Thurgau will Frühfranzösisch verbessern, nicht abschaffen

  • Der entscheidende Moment: Die Thurgauer Kantonsräte erheben sich für die Abstimmung über das Frühfranzösisch.
    Der entscheidende Moment: Die Thurgauer Kantonsräte erheben sich für die Abstimmung über das Frühfranzösisch. (Donato Caspari)
14.06.2017 | 18:34

KANTON THURGAU ⋅ Der Grosse Rat Thurgau hat eine Kehrtwende gemacht und verzichtet auf die Abschaffung des Frühfranzösisch. Stattdessen sollen der Unterricht verbessert und schwache Schüler dispensiert werden.

Weil der Französisch-Unterricht in der Primarschule ungenügend sei und viele Schüler überfordere, wollte das Thurgauer Kantonsparlament das vor 24 Jahren eingeführte Frühfranzösisch wieder abschaffen und den Unterricht in die Oberstufe verschieben. Im Thurgauer Volksschulgesetz sollte ein Paragraf eingefügt werden mit dem Wortlaut: «Französisch wird erst auf der Sekundarstufe I unterrichtet.»

Am Mittwoch hat die SP die Vorlage bei der zweiten Lesung überraschend versenkt. Ein Streichungsantrag der Sozialdemokraten wurde mit 62 gegen 60 Stimmen knapp angenommen. Damit ist das umstrittene Gesetz vom Tisch. An der ersten Lesung Anfang Mai waren die Abschaffungsbefürworter, zu denen SVP, CVP und die Grünen gehörten, noch in der Überzahl. Der Thurgauer Entscheid stiess schweizweit auf grosses Medienecho und heftige Kritik.
 

Lehrer für Frühfranzösisch

Mitte Mai präsentierte die Regierung eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen − in der Hoffnung, den Französischunterricht in der Primarschule in letzter Minute noch retten zu können. Überforderte Schüler sollen unbürokratisch dispensiert werden, alle Schulgemeinden müssen einen Teil des Französisch-Unterrichts in Halbklassen halten, und es wird ein neues Lehrmittel eingeführt.

Vor der zweiten Lesung hatte der Lehrerverband, Bildung Thurgau, verlauten lassen, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer das Frühfranzösisch mit den geplanten Verbesserungen beibehalten wolle. Auch der Verband Thurgauer Schulgemeinden wollte keine Verschiebung in die Oberstufe.

In der knapp zweistündigen Diskussion am Mittwoch wurden keine neuen Argumente vorgebracht, die Debatte war jedoch weniger emotional. Schliesslich konnte die SP, welche zusammen mit der FDP und Bildungsdirektorin Monika Knill (SVP) für die Beibehaltung des Frühfranzösisch gekämpft hatte, einige Ratsmitglieder auf ihre Seite ziehen.
 

Erziehungsdirektorin erleichtert

Nun bleibt der Thurgau beim sogenannten Modell 3/5 (ab der 3. Klasse Englisch und ab der 5. Klasse Französisch), an welches sich die meisten Kantone halten. «Mir fällt ein Stein vom Herzen», sagte Bildungsdirektorin Monika Knill nach der Abstimmung gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Warum einige Ratsmitglieder ihre Meinung geändert hätten, sei unklar. Möglicherweise habe die deutliche Ablehnung der Initiative im Kanton Zürich, die nur eine Fremdsprache in der Primarschule forderte, einige umgestimmt.
 

Verbesserungen ab 2018

Der Regierungsrat werde sein Versprechen halten und die geplanten Massnahmen ab dem Schuljahr 2018 umsetzen. Falls diese nicht ausreichten, werde der Französisch-Unterricht aufgestockt, sagte Knill.

Die Abschaffung des Frühfranzösisch geht auf eine Motion aus dem Jahr 2014 zurück. Die Regierung hatte die Verschiebung des Unterrichts stets abgelehnt. Damit das Parlament nochmals über die Bücher musste, legte SVP-Erziehungsdirektorin Monika Knill «contre coeur» eine Gesetzesänderung vor.

Wäre der Grosse Rat bei der Abschaffung geblieben, wäre es mittels Ratsreferendum mit Sicherheit zu einer Volksabstimmung gekommen.
 

Erfreute Reaktionen

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner, welche die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) präsidiert, freute sich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda über den Entscheid.
Angesichts der Tatsache, dass Innenminister Alain Berset ein Sprachengesetz in Aussicht gestellt habe für den Fall, dass ein Kanton die rote Linie überschreite und das Frühfranzösisch kippe, sei der Entscheid für alle Kantone wichtig: «Jetzt ist die Situation vorläufig entschärft.»

Die Frage, welche Fremdsprache Deutschschweizer Primarschulkinder zuerst lernten, regle der Sprachenkompromiss. Mit Ausnahme von Graubünden unterrichteten die Kantone im Osten nach dem Modell 3/5 ab der 3. Klasse Englisch und ab der 5. Klasse Französisch. Darauf sei auch das verwendete Lehrmittel ausgerichtet.

Das Bundesamt für Kultur nahm ebenfalls Stellung zum Thurgauer Entscheid: Mit dem heutigen Entscheid des Grossen Rates in zweiter Lesung bleibe der Thurgau bei der Sprachenstrategie der Kantone und somit bei der Harmonisierung des Sprachenunterrichts in der Schweiz, teilte ein Sprecher des Amts auf Anfrage mit.

Das Forum Helveticum schliesslich sieht im Entscheid die «positive Entwicklung der letzten Wochen zum Thema Landessprachenunterricht», wie es schreibt. Ein markantes Signal zur Stärkung der mehrsprachigen Schweiz sei bereits im Mai die klare Zustimmung zum Frühfranzösisch im Kanton Zürich gewesen. (sda)

Die Ereignisse des Morgens können Sie in unserem Newsticker nachlesen: 

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