine schillernde Vorgeschichte und jetzt eine weitere «unübliche Situation». Die Staatsanwaltschaft lässt sich bei den Verhandlungen zum Tötungsdelikt von einem Ermittler der Polizei helfen. 
 
Der wisse sehr gut über den Fall Bescheid und sei «wie ein zusätzliches Paar Ohren», rechtfertigte der Staatsanwalt gestern vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen seinen ungewöhnlichen Begleiter. 
 

Staatsanwälte wurden eingewechselt 

Geht gar nicht, finden dagegen die Verteidiger. Die Polizei werde hier «missbraucht». Denn sobald Anklage erhoben ist, sei die Polizei nicht mehr die Helferin der Anklage. Im Hauptverfahren sei die Staatsanwaltschaft «eine Partei mit den gleichen Rechten und Hilfsmitteln wie die Verteidigung». 
 
Das Gericht sieht dies anders und entschied: Der Ermittler darf bleiben. Er dürfe dem Staatsanwalt nur zudienen, jedoch  keine Ermittlungsaufträge mehr  entgegen nehmen. Das Gericht begründet dieses Zugeständnis mit der komplizierten Ausgangslage. Die jetzigen Staatsanwälte seien mitten im Verfahren eingewechselt worden, nachdem ihre Vorgänger wegen Anscheins von Befangenheit in den Ausstand treten mussten. 
 
Ausserdem sei die Staatsanwaltschaft mit insgesamt 14 Beschuldigten konfrontiert. Die Verteidiger hätten den Vorteil, dass sie von Anfang an in den Fall involviert waren und jeweils nur einen Mandanten zu vertreten hätten. 
 

Sogar das Portemonnaie wird geöffnet

Die Verteidiger monierten auch die strengen Eingangskontrollen jeweils vor Prozessbeginn. Während die Staatsanwälte durchmarschieren könnten, müssten sich die Anwälte sogar ins Portemonnaie schauen lassen. Man werde in Kreuzlingen «komisch» behandelt. «Wir sind nicht die Komplizen der Beschuldigten.» Das Gericht habe die Anordnung nicht leichtfertig getroffen, erklärte der vorsitzende Richter Pleuler. Die Kontrollen würden deshalb auch so bleiben. «Nehmen Sie es nicht persönlich.»
 
Drei Tage hat das Gericht über das Tötungsdelikt verhandelt. Bisher ist nicht klar, warum der 53-jährige IV-Rentner sterben musste und wer an seinem Tod schuld ist. Auch die These, dass der Mann Heroin bei sich gelagert hatte und dieses nicht freiwillig herausgeben wollte, lässt sich bis jetzt nicht erhärten. Am Montag wird die Befragung fortgesetzt. 

 

Beschuldigter hungert aus Protest

Der 47-jährige Iraker Nasar M. ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Abgemagert und mit schlohweissen Haaren sitzt er vor den Richtern. Er soll der Boss der kriminellen Bande gewesen sein. Angeklagt ist er unter anderem wegen vorsätzlicher Tötung, von ihm soll der Befehl stammen, den IV-Rentner mundtot zu machen. 20 Jahre Haft und anschliessende Verwahrung sind gefordert. Er befinde sich im Hungerstreik, eröffnete Nasar M. dem Gericht.

Seit vier Jahren sitze er in Isolationshaft wegen «diesem Mord», mit dem er nichts zu tun habe. Er habe den IV-Rentner über einen gemeinsamen Freund kennen gelernt und ein paarmal besucht.

Die Befragung ist schwierig, Nasar M. antwortet ausschweifend und verliert sich in Nebensächlichkeiten. Er sei gewillt, die Befragung am Montag abzuschliessen, verkündete Richter Thomas Pleuler, egal wie lange es dauere. (san)

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