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"Die Ärzte lagen immer daneben": Fehlt am Kantonsspital Münsterlingen kompetentes Personal?

Peter Deubelbeiss wurde im Kantonsspital Münsterlingen mehrfach Opfer von Fehldiagnosen. Nach seiner Meinung fehlt kompetentes Personal. So wurde er fünfmal wegen einer Lungenentzündung eingeliefert, bis die Ursache entdeckt wurde.
11.04.2018 | 05:21
Thomas Wunderlin

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Letztes Jahr ging Peter Deubelbeiss knapp am Tod vorbei. An einem Januarmorgen lag er allein in seiner Wohnung in Kesswil und konnte sich nicht mehr bewegen. Der Nachbar habe ihn gefunden: «Er hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Ohne ihn würde ich nicht mehr leben.»

Deubelbeiss hatte eine Lungenentzündung, wie im Kantonsspital Münsterlingen festgestellt wurde. Man kannte ihn dort. Im Jahr zuvor war er schon zweimal mit einer Lungenentzündung in Münsterlingen eingeliefert worden. Beide Male erkannten die Ärzte die eigentliche Ursache nicht; auch beim dritten Mal kamen sie ihr nicht auf die Spur.

Im Sommer 2017 hatte er die vierte Lungenentzündung. Da befand er sich in Schweden. «Die Ärzte dort sagten, da ist mehr als eine Lungenentzündung; ich solle mich in Münsterlingen gründlich untersuchen lassen.» Zurück in der Schweiz ging es ihm zunächst gut, bis er im September 2017 wieder notfallmässig in Münsterlingen eingeliefert wurde. Im Oktober 2017 folgte erneut eine Lungenentzündung, die sechste. «Ich sass zu Hause im Stuhl, habe gehustet und kaum Luft bekommen.»

Die Feuerwehr holt ihn aus der Wohnung

Wieder einmal musste ihn die Feuerwehr aus seiner Wohnung im zweiten Stock eines alten Bauernhauses holen, worauf ihn eine Ambulanz nach Münsterlingen brachte. Dort habe ihn «eine Assistenzärztin mit null Erfahrung behandelt», sagt Deubelbeiss. Sein ganzer Körper sei voll Wasser gewesen. Die Beine habe man ihm eingebunden. Wegen einer Allergie habe sich die Haut gelöst. «Da habe ich auf den Tisch geklopft und eine richtige Untersuchung durch Kardiologen und Lungenspezialisten verlangt.» Mit Hilfe eines Magnetresonanztomographen (MRI) wurde nun endlich die Ursache der wiederkehrenden Lungenentzündung gefunden: Peter Deubelbeiss’ Herzklappe schliesst nicht zu hundert Prozent, weshalb sich Wasser in der Lunge und im Gewebe ablagert.

Freundlich und ruhig erzählt der Patient seine Leidensgeschichte. Doch gegenüber dem Spital Münsterlingen äussert er sich scharf. Dem Leiter der Klinik für Innere Medizin, Martin Krause, hat er geschrieben: «Ich habe den Verdacht, dass in Ihrem Hause zu wenig kompetentes Fachpersonal arbeitet, dafür zu viele, die offensichtlich überfordert sind. Im Interesse all Ihrer Patienten fordere ich Sie auf, diese Missstände zu beseitigen.» Dass die Fachärzte es jeweils unterlassen hätten, nach der Ursache seiner Lungenentzündungen zu forschen, «erachte ich als krasse Fehlleistung».

Auch eine adäquate Anweisung, wie er mit seinem Herzleiden umgehen solle, habe er keine erhalten, sagt Deubelbeiss: «Drei Kardiologen haben es bagatellisiert.» Erst ein aussenstehender Spezialist habe ihm genau erklärt, wie er sich verhalten müsse. So darf er beispielsweise nicht mehr als zwei Liter Flüssigkeit täglich trinken, inklusive Suppe und Kaffee.

Seine Kritik hat einen weiteren Grund. Denn die Münsterlinger Ärzte hatten Deubelbeiss schon zehn Jahre zuvor nicht helfen können. Damals erlitt er eine Querschnittlähmung. Mit dem rechtzeitigen Einsatz des MRI hätte sie vermieden werden können, wie Deubelbeiss überzeugt ist. Er war wegen eines Kreislaufzusammenbruchs eingeliefert worden. Die Ärzte sahen im Blutbild eine Entzündung und behandelten ihn mit Antibiotika, aber offenbar mit den falschen. Deubelbeiss litt an Rückenschmerzen, die sich die Ärzte nicht erklären konnten. Ein Vorfall aus jener Zeit ist ihm nachhaltig in Erinnerung geblieben. Ein Arzt habe ihm schwungvoll auf den Rücken geschlagen. «Ich hatte grausame Rückenschmerzen, meine Besucher erschraken.» Der Arzt habe gesagt: «Wer Rückenschmerzen hat, der simuliert meistens.» Am nächsten Morgen konnte er seine Beine nicht mehr bewegen.

Eigentlich hätte er an diesem Tag heimgehen sollen. Daran war nun nicht mehr zu denken. Jetzt schob man ihn ins MRI und entdeckte, dass der sechste und siebte Brustwirbel als Folge einer Blutvergiftung zerfressen waren.

Der gebürtige Frauenfelder mit Jahrgang 1948 hatte in der Schweiz und in Schweden als Gartenbauer und Landschaftsarchitekt gearbeitet. Nun wurde er zum IV-Fall. Nach einer riskanten Operation an der Kreuzlinger Herzklinik kam er ins Paraplegikerzentrum Nottwil, dann für elf Monate in die Rehaklinik Zihlschlacht. Der Körper baute die Wirbel, die wie Sägemehl zerbröselt waren, im Lauf zweier Jahre wieder auf. Mit langem, hartem Training kam Deubelbeiss wieder auf die Beine. Doch schafft er bis heute nur wenige Schritte am Stück und das nur mit Hilfe von Stöcken. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen, auch in seiner Wohnung.

Kürzlich brachte Deubelbeiss auch bei einem persönlichen Gespräch mit dem Klinikleiter seine Kritik an. Man könne gut mit Krause reden, sagt Deubelbeiss. Er habe gesagt, es sei tragisch, was da gelaufen sei, er müsse mit seinem Team «mehr dahinter».

Spitalstiftung übernimmt Transportkosten

Deubelbeiss weigerte sich, die Transportkosten von rund 4000 Franken der letzten zwei Einlieferungen zu bezahlen. Dabei handelt es sich um den Selbsbehalt; die Krankenkasse übernimmt nur Transportkosten von 500 Franken pro Jahr. Die Spitalbuchhaltung zeigte sich entgegenkommend. Sie teilte Deubelbeiss mit, dass die Thurgauische Spitalstiftung diese Kosten trage, und zwar «wegen ungünstigem Krankheitsverlauf».

Marc Kohler, CEO der Spital Thurgau AG, teilt auf Anfrage mit, dass «in den letzten Wochen offensichtlich noch klärende und vertiefte Gespräche mit Herrn Deubelbeiss stattgefunden haben, mit welchen er sich uns gegenüber zufrieden zeigte».

Damit die Verantwortlichen der Spital Thurgau AG gegenüber dieser Zeitung Stellung nehmen können, hat Deubelbeiss sie schriftlich von der Schweigepflicht entbunden. Die Formulierung ist von einem Juristen geprüft worden. Das Schriftstück «genügt für eine Entbindung vom Arztgeheimnis juristisch nicht», schreibt Spital-CEO Kohler . «Ich kann deshalb zu dieser Beschwerde keinerlei Stellung nehmen, insbesondere auch nicht zu medizinischen Details, das wäre strafbar.» Wie ihn Deubelbeiss denn von der Schweigepflicht entbinden könne, dazu äussert sich Kohler nicht.

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