«Dieser Tod war nicht geplant»

  • Die Verhandlungen im Fall Kümmertshausen finden aus Platzgründen im Rathaus Kreuzlingen statt.
    Die Verhandlungen im Fall Kümmertshausen finden aus Platzgründen im Rathaus Kreuzlingen statt. (Thi My Lien Nguyen)
11.09.2017 | 21:14

FALL KÜMMERTSHAUSEN ⋅ War der Kronzeuge vielleicht der Täter? Am Montag beteuerte Yilmaz B. im Kümmertshausen-Prozess seine Unschuld. Doch die Aussagen von Mitangeklagten sprechen eine andere Sprache.

Ida Sandl
Yilmaz B. beschreibt sich als den Guten, der alles getan hat, um das Leben des IV-Rentners zu retten. Die Mitangeklagten zeichnen aber ein anderes Bild von ihm. Einen ganzen Tag dauerte am Montag die Befragung von Yilmaz B., dem sogenannten Kronzeugen im Mammutprozess Kümmertshausen. Einer von vier Beschuldigten, die am Tötungsdelikt beteiligt sein sollen. Insgesamt sind 14 Männer angeklagt.

Bandenmitglied und Informant der Polizei

Yilmaz B., 39 Jahre, türkischer Kurde wie die meisten Angeklagten, ist eine illustre Figur. Er bewegte sich im kriminellen Milieu von St.Gallen im Umfeld einer Bande, die mit Drogengeschäften, Menschenschmuggel und Erpressung ihr Geld verdient. Zugleich war er gelegentlicher Informant der St. Galler Polizei. Ihr hatte er verraten, sein damaliger Freund Müslüm D. wolle eine Ladung Heroin aus der Türkei in die Schweiz schmuggeln. Die Polizei nahm Müslüm D. an der Grenze hoch, fand aber kein Heroin.

Am 19. November, einen Tag vor dem Tod des IV-Rentners, soll Nasar M., der Bandenboss, Yilmaz B. gefragt haben, ob er zwei weitere Türken nach Kümmertshausen fahren könne. Der Boss habe gesagt, sie sollen ins Haus des IV-Rentners gehen, ohne jemanden Schaden zuzufügen. Was sie dort wollten, wird nicht so recht klar: Entweder den IV-Rentner einschüchtern, damit er aufhöre mit der Polizei zu drohen (siehe Box) oder 2,5 Kilo Heroin holen, die der IV-Rentner angeblich bei sich gelagert hatte. Jenes Heroin, das die Polizei bei Müslüm D. nicht gefunden hatte.

Zweimal fuhren die drei zum IV-Rentner. Sie gaukelten ihm vor, sie wollten Gras kaufen. Yilmaz B. sagt, er habe die beiden Türken abgehalten, ins Haus des IV-Rentners zu gehen. Unverrichteter Dinge fuhren sie wieder zurück nach St. Gallen. Am Samstagabend, 20. November, dann der dritte Anlauf: Diesmal habe Müslüm D. das Auto gelenkt, wieder mit dabei:  die beiden Türken. Yilmaz B. sagt, er sei nur aus Neugierde mitgekommen. Weil er vermutete habe, dass dieses Heroin im Spiel sei.

In Kümmertshausen eskalierte die Situation. Einer der beiden Türken habe  den IV-Rentner angegriffen, der andere habe das Haus durchsucht. Er, Yilmaz B., habe den Angreifer wegziehen wollen, es aber nicht geschafft. Als der IV-Rentner laut um Hilfe rief, habe ihm einer der Männer eine Jacke über den Kopf geworfen. Nach wenigen Minuten sei der IV-Rentner leblos am Boden gelegen. «Dieser Tod war nicht geplant», sagt Yilmaz B. Die anderen hätten dann eine Geldkassette, einen Tresor, eine Tasche mit Haschisch und eine Sporttasche aus dem Haus geholt. In der Sporttasche soll das Heroin gesteckt haben.

Er wollte den Verletzten ins Spital tragen

Auf der Fahrt zurück nach St.Gallen will Yilmaz B. die Mitfahrer angefleht haben, man solle eine Ambulanz rufen. Notfalls würde er den IV- Rentner auf seinem Rücken ins Spital tragen und dort eine Scheibe einschlagen, damit jemand den Verletzten versorge. Doch keiner habe auf ihn gehört. Der Boss sei ausgerastet, als er gehört habe, dass der IV-Rentner wohl tot sei. «Was habt ihr gemacht? Flieht, verlasst sofort die Schweiz.»

Die zwei Türken verschwinden tatsächlich, werden aber geschnappt. Ihnen wird in der Türkei der Prozess gemacht. Ihre Aussagen trüben das Bild des selbstlosen Helfers Yilmaz B. So behauptet der eine, Yilmaz B. sei zusammen mit dem anderen Türken im Haus des IV-Rentners gewesen. Als er dann dazu kam, sei der IV-Rentner schon am Boden gelegen.

Und auch der Bandenboss hat ausgesagt, Yilmaz B. habe ihm gestanden: «Ich habe einen Fehler gemacht und ihn getötet.» Seltsam ebenso, dass am Tag nach dem Überfall die Kleider von Yilmaz B. auf einer Grillstelle bei Gossau verbrannt werden.

Die Befragung des Kronzeugen wird am Dienstag fortgesetzt.
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