Auf Polizeipatrouille: «Ich mache dich mit Messer tot»

  • Blick aus dem Polizeikleinbus auf Lütisburg am frühen Abend. Auf den Strassen ist alles ruhig.
    Blick aus dem Polizeikleinbus auf Lütisburg am frühen Abend. Auf den Strassen ist alles ruhig. (Martin Knoepfel)
17.07.2017 | 09:42

TOGGENBURG ⋅ Das «Toggenburger Tagblatt» begleitete eine Patrouille der Kantonspolizei, die im Fürstenland und im Neckertal in einer Juninacht nach dem Rechten schaute. Es gab viel Action, aber keine schweren Verbrechen aufzuklären.

Martin Knoepfel

Die Stimmung ist locker um 19 Uhr beim Briefing im Polizeistützpunkt in Oberbüren. Der Schichtführer informiert über Baustellen und sagt, man solle mal den Streifenwagen parkieren und zu Fuss durchs Quartier gehen, denn Einbrüche in Wohnungen und Autos häufen sich. Drei Patrouillen mit sechs Polizisten sind in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag, 9. Juni, in der Region Fürstenland-Neckertal unterwegs. Ich bin der Pa­trouille mit dem Kleinbus zugeteilt, da ich eine Geschwindigkeitskontrolle erleben soll, die mehr Material erfordert. Das Team besteht aus der Polizistin A. L. – sie hat vor einem Jahr die Ausbildung beendet – und Patrouillenführer K. B. Er ist Korporal und zeigt mir den Stützpunkt. Im Keller sind zwei Zellen. Im Büro im Parterre sieht man auf Monitoren den Verkehr auf der Stadtautobahn und den Umfahrungen Wattwil und Bazenheid. Die Umfahrung Bütschwil wird aufgeschaltet, wenn sie in Betrieb geht.

Wir parkieren am Strassenrand in Zuzwil. Kühe trotten auf einer Wiese in Richtung Stall. «Immer, wenn wir hier eine Kontrolle machen wollen, kommt etwas dazwischen», sagt K. B., packt den Laser und macht sich auf zur Stelle, wo er messen will. Wir warten auf die zweite Pa­trouille. A. L. erklärt mir den Plan. K. B. funkt ihr, welche Autos und Motorräder zu rasch fahren. Sie winkt die Schnellfahrer heraus und informiert sie über die Kon­trolle sowie ihre Rechte. Heute interessieren nur Auto- und Motorradfahrer, deren Tempo so massiv übersetzt ist, dass der Fall nicht per Ordnungsbusse erledigt werden kann. «Wir wissen ja nicht, wie viele Leute in einem Auto sind und wie sie drauf sind. Deshalb warten wir auf Verstärkung», sagt sie.

Die taucht auf, macht einen U-Turn, schaltet das Blaulicht ein und braust davon. Der Grund: In Wil lässt sich eine Autofahrerin nicht kontrollieren und fährt nach dem Anhalten weiter. K. B. kommt mit dem Lasergerät. Er hat recht behalten. Es ist etwas dazwischengekommen. Wir nehmen an der Verfolgung teil. Mit Blaulicht und Sirene und Tempo 80 geht es durch die verkehrsberuhigte Toggenburgstrasse in Rickenbach. Im Brägg wird die Umfahrung blockiert. Die Frau stoppt und wird verhaftet. Sie hat ein Manifest bei sich. Auf mich wirkt es wirr.

Täglich in der Neckermühle Präsenz zeigen

Weiter nach Necker. «Die Polizei schaut jeden Tag in der Neckermühle vorbei, um Präsenz zu zeigen», sagt K. B.. Der Betreuer, der die Tür zur Asylbewerberunterkunft öffnet, ist mit den Polizisten per Du, ebenso der Security-Mitarbeiter. Im Moment gebe es wenig Probleme, sagt der Betreuer. Auf nach Bächli. K. B. erklärt, dass in der Zeit des Bergrennens immer wieder Möchtegern-Vettels auf der Strasse Bächli–Hemberg unterwegs sind. Wir treffen keinen an. Es dunkelt. Der Vollmond taucht die Hügel in sanftes Licht. In Hemberg krächzt der Funk. Eine Frau hat sich bei der Sprechstelle des Postens Wil gemeldet. Sie wagt sich nach einem Streit mit ihrem Sohn nicht mehr nach Hause. Am Rand der Neckertalstrasse sieht K. B. bei Rennen ein Auto stehen. Er hätte es kontrolliert, sagt er, wäre nicht der Notruf aus Wil gewesen. In einer Bucht der Umfahrung Bazenheid steht ein Streifenwagen. Polizisten befragen einen Radler, der auf der Autostrasse unterwegs ist. Später erfahre ich, dass er Ausländer ist und dass das Velo gar nicht ihm gehört. Er erhält in Oberbüren die Zelle neben der flüchtigen Autofahrerin.

Vor dem Polizeiposten Wil wartet die Frau. Drinnen erzählt sie fast schluchzend ihre Geschichte. Sie ist alleinerziehend. Ihr Sohn habe «Ich mache dich mit Messer tot» geschrien, sagt sie und fährt mit der flachen Hand über die Kehle. Er sei bald 18 und habe weder eine Ausbildung noch eine Arbeit. Er rauche Joints und gehorche ihr nicht. Er solle noch diese Nacht ausziehen, sagt die Mutter. Der Sohn ist polizeibekannt, aber nicht wegen Gewaltdelikten. A. L. hat auf der Fahrt im Smartphone die Akte überprüft. In der Wohnung ist alles friedlich, auf dem Boden räkelt sich eine Katze. K. B. spricht mit dem Sohn. Dieser hat sich beruhigt und bedauert, dass er die Mutter beschimpft hat, bestreitet aber, dass er sie an den Schultern gepackt und geschüttelt habe. Man könne Minderjährige nicht so einfach aus der Wohnung werfen, sagen die Polizisten. Sie könnten nur Massnahmen ergreifen, wenn etwas strafrechtlich Relevantes vorgefallen sei. Sie raten Mutter und Sohn, einander diese Nacht aus dem Weg zu gehen. Am Folgetag zügelt der Sohn zu einem Kollegen, wo er bleibt, bis er volljährig ist und seinen eigenen Weg geht. Den Besuch der Polizei dürften die Bewohner des Wohnblocks mitbekommen haben. A. L. schreibt in Oberbüren den Bericht und nutzt das, um mir zu zeigen, wie einfach Texte vom einen Dokument in andere übertragen werden können. Die Software scheint sehr gut durchdacht.

Alarm wegen Gewässerverschmutzung

Personalwechsel. Kantonspolizist R. T. übernimmt das Steuer. Wir fahren wegen einer Gewässerverschmutzung zu einem Wald bei der psychiatrischen Klinik Wil. Im Licht der Taschenlampen suchen wir unseren Weg. Die Feuerwehr ist mit einem Tanklöschfahrzeug da und spült ein Bächlein durch. A. L. fotografiert die Bescherung: Auf der Wasseroberfläche treiben langsam Schaumstreifen vorbei. Die Geisterstunde hat begonnen. Ostwind kommt auf, und ich bin froh um die Winterjacke. Ein Feuerwehroffizier schildert, was passiert ist. Demnach fällt das Ganze in die Kategorie «dumm gelaufen». Bei einer Übung auf einem nahen Fabrikgelände sei ein kleiner Teil des Löschschaums in die Kanalisation geraten. Der Schaum sei zu 98 Prozent biologisch abbaubar. Das Amt für Umwelt sage, der Schaum sei unbedenklich, betont der Feuerwehroffizier. Offen ist, ob die Wasserversorgung betroffen ist. Ob die Fauna geschädigt ist, sieht man in der Nacht nicht.

Von Wil schickt man uns nach St. Peterzell. Jugendliche hätten einen Container umgeworfen, meldet ein Anwohner der Notrufzentrale. R. T. glaubt, dass es eine kleine Sache ist. Bei schweren Sachbeschädigungen wären viele Anrufe eingegangen, sagt er. In St. Peterzell ist eine Freiluftbar noch geöffnet. Die Gäste haben nichts gehört. Ich schlage vor, zum Ärztehaus zu fahren. Bingo: Ein leerer Abfallcontainer aus Metall liegt auf der Seite. Die Täter sind natürlich über alle – nahen – Berge. Sonst sehen wir keine Beschädigung. Wir stellen den Container wieder auf und fahren nach Oberbüren, um etwas zu essen. Kaum hat A. L. ihre Fertigmahlzeit in der Microwelle gewärmt, kommt der nächste Alarm. Kollegen in Hauptwil brauchen Verstärkung. A. L. holt mir noch einen Kaffee am Automaten, dann eilen sie und R. T. davon. Ich mache mich auf den Heimweg. Die Fertigmahlzeit erkaltet ungegessen.

Kommentare
Kommentar zu: Auf Polizeipatrouille: «Ich mache dich mit Messer tot»
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geschrieben am 17.07.2017 15:23 | von Georg Ritter

Die Polizisten "könnten nur Massnahmen ergreifen, wenn etwas strafrechtlich Relevantes vorgefallen sei"? Soso, welch' erstaunliche, kaum glaubliche Neuigkeit...! - Nun, jemandem drohen, man "mache ihn tot", ist strafrechlich relevant. Und die Frau Mutter kann, wenn der Herr Sohn, egal, ob 14 oder 25 Jahre jung, so etwas sagt, verlangen, dass man ihn aus der Wohnung entfernt. In manch einem Fall ist es wohl auch besser, sie besteht drauf.

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