LEITARTIKEL

Der Kanton Thurgau und sein Fall Hefenhofen: Willkommen im Reich des Shitstorms

Der Thurgau stand mit seinem Tierquälerei-Skandal im ganzen Land am Pranger. Damit dies nie wieder vorkommt, darf sich auch die völlig verunglückte Krisenkommunikation nicht wiederholen, schreibt Christian Kamm, Leiter Kanton Thurgau.
09.09.2017 | 10:15
Das war schon ein in jeder Hinsicht ausserordentliches Schauspiel, wie da ein mittelgrosser Kanton wochenlang vorgeführt worden ist. Als Spielball eines erprobten Einpeitschers und der am besten geölten Kampagnenmaschine des Landes. Von Tag zu Tag wehrloser. Und einer immer haltloseren Empörungsgesellschaft zum Frass vorgeworfen. Ein ganzer Kanton, der Thurgau, versunken im Shitstorm.

So etwas darf nicht mehr passieren. Damit das nie mehr vorkommt, muss an zwei Fronten gehandelt werden. Zum einen die inhaltliche Aufarbeitung. Hier zeigt sich der Thurgau gewillt, rest- und tabulos aufzuklären, was beim Vollzug der Tierschutzvorschriften aus dem Ruder gelaufen ist, und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Andererseits ist mit dem «Nie wieder» aber auch die völlig verunglückte Krisenkommunikation der Behörden gemeint. Hier wartet man noch auf produktive Einsichten. Chaotisch und völlig überfordert, trugen die Verantwortlichen selber entscheidend zum allgemeinen Kontrollverlust und der ungeheuren Wucht bei, welche die Geschichte eines überforderten Tierhalters landesweit entwickeln konnte.

Der Knackpunkt lässt sich klar benennen: Als die Behörden endlich aus ihrer Schockstarre erwachten und an einem Freitag zu Beginn der Krise über die Bildung einer Task Force informierten, machten sie deren Ventilwirkung mit der Ankündigung, dass diese Task Force am Montagmorgen erstmals tagen werde, gleich wieder kaputt. Monday to Friday, nine to five – und das angesichts der grössten sich ankündigenden Thurgauer Imagekrise, seit es die mediale Öffentlichkeit gibt. Es brennt lichterloh, aber die Feuerwehr kommt erst montags. Prompt beschleunigten sich die Ereignisse über jenes Wochenende nochmals ungebremst zum medialen Hurrikan. Von da an musste dem Letzten klar sein: Das kommt nicht mehr gut.

Diese naiv anmutende Ahnungslosigkeit mag damit zu tun haben, dass man solche Bedrohungslagen im Thurgauer Behördenalltag nicht kennt. Aber selbst dann hätte jemand auf die Idee kommen können, rechtzeitig Support von gewieften Kommunikationsprofis an Bord zu holen, die sich in solchen Szenarien auskennen.

Paradoxerweise ist der Kanton in dieser Ausnahmesituation aber auch über das gestolpert, was im Normalzustand als sogenannter «Thurgauer Weg» eigentlich zu seinen Stärken gehört. Gemeint ist eine typisch thurgauische Form von deeskalierender Konfliktvermeidung. Weniger wohlwollend könnte man das auch als Konsenssucht bezeichnen. Konsensorientiert statt konfrontativ, rücksichtsvoll statt bevormundend heissen die Eckpfeiler einer im Kern konfliktscheuen Kultur, die nicht nur einem möglichst bodenständig-emotionslosen Pragmatismus huldigt, sondern stets auch die Gesichtswahrung aller Beteiligten im Auge behält. Im Thurgau versucht man zuerst, es allen recht zu machen. Das oberste Prinzip politischen Handelns heisst, möglichst niemanden vor den Kopf zu stossen. Etwas gegen Widerstand durchsetzen zu müssen, gilt schon als halbe Niederlage. Dann hat man es nicht geschafft, alle ins Boot zu holen. 

Im Fall Hefenhofen hat sich dieses als Erfolgsmodell bewährte Handlungsmuster nun schlagartig in sein Gegenteil verkehrt. Und mit grosser Wucht aufgezeigt, dass diese Mentalität nicht mehr in die heutige (Medien-)Landschaft passt. Die Empörungsgesellschaft kennt nur schwarz und weiss. Kompromissangebote interessieren sie nicht. Sie orientiert sich an Opfern und will Täter am Pranger sehen. Die Empörungsgesellschaft kennt nur den totalen Sieg und die totale Niederlage.
Es war ein böses Erwachen, das der Fall Hefenhofen den Thurgauer Institutionen beschert hat. Willkommen in der schönen neuen Welt, einer Welt, der mit der Kommunikation von gestern nicht mehr beizukommen ist. Willkommen im Reich des Shitstorms. Und wie man nicht wählen kann, in welche Welt man hineingeboren wird, gibt es auch für den Thurgau kein Zurück zum Status quo ante. Er wird sich jetzt in diesem neuen Umfeld behaupten müssen, in das er brutal und ansatzlos geschleudert worden ist. Keine Alternative, nirgends. Es gibt nur: Wieder aufstehen und aus den eigenen Fehlern lernen! Denn der nächste Shitstorm kommt bestimmt. 

Christian Kamm
3 Leserkommentare
Weitere Artikel