Jetzt ist es definitiv: Er war’s

  • In der freien Wildbahn kaum zu fotografieren. Dieser Wolf lebt im Wildpark Bruderhaus bei Winterthur.
    In der freien Wildbahn kaum zu fotografieren. Dieser Wolf lebt im Wildpark Bruderhaus bei Winterthur. (Benjamin Manser)
17.03.2017 | 19:22

RAUBTIER ⋅ Die Vermutungen haben sich bestätigt: Die gerissenen Schafe im Thurgau und dem Kanton Zürich gehen auf das Konto eines Wolfes. Ob es ein Tier aus einem Schweizer Rudel war, sollen weitere Untersuchungen des Genmaterials zeigen.

Sebastian Keller
Sein Speichel hat ihn verraten. Die Universität Lausanne untersuchte Proben, die er an gerissenen Schafen hinterliess. Das Resultat: Die gefundene DNA könne eindeutig einem Wolf zugeordnet werden. Das schreibt die Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung in einer Mitteilung von Freitag. Angezeigt war die genetische Untersuchung, weil zwischen Ende Februar und Anfang März in den Regionen Hohentannen und Uesslingen mehrere gerissene Schafe aufgefunden wurden. Auch im Zürcher Weinland warf ein totes Schaf Fragen auf. Die Rissbilder deuteten auf ein grösseres Tier hin, wodurch zunächst auch ein grösseren Hund noch nicht aus dem Schneider war.

«Es handelt sich höchstwahrscheinlich um ein Einzeltier», sagt Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau. Seit dem letzten Riss im Zürcher Weinland gibt es keine Spur mehr des Wolfes in der Region. «Wir haben aktuell keine Hinweise, dass der Wolf sich noch im Thurgau aufhält.» Auch Kistlers Zürcher Kollege vermutet, dass das Tier «inzwischen weitergezogen» ist.

Nach über 200 Jahren wieder nachgewiesen
Das Raubtier, das die Schafe gerissen hatte, oder seine Artgenossen könnten aber schon morgen oder auch erst in ein paar Jahren wieder Pfoten aufs Kantonsgebiet setzen. Fakt ist: Es handelt sich um den ersten offiziell bestätigen Nachweis dieses Raubtiers nach über 200 Jahren im Thurgau. Der letzte Hinweis auf Wölfe im Kanton datiert aus dem Jahr 1800 in der Region Stammheim-Nussbaumen. Ein systematisches Monitoring sei nicht möglich, sagt Roman Kistler. «Wir sind deshalb dankbar für Beobachtungen der Bevölkerung.»
«Ich hatte schon vor dieser Bestätigung Gewissheit», sagt Urs Maier am Telefon. Drei Schafe hatte der Bauer aus Uesslingen verloren. Zwei davon hatte der Wolf angefressen – und sie nicht getötet. «Das waren keine schönen Bilder», erinnert sich Maier. Die Tiere mussten erlöst werden. Maier betont, dass er nicht gegen den Wolf sei – aber auch nicht für ihn. «Wir leben von und mit der Natur.» Und da gehöre der Wolf ebenso dazu wie der Mensch und andere Tiere. Der Bauer aus Uesslingen fühlt sich in der Entscheidung bestätigt, dass er vor einigen Jahren in einen Herdenschutzhund investiert hat. Eines erachtet Maier als gesichert: «Der Wolf kommt wieder.»

Nach dem genetischen Beweis haben Maier und die weiteren Bauern Anspruch auf Schadenersatz. «Sie werden von Bund und Kanton entschädigt», sagt Roman Kistler. Geregelt ist das in der Jagdverordnung, Artikel 10. 80 Prozent der Schadenskosten trägt der Bund. Die Höhe richte sich nach dem Wert des Schafes, sagt Reinhard Schnidrig. Er ist Sektionschef Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt. «Im Durschnitt wird zwischen 400 bis 500 Franken bezahlt.» Für Lämmer weniger, für Zuchtschafe mehr.

Der Speichel wird noch weiter untersucht
Der Speichel des Wolfes wird nun vertieft an der Universität Lausanne analysiert. Damit soll herausgefunden werden, ob es sich um einen Wolf handelt, der schon andernorts in der Schweiz nachgewiesen wurde, wie es in der Mitteilung des Kantons heisst. Reinhard Schnidrig glaubt nicht, dass sich der Wolf ständig im Thurgau niederlässt. «Für die Rudelbildung fehlen dem Wolf die Alpen und abgeschiedene Wälder.»
Auch das Nahrungsangebot sei wohl nicht optimal – der Wolf ernähre sich hauptsächlich von Wildtieren wie Hirsche. «Schafe sind eher eine Gelegenheitsbeute.» Beim Wolf, der unlängst im Thurgau und den Kanton Zürich streifte, könne es sich um ein Tier aus dem Calanda-Rudel im Grenzgebiet der Kantone St. Gallen und Graubünden handeln. Aber eben genauso gut aus dem Wallis, Italien, Österreich oder Frankreich. «Wölfe legen in einer Nacht bis zu fünfzig Kilometer zurück», sagt Schnidrig. In einer Woche sei es einem Wolf möglich, das Land zu durchqueren. «Wir stellen in jedem Jahr neue Wölfe in der Schweiz fest.»

Der Bund rät den Haltern von Schafen, ihre Tiere mit einem elektrischen Zaun vor dem Raubtier zu schützen. Auch der Kanton empfiehlt, die Schutzmassnahmen für Kleintiere wie Schafe und Ziegen im Auge zu behalten. Vor zwei Wochen seien alle Kleintierhalter vom Landwirtschaftsamt darüber informiert worden, sagt Kistler. Für Schnidrig ist klar: «Auch im Mittelland müssen wir uns auf durchwandernde Einzeltiere einstellen.»
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