Das Wunder von Frauenfeld

  • Das Strahlen der Siegerin: Regierungsrätin Monika Knill (rechts) hat sich für das Frühfranzösisch speziell ins Zeug gelegt - und gewonnen.
    Das Strahlen der Siegerin: Regierungsrätin Monika Knill (rechts) hat sich für das Frühfranzösisch speziell ins Zeug gelegt - und gewonnen. (Donato Caspari)
14.06.2017 | 13:16

KOMMENTAR ⋅ Die Befürworter des Frühfranzösisch sind in Champagnerlaune: Der Thurgauer Grosse Rat hat sich in einer spektakulären Kehrtwende für die Beibehaltung des umstrittenen Frühfranzösisch-Unterrichts entschieden. Christian Kamm, stellvertretender Chefredaktor der "Thurgauer Zeitung", mahnt allerdings: Die Rechnung folge wie üblich nach der Feier.

Den Befürwortern des Frühfranzösisch ist in letzter Sekunde die Wende gelungen. Der Thurgau bleibt dem freundeidgenössischen Sprachenkompromiss erhalten. Das ist zuerst eine gute Nachricht für die Schweiz. Aber auch eine für den Thurgau. Denn auch hier gibt es, genauer hingeschaut, eigentlich nur Sieger. Beziehungsweise Siegerinnen.

Zuvorderst steht da Erziehungsdirektorin Monika Knill (SVP), die grosse Siegerin der heutigen Abstimmung. Mit einem nimmermüden persönlichen Einsatz, listigem Werben, aber ebenso mit Hartnäckigkeit und eisernen Nerven hat sie das Wunder von Frauenfeld erst möglich gemacht.
Regierungsrätin Knill hat ihr gesamtes Renommee in die Waagschale geworfen und, was selten genug vorkommt, alles gewonnen. Generalstabsmässig wurden die Wochen zwischen der ersten und zweiten Lesung genutzt, um für den Massnahmenkatalog zur Verbesserung des Frühfranzösisch-Unterrichts im Thurgau zu werben. Fast schon ein Kampf in Hollywood-Manier um jede einzelne Stimme. Und wie in solchen Filmen üblich, gab’s auch hier ein Happyend. Ein Wermutstropfen bleibt: In der eigenen Fraktion konnte Knill niemanden umstimmen.

Gewonnen haben aber auch die Gegner des Frühfranzösisch – obwohl sie das so wahrscheinlich nicht unterschreiben würden. Zumindest noch nicht. Trotzdem: Im Thurgau bleibt zwar das Frühfranzösisch, aber es bleibt nicht, wie es ist. Mit ihrem Engagement haben die Gegner immerhin erreicht, dass den zahlreichen Problemzonen des Frühfranzösisch-Unterrichts nun der Kampf angesagt wird. Die Einsicht, dass die Qualität besser werden muss, hat Brücken über den Thurgauer Sprachengraben geschlagen. Und vor allem: Monika Knill steht mit zahlreichen Versprechungen im Wort.

Das wird die heutige Champagnerlaune zwar nicht trüben können, birgt aber Risiken für die Zukunft. Diese Verbesserungen nämlich kosten Geld, das irgendwann irgendwer bewilligen muss. Mit andern Worten: Die Rechnung folgt wie üblich nach der Feier. Und zweitens hat der Thurgau zweifellos eine kämpfende Regierungsrätin gesehen, aber auch eine auf den Knien. Die politische Rettungsübung fürs Frühfranzösisch glich phasenweise einer noch nie dagewesenen "Wünsch-dir-was"-Einladung für die Thurgauer Lehrerschaft: Wie hättet ihr es denn gern, damit ihr Ja sagen könnt? Bleibt abzuwarten, wie schnell man diese Geister, die hier in höchster Not gerufen worden sind, wieder loswerden wird. Oder anders formuliert: Wie schnell eine Regierungsrätin von den Knien wieder auf die Füsse kommt.

Christian Kamm
christian.kamm@thurgauerzeitung.ch

 
 
 
 
 
Kommentare
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geschrieben am 14.06.2017 13:52 | von Andreas Notter

Sehr guter Kommentar, Herr Kamm. Ich gehe vor Ihnen auf die Knie! grinsen

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geschrieben am 14.06.2017 14:45 | von Res Zaugg

Enttäuscht kommt mir nur ein Ausdruck in den Sinn: Weicheier.

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geschrieben am 14.06.2017 17:45 | von Markus Fässler

Ostschweizer sind vernünftig.

Heute ist ein guter Tag für die Schuljugend. Die freie Wahl des Wohnortes - ein Grundpfeiler von Freiheit - ist gewahrt worden. Kinder, die in die "Schweiz" zügeln müssen, müssen keine schwerwiegenden Nachteile erleiden. Besonders erfreulich, dass sich eine SVP-Polikerin dafür stark gemacht hat. Es gilt das Wort eines SVP'lers: Freude herrscht! Oders anders gesagt: Die Vernunft hat über "Harteier" gesiegt!

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geschrieben am 14.06.2017 17:49 | von Monika Diethelm-Knoepfel, Dr. med.

Ich finde das vernünftig. So wird verhindert, dass die Schüler aus dem Hinterthurgau, die die Kanti Wil besuchen, nach dem Frühenglisch wieder ins Hintertreffen geraten.

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