DREHARBEITEN

Die Zukunft spielt in Weinfelden

Der 18-jährige Noa Röthlisberger ist Pöstlerlehrling. Und er dreht zurzeit einen ­Science-Fiction-Film. Der Streifen soll Ende Jahr im Kino gezeigt werden.
17.04.2018 | 07:13
Maria Keller

Maria Keller

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Das Jahr 2030. Die Ressourcen auf der Erde sind aufgebraucht. Die Menschheit wird hier nicht mehr lange leben können. Der Wissenschaftspraktikant Alan forscht an einem Teleskop, mit dem Ziel, eine Rakete ins All zu schicken. So will er einen neuen Planeten finden, der die Zukunft der Menschheit sichert. Ein schwerer Unfall führt zu Komplikationen bei der Weiterentwicklung der Idee. Seine Arbeitskollegin Seraya hilft Alan, das Projekt zu verwirklichen und für seinen Traum einzustehen.

Die Leidenschaft muss neben der Lehre Platz haben

Was sich stark nach dem Science-Fiction-Film «Interstellar» anhört, ist in Wahrheit das Werk von Noa Röthlisberger, einem 18-jährigen Pöstlerlehrling aus Weinfelden. Seit März 2017 arbeitet er an seinem ersten eigenen Kurzfilm, dem Science-Fiction-Projekt «Stiller Planet». Und tatsächlich ist die Idee bewusst an «Interstellar» angelehnt. «Der Regisseur Christopher Nolan ist eine grosse Inspiration für mich», sagt Röthlisberger.

Die Leidenschaft zum Film wurde dem Weinfelder in die Wiege gelegt. Sein Vater arbeitet in der Branche und konnte ihn früh dafür begeistern. «Ich habe schon in der ersten Klasse begonnen Filme zu machen.» Selber in die Film-Branche einzusteigen sei aber damals nicht möglich gewesen – unter anderem aus finanziellen Gründen. Röthlisberger hat sich für eine Lehre bei der Post entschieden und verfolgt seine Leidenschaft parallel dazu. Nachdem er letztes Jahr mit This Lüscher, dem Regisseur des «Bestatters», bei dem Filmprojekt «The Real Thing» mitarbeiten durfte, wurde es für den 18-Jährigen Zeit für ein eigenes Projekt.

Schlaflose Nächte während Pre-Production

«Als erstes habe ich die futuristische Welt konzipiert, in der die Geschichte spielen wird», sagt Noa Röthlisberger. Erst als diese genau ausgearbeitet war, hat er die Handlung und die Charaktere darum herum aufgezogen. Für das Drehbuch holte er Valentin Burell mit ins Boot. Die beiden kennen sich von filmkids.ch, einem Non-Profit-Verein für Kinder und Jugendliche, die die Filmbranche besser kennen lernen möchten.

Schliesslich lag das Drehbuch fertig auf dem Tisch. «Danach folgte die anstrengendste Phase», sagt Röthlisberger: die Pre-Production. «Meine Ausbildung habe ich nicht vernachlässigt, dafür musste ich einige Nächte auf Schlaf verzichten.» In aufwendigen Castings suchte der Weinfelder vier Hauptdarsteller und über 30 Statisten aus. Der Altersdurchschnitt am Filmset liegt bei unter 18 Jahren. Alle Jugendlichen verfolgen dieselbe Leidenschaft und arbeiten ohne Lohn. Denn die Produktion ist nicht gerade kostengünstig. «Wir haben für das ganze Projekt 30000 Franken budgetiert», sagt Röthlisberger. Kultur-, Jugend- sowie zahlreiche Privatsponsoren unterstützen die Jugendlichen. Auch dank Crowdfunding kann das Projekt in dieser Dimension auf die Beine gestellt werden.

Crew und Schauspieler sind eine Familie geworden

Jenny Kitzka, die Seraya spielt, ist stolz, Teil des Projekts zu sein: «Wir wollen allen zeigen, dass Jugendliche so etwas selbstständig auf die Beine stellen können.» Sie ist im zweiten Schuljahr an der Kantonsschule. Wie sie nebst der Schule eine Hauptrolle in einem Film spielen kann? «Ich lerne jeweils in den Drehpausen.» Und seit Sonntag sind die Dreharbeiten auch schon wieder vorbei. Eine Woche lang wurde an verschiedenen Orten im Thurgau gedreht. Auf einem Bauernhof in Tägerschen zum Beispiel. Und wenn auch keiner der Beteiligten eine Ausbildung zum Regisseur oder Schauspieler hat, so wirkt das Set hochprofessionell.

Für die Drehwoche haben die Jugendlichen gemeinsam eine Unterkunft gemietet. «In dieser Zeit sind wir eine einzige grosse Familie, das schafft Zusammenhalt», sagt Jenny Kitzka. Ein Zusammenhalt, der auch am Set spürbar ist. Neben der konzentrierten Arbeit wird viel gelacht und rumgealbert. Auf dem Bauernhof wird unter anderem eine kurze Szene gedreht, in der Seraya mit dem Auto auf den Hof fährt. Im Film dauert die Sequenz einige Sekunden. Der Aufwand dahinter ist grösser. Einige Jungs schieben das Auto von hinten, während Schauspielerin Jenny Kitzka hinter dem Steuer sitzt. Denn auch wenn ihr Charakter schon fahren kann, hat Jenny den Führerschein noch nicht. «Cut!»: Nach einigen Probeanläufen ist die Szene im Kasten.

Ende Jahr soll der Streifen fertig sein. Noa Röthlisbergers Wunsch ist es, damit an Filmfestivals in der Schweiz zu gehen. «Als erstes würden wir den Film aber am liebsten im Kino in Weinfelden zeigen.» Wo auch immer «Stiller Planet» schlussendlich läuft, so viel verrät der Produzent bereits: «Es geht im Film nicht hauptsächlich um den wissenschaftlichen Aspekt, sondern um die Entwicklung Alans, um das Zwischenmenschliche. Denn schlussendlich merkt er, dass ihn nichts Materielles so glücklich machen kann wie die Beziehung zu Seraya.»

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