SEXUALITÄT

Mehr Tripper im Thurgau

Was lustvoll im Schlafzimmer beginnt, endet immer öfters mit einem lustfeindlichen Befund in einer Arztpraxis: Die Zahlen von sexuell übertragbaren Krankheiten nehmen auch im Thurgau zu. Eine Erklärung sind sich wandelnde Sexpraktiken.
18.04.2017 | 10:37
Sebastian Keller

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Juckreiz an der Scheide, Schmerzen an den Hoden: Das sind zwei Symptome für Chlamydien. Diese sexuell übertragbare Krankheit hat 2016 im Thurgau einen Höchststand der vergangenen Jahre erreicht: 310 Meldungen gingen beim Kanton ein, wie dem kürzlich veröffentlichten Geschäftsbericht zu entnehmen ist. Das entspricht einer Zunahme von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr (siehe Grafik). Steigend sind die Zahlen auch bei Syphilis (Lues) und Gonorrhöe (Tripper), wenn auch bei deutlich tieferen Fallzahlen. Auf tiefem Niveau stabil blieben die HIV-Infektionen.

Den Anstieg gemeldeter Fälle von sexuell übertragbaren Krankheiten im Thurgau will Agnes Burkhalter nicht isoliert betrachtet wissen. Die stellvertretende Thurgauer Kantonsärztin sagt: «Eine Zunahme der Fälle ist auch national zu beobachten.» Das bestätigt Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Das ist sogar ein gesamteuropäisches Phänomen.» Wobei in vielen Ländern auch die Zahl von HIV-Infektionen wieder nach oben zeigten.

Einen Teil der Zunahme bei Chlamydien, Syphilis und Gonorrhöe sei testbedingt, sagt Koch. Das heisst: Mehr Leute gehen bei Symptomen wie Juckreiz im Unterleib zum Arzt – was zu begrüssen sei. «Doch die Experten sind sich einig, der Anstieg ist nicht nur testbedingt», sagt Koch. Eine Erklärung für die steigende Tendenz gibt es nicht, aber mehrere Ansätze. Daniel Koch nennt als einen Erklärungsansatz, dass Personen in den Risikogruppen weniger häufig ein Kondom benutzten. Zur Risikogruppe zählen Homosexuelle. Wie eine Auswertung des BAG für das Jahr 2015 zeigt, steckten sich in den meisten Fällen Männer beim sexuellen Kontakt mit Männern an. Einen weiteren Ansatz, der unter Experten diskutiert werde, sind sich verändernde Praktiken unter den Bettdecken. «Es kann sein, dass mehr Anal- und Oralverkehr betrieben wird», sagt Koch. Die genannten Infektionskrankheiten werden nicht nur beim vaginalen Verkehr übertragen.

Beratungsstelle bietet neu auch einen Syphilis-Schnelltest an

Laura Spiri kann sich vorstellen, dass ein Anstieg der Fälle im Thurgau mit einer Veränderung der Sexualpraktiken zusammenhängt. «Syphilis, Chlamydien und Gonorrhö sind beim Sex leicht übertragbare Infektionen, man kann sich auch beim Oralverkehr anstecken», sagt die Fachmitarbeiterin der Perspektive Thurgau. Sie berät Personen bezüglich sexueller Gesundheit. Auch die Durchführung von anonymen HIV-Schnelltests gehört zu ihren Aufgaben. Seit Januar bietet die Beratungsstelle zudem einen Syphilis-Schnelltest an. Nach rund einer Viertelstunde liegt das Resultat vor. «Dieses besprechen wir direkt im Anschluss.»

Gerade bei Syphilis ist eine frühe Erkennung wichtig. «Wenn die Infektion rechtzeitig erkannt wird, ist sie heilbar», heisst es auf einem Merkblatt des BAG. Langfristig könnte eine Syphilisinfektion zu schweren Schädigungen von Herz, Gehirn, Knochen, Haut und anderen Organen führen.

Die Menschen, die Laura Spiri berät, sind bunt gemischt, was Alter, Geschlecht und sexuelle Orientierung betrifft. «Die Leute kommen mit vielen Fragezeichen und Ängsten zu mir», sagt sie. So kämen Freier nach einer Kondompanne mit einer Sexarbeiterin ebenso wie Paare zu Beginn einer Beziehung. «Die grösste Angst besteht immer noch vor HIV, die anderen sexuell übertragbare Krankheiten haben viele nicht auf dem Radar.» Deshalb erachtet sie es als wichtig, in der Gesundheitsförderung und Prävention die sexuelle Gesundheit ganzheitlich zu beleuchten.

«Grundlegend bleibt der Gebrauch von Kondomen»

«Der Anstieg der Fallzahlen zeigt, dass die Thurgauer Bevölkerung von den Safer-Sex-Regeln profitieren könnte und sich eine ärztliche Untersuchung bei Beschwerden lohnt», sagt Agnes Burkhalter. Prävention und Information seien zentral. «Wir setzen auf die nationale Kampagne Love Life.» Diese zielte noch vor einigen Jahren primär auf HIV. Die im November 2016 neu aufgelegte Kampagne legt den Fokus auf wechselnde Partner. «Grundlegend ist und bleibt der Gebrauch von Kondomen», sagt Daniel Koch, Leiter übertragbare Krankheiten beim BAG. «Es braucht ein Problembewusstsein in der Gesamtbevölkerung.»

Separate Massnahmen plant der kantonsärztliche Dienst im Thurgau derzeit keine, wie Agnes Burkhalter sagt. «Sexualität macht ja nicht vor Kantonsgrenzen Halt.»

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