Fall Hefenhofen: Die Emotionen sind weg, die Pferde auch

  • Versteigerung: Angehörige der Armee führen in der Kaserne Sand in Schönbühl bei Bern jedes der zu verkaufenden Pferde von Ulrich K. vor den Augen der Interessierten vor.Bilder: Reto Martin
    Versteigerung: Angehörige der Armee führen in der Kaserne Sand in Schönbühl bei Bern jedes der zu verkaufenden Pferde von Ulrich K. vor den Augen der Interessierten vor.Bilder: Reto Martin (Reto Martin (Reto Martin))
11.10.2017 | 20:02

VERSTEIGERUNG ⋅ Das kantonale Veterinäramt verkaufte am Mittwoch 36 weitere Pferde aus dem Besitz des mutmasslichen Tierquälers Ulrich K. Statt von den Bietern in die Höhe getrieben zu werden, fielen die Preise in den Keller. Grund war die überraschend kleine Nachfrage.

Silvan Meile
Aus Henri Spychiger sprach die Verzweiflung: «Das ist fast geschenkt», sagte der Ehrenpräsident des Schweizerischen Freibergerverbands. Der Mann aus dem Berner Jura hatte gestern auf dem Armeegelände in Schönbühl bei Bern die Aufgabe, im Auftrag des Kantons Thurgau weitere 36 Pferden aus dem Bestand des mutmasslichen Tierquälers Ulrich K. aus der Gemeinde Hefenhofen zu versteigern. Diese Tiere verbrachen den Sommer auf Alpweiden in den Kantonen Graubünden und St.Gallen.

Weil von den Anwesenden am Mittwoch kaum jemand bereit war, den durch unabhängige Schätzer festgelegten Preis der vorgeführten Pferde zu bezahlen, wurde dieser vor einem zweiten Durchgang um 500 Franken reduziert. 1800 Franken kostete dadurch die «fast geschenkte» Nummer 4, eine Stute mit ihrem Fohlen. Dann schnellten doch noch Hände in die Höhe. «2100 Franken zum Dritten», konnte Spychiger schliesslich verkünden. Die Nummer 4 wurde zum teuersten Angebot dieser Versteigerung. Das günstige Pferd ging für 600 Franken an einen neuen Besitzer.
 

Diesmal trieben keine Emotionen die Preise in die Höhe

42'600 Franken nahm das Veterinäramt des Kantons Thurgau am Mittwoch ein, wie Informationschef Walter Hofstetter erklärte. Die Thurgauer Verantwortlichen zeigen sich erleichtert, nun keine Tiere von Ulrich K. mehr in ihrer Verantwortung zu haben. «Wir sind zufrieden, dass alle weg sind», sagte Hofstetter. Der Markt habe gespielt, diese Pferde seien somit nicht mehr wert. Im Schnitt beläuft sich der Erlös vom Mittwoch pro Pferd auf rund 1200 Franken.

An der ersten Verkaufsaktion im August, als 80 Pferde aus dem Bestand des Hofs von Ulrich K. verkauft wurden, waren es 1750 Franken pro Tier. Diese seien sogar in einem schlechteren Zustand gewesen, hiess es im Publikum. Einige der rund 150 Anwesenden verstanden deshalb in Schönbühl die Welt nicht mehr. Denn im August war das Interesse an den Pferden an gleicher Stelle so gross, dass die Käufer per Los ermittelt werden mussten, weil der Kanton Thurgau nicht wollte, dass die Verkaufspreise mehr als 500 Franken über den Schätzpreisen zu liegen kommen. Damals drängten sich zeitweise bis zu 2000 Interessierte an die Absperrgitter. Am Mittwoch war gegen oben keine Preislimite mehr festgelegt. Es boten aber nur wenige mit. Hofstetter führte dies auf die Emotionen zurück, die im August die Preise in die Höhe schiessen liessen, nun aber offensichtlich abgeflaut sind.
 

Fehlende Papiere: Händler und Züchter zeigten wenig Interesse

Nach dem Mittag und einer zweiten Senkung des Preises für ein Erstgebot hatte es das Thurgauer Veterinäramt schliesslich geschafft: Alle 36 Pferde konnten in neue Hände übergeben werden. Jeder Käufer mussten bar vor Ort beim stellvertretenden Thurgauer Kantonstierarzt Ulrich Weideli persönlich bezahlen und gleichzeitig versichern, dass das erworbene Pferde bis Mitternacht abtransportiert ist. Kantonstierarzt Paul Witzig war nicht anwesend.

Vorwiegend ältere Männer in Faserpelz begutachteten am Mittwochvormittag die Tiere. «So verkauft man keine Pferde», murmelt einer. Man müsse im Vorfeld die Papiere einsehen können, zumindest das Alter wissen. «Auch der Ausbildungsstand ist ungewiss.» Ausserdem seien die Pferde zu klein für ihre Rasse. Tatsächlich fehlten bei den meisten Pferden Dokumente und Details, wie Versteigerungsleiter Spychiger von seinem hölzernen Rednerpult verkündetet, welches sonst mit Blumen geschmückt und einer Fahne verziert für Ansprachen zum Einsatz kommt. Wegen der fehlenden Papiere zeigten die meisten Händler und Züchter wenig Interesse, sich an der Versteigerung zu beteiligen.

Fehlende Dokumente waren hingegen der Bieterin Silvia Casutt egal. «Mit den Papieren kann ich ja nicht reiten.» Die Betreiberin eines Reithofes hat zwei Fohlen für 1800 Franken gekauft. Normalerweise zahle sie so viel für ein einziges Tier. Einen weiten Heimweg hatte sie nicht. Sie wohnt im Nachbarort Moosseedorf.

Bilderserien zum Artikel (1)

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Schreiben Sie bitte Tagblatt rückwärts?
 

Meistgelesen

Der Thurgauer Schreiner Sven Bürki ist einer von drei Goldmedaillengewinnern an den WorldSkills, die aus der Ostschweiz kommen. (pd)
Ostschweiz: 19.10.2017, 20:16

WorldSkills: Drei Mal Gold für die Ostschweiz

Die Schweiz holt an den WorldSkills in Abu Dhabi so viele Medaillen wie noch nie.
Kein Versteck ist vor den «Jägern» an den Grenzen sicher. Im Verdachtsfall werden Proben für Drogentests genommen.
Rheintal Aufschlag: 19.10.2017, 13:36

"Wären wir mehr Leute, hätten wir den erwischt"

Abgesehen von Au sind die Grenzübergänge im Rheintal nicht durchgehend besetzt.
Wer seine Einkäufe selbst scannt, nimmt einer Kassierin die Arbeit ab - das kritisieren viele Internet-Nutzer.
St.Gallen: 19.10.2017, 08:41

Migros-Sprecher zu Kritik am Self-Scanning: "Es geht nicht um Stellenabbau"

Die Wogen gehen hoch im Internet, nachdem die Migros Neumarkt mit zusätzlichen ...
Er holte eine von insgesamt elf Schweizer Goldmedaillen an der Berufs-WM in Abu Dhabi: der Schweizer Webdesigner Emil von Wattenwyl.
Schweiz: 19.10.2017, 19:30

Schweizer räumen an den Berufs-WM ab

Die Schweizer Delegation hat an den diesjährigen Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi so gut ...
Die warmen Temperaturen locken viele Besucher an den Herbstmarkt.
St.Gallen: 19.10.2017, 08:25

Warm, wärmer, Olma - Händler freuen sich über deutlich mehr Kundschaft

Mit der Olma ziehen meistens dicke Regenwolken über St. Gallen. Nicht so in diesem Jahr.
Der Leistungsdruck auf die Mitarbeiter der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen ist hoch.
Kanton Thurgau: 19.10.2017, 08:27

Integration misslungen

Ein sehbehinderter kaufmännischer Angestellter erträgt den Druck nicht, den seine Chefin auf ihn ...
Der ferngesteuerte Bagger muss sich auf dem Felsweg im Gebiet Ruosalp UR bis zur verschütteten Baumaschine (links) vorarbeiten - dahinter werden die zwei vermissten Arbeiter vermutet.
Panorama: 19.10.2017, 14:06

Bagger gräbt Weg zu Vermissten in Uri frei

Ein ferngesteuerter Bagger hat am Donnerstagmittag damit begonnen, den Weg zu den zwei ...
Vaterschaftsurlaub? Unnötig, sagt der Bundesrat. Am Dienstag lehnte er eine Initiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub ohne Gegenvorschlag ab.
Schweiz: 19.10.2017, 17:18

Vaterschaftsurlaub: Wickeln ist doch Frauenzeugs

Statt Kinder zu wickeln, würden moderne Väter in der Schweiz Olympische Spiele organisieren, ...
Tumultartige Szenen an der New Yorker Börse am "Schwarzen Montag" vor genau 30 Jahren. Der Dow Jones stürzte innert weniger Stunden um fast 23 Prozent ab. (Archivbild)
Wirtschaft: 19.10.2017, 10:00

Parallelen zum Börsencrash vor 30 Jahren

Vor 30 Jahren haben die Börsen weltweit einen "schwarzen Montag" erlebt.
Der Traktor wurde von seinem 20 Tonnen schweren Anhänger über den Randstein geschoben. (kapo sg)
Unfälle & Verbrechen: 19.10.2017, 16:30

Verunfallter Traktor blockiert Strasse

Am Donnerstagmorgen ist ein 16-Jähriger in Trübbach mit seinem Traktor und Anhänger verunfallt.
Zur klassischen Ansicht wechseln