• Ihrem Verein bleibt sie treu: Judith Engeler im Trikot des FC Amriswil.
    Ihrem Verein bleibt sie treu: Judith Engeler im Trikot des FC Amriswil. (Bild: PD)
17.03.2017 | 13:02

Kick it with Jesus


TEAMPLAYERIN ⋅ Morgens auf der Kanzel und abends auf dem Fussballplatz: So könnte die Zukunft von Judith Engeler ausschauen. Die junge Thurgauerin ist Captain der Frauenmannschaft des FC Amriswil und hat im Sommer ihre Ausbildung zu Pfarrerin abgeschlossen.

Marcel Jud

Marcel Jud

marcel.jud@thurgauerzeitung.ch

Nein, beten oder ein Kreuz schlagen tue sie nicht vor einem Match. «Ich glaube nicht, dass sich Gott dafür interessiert, ob jetzt wir oder unsere Gegnerinnen gewinnen», sagt Judith Engeler. Die 26-Jährige ist Innenverteidigerin und Captain der Frauenmannschaft des FC Amriswil – und Pfarrerin. Bei einem Bier in einer Zürcher Bar sagt Engeler, dass die Leute oft überrascht seien, wenn sie von ihrem Theologiestudium und der Ausbildung zur Pfarrerin erzähle. «Die häufigste Reaktion ist: Aber du bist doch so normal.» Zurzeit ist Engeler Doktorandin am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte in Zürich. Letzten Sommer hat die Amriswilerin ihr Vikariat abgeschlossen und könnte sich nun für eine Pfarrstelle bewerben. Lange bevor sie zur Kanzel fand, stand sie auf dem Fussballfeld. Aufgewachsen ist Engeler in Räuchlisberg bei Amriswil. «Seit ich denken kann, stand bei uns ein Fussballgoal im Garten.» Dass das Runde ins Eckige gehört, habe ihr der ältere Bruder beigebracht. Durch ihn wurde sie auch zur begeisterten FCZ-Anhängerin.

Lieber im Team predigen und spielen

Der grosse Bruder weckte aber nicht nur Judith Engelers Fussballleidenschaft. Nach der Matura habe sie zunächst keine Ahnung gehabt, was sie studieren solle. «Mein Bruder war es, der mir Theologie empfohlen hat.» Engeler hörte auf ihn. Allerdings noch ohne daran zu denken, später einmal eine seelsorgerische Laufbahn einzuschlagen. «Ich habe zunächst mit dem Gedanken gespielt, Journalistin zu werden – oder, wenn alles schiefläuft, Lehrerin», sagt sie lachend.

Wie ihre vier Geschwister war Engeler katholisch getauft worden und gehörte bis vor wenigen Jahren der Konfession ihres Vaters an. Als Kind habe sie Priesterin werden wollen, erinnert sich Engeler. «Als ich dann erfuhr, dass dies nicht möglich ist, schrieb ich in die Freundschaftsbücher unter Traumberuf jeweils: Pastoralassistentin.» Der Kindheitswunsch habe sich irgendwann verflüchtigt. Während ihrer Jugendzeit habe sie sich auch immer mehr von der katholischen Kirche entfernt, sagt Engeler. «Ich störte mich an der Stellung der Frau, aber auch an den für mich inhaltslosen Ritualen.» Wenn sie als Jugendliche zur Kirche gegangen sei, dann mit der Mutter, die evangelisch-reformiert ist. «An den reformierten Gottesdiensten gefiel mir, dass das Wort im Mittelpunkt steht und nicht die Sakramente.» Dieser «intellektuellere» Zugang zu Gott habe sie angesprochen.

Zum reformierten Glauben konvertierte Judith Engeler zu Beginn ihres Studiums: «Als letzte Konsequenz.» Der Entscheid, Pfarrerin zu werden, fiel erst später. Für einige ihrer Mitstudierenden sei es von Anfang an klar gewesen, dass sie in den Pfarrberuf wollten. Judith Engeler wurde dies erst während eines Praktikums in der Kirchgemeinde St. Gallen Centrum bewusst. «Mein Praktikumsleiter war genial. Er hat mir gezeigt, dass es nicht nur den stereotypen alten Pfarrer gibt, der salbungsvolle Worte spricht.» Ihre Erfahrungen während des Praktikums führten schliesslich dazu, dass Engeler nach Abschluss ihres Masterstudiums das einjährige Vikariat in Romanshorn absolvierte. «Bei der Wahl meiner Vikariatsstelle war mir wichtig, dass ich in einem Teampfarramt mitarbeiten konnte.» Sie sei ebenso wenig der Typ für ein Einzelpfarramt wie für eine Einzelsportart. Da habe sie der Fussball wahrscheinlich schon geprägt.

Der FC Amriswil ist ein wichtiger Fixpunkt im Leben von Judith Engeler. Seit ihrem neunten Lebensjahr spielt sie dort Fussball. Seit eineinhalb Jahren engagiert sie sich zudem im Vereinsvorstand, als Beauftragte für die Frauen- und Mädchenmannschaften. «Der Fussball hilft mir auch bei meiner Arbeit mit Jugendlichen.» Neben ihrer Promotion in Religionsgeschichte unterrichtet Engeler Religion in Scherzingen und Bottighofen. Der Fussball sei dabei ein Türöffner. Und dies nicht nur bei den Jugendlichen, sondern auch im eigenen Verein.

Der Fussball als Türöffner im Unterricht

«Nach einem Match treffe ich mich oft mit den anderen Mitgliedern im Vereinshaus», sagt Judith Engeler. Dabei hätten sich in letzter Zeit viele tiefgründige Gespräche über Glauben und Religion ergeben. «Alle haben eine Meinung dazu und das Bedürfnis darüber zu sprechen.» In ihr als Vereinsmitglied fänden die anderen ein niederschwelliges Angebot, um den Gesprächsbedarf zu decken.

Auch als Pfarrerin wolle sie später keine weltfremde Predigerin auf der Kanzel sein, sondern «Teil eines Gemeinde-Teams». Auf die Frage, inwiefern Studium und Vikariat die Fussballerin Judith Engeler beeinflusst hätten, antwortet sie lachend, sie sei sicher gelassener geworden und grätsche nicht mehr ständig rein. «Eins hat sich aber nicht verändert: gewinnen will ich immer noch.»

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