"Es macht Angst und ist mit Scham behaftet"

Nachgefragt

Die Psychologin Beatrice Neff arbeitet bei Perspektive Thurgau im Zuständigkeitsbereich psychische Gesundheit. Zum fünften Mal organisiert sie zum Welttag zur Suizidprävention am 10. September einen Anlass. Aufklärung über das Tabuthema psychische Krankheit ist ihr sehr wichtig.
08.09.2017 | 18:54
Frau Neff, was für eine Veranstaltung organisieren Sie zum Welttag der Suizidprävention?
Am Donnerstag, 14. September, zeigen wir im Cinema Luna in Frauenfeld einen Film mit anschliessender Podiumsdiskussion mit zwei Expertinnen. Im Film steht nicht «Suizid» im Zentrum, sondern es geht um Kinder und Jugendliche mit einem psychisch erkrankten Elternteil. Da wir wissen, dass bei 70 bis 80 Prozent der Suizide eine psychische Erkrankung vorausgeht, ist das Thematisieren von psychischen Erkrankungen eine wertvolle Suizidprävention.

Warum ist Suizid immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?
Das Thema macht Angst, ist mit Schuldzuweisungen und Scham behaftet. Angehörige machen sich oft selbst Vorwürfe. Das hilft niemandem. Das Tabu muss gebrochen werden, denn die Vorurteile in der Gesellschaft verhindern ein frühzeitiges Unterstützen. Jeder Suizid ist tragisch und wir müssen alles dafür tun, dass es nicht dazu kommt.

Sie arbeiten mit Betroffenen, die direkt von der Situation berichten können. Ist das eine Chance?
Grundsätzlich ist es sehr wertvoll, wenn Menschen über ihre Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Darüber zu sprechen, wie man eine Krise überwunden hat, hilft anderen, sich beispielsweise in Behandlung zu begeben. Das nennt sich Papageno-Effekt (siehe Info-Kasten). Man hat einen Menschen vor sich, der «es geschafft hat», das macht Mut und vermittelt Zuversicht. 

Wirkt das auch als Suizidprävention?
Auf jeden Fall. Wenn wir dafür sorgen, dass psychisch belastete Menschen so früh wie möglich professionelle Unterstützung erhalten und diese auch annehmen können, findet diese Negativspirale nicht statt, die zu einem Suizid führen könnte. Das ist die beste Prävention.

Sind Familie und Freunde besonders gefordert?
Das soziale Netz ist sehr wichtig für die Betroffenen. Je früher wir die Not einer Person erkennen, desto eher kann man sie unterstützen oder ihr helfen. Deshalb ist nachfragen und hinhören so wichtig. Sich einer Bezugsperson anzuvertrauen, ein Beratungstelefon in Anspruch zu nehmen oder einen Termin bei einer Fachstelle zu vereinbaren braucht Mut und Kraft. Und da hilft es, wenn man weiss, dass man nicht allein ist. (sba)

Werther und Papageno

Beides sind Figuren aus der Literatur. Der Werther-Effekt ist der sogenannte Nachahmereffekt. Studien zeigen, dass heroisierende Berichte über Suizide können Nachahmer inspirieren. Das war erstmals nach der Veröffentlichung von Goethes «Werther» zu beobachten, daher die Namensgebung. Der Papageno-Effekt wurde 2010 in einer Studie des Wiener Wissenschafters Thomas Niederkrotenthaler entdeckt. Papageno ist aus Mozarts «Zauberflöte». Er will sich wegen Liebeskummer das Leben nehmen, wird jedoch von drei Jungen davon abgehalten. Niederkrotenthalers Untersuchungen zeigen, dass Berichte über Menschen, die eine suizidale Krise überwunden haben, andere davon abhalten können, Selbstmord zu begehen. Der Papageno-Effekt steht dem Werther-Effekt also inhaltlich gegenüber. Beim Papageno-Effekt ist eine Beschreibung von konstruktivem Krisenmanagement sowie die Erklärung der individuellen Problematik und das Aufzeigen von Lösungsansätzen und professionellen Hilfsangeboten wichtig. (sba)

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