EXPLOSIONSARTIGE ZUNAHME

Essen und Trinken an jeder Ecke: Rekordzahl an Gastrobetrieben in St.Gallen

Viele Beizer drängen in die Stadt St.Gallen - Tendenz steigend. An jeder Ecke ist Verpflegung möglich. Nicht alle sind glücklich darüber. Die Konkurrenz wird grösser, die Kundschaft nicht.
06.10.2017 | 06:04
Elisabeth Reisp/Christoph Renn

Elisabeth Reisp/Christoph Renn

stadtredaktion

@tagblatt.ch

Wenn sich der Hunger bemerkbar macht, ist die nächste Verpflegungsmöglichkeit nicht weit. Zumindest in der Stadt St.Gallen nicht. Bis zum 4. Oktober hat die Gewerbepolizei 568 Bewilligungen für patentpflichtige Gastrobetriebe erteilt. Patentpflichtig heisst, der Betrieb hat mindestens sechs Steh- oder Sitzplätze oder er verkauft Alkohol, der gleich vor Ort konsumiert wird. Noch nie erteilte die Gewerbepolizei mehr Bewilligungen. Und bis Ende Jahr dürften noch einige dazukommen, sagt Polizeisprecher Dionys Widmer. Die Gewerbepolizei rechnet mit Fertigstellung des Bahnhofplatzes mit weiteren Gesuchen.

Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Gastrobetriebe stetig zu. Nicht alle sind davon begeistert. René Rechsteiner, Wirt des «Bierfalken» und Präsident der Gastrovereinung Stadt St.Gallen, sieht darin vor allem eine überdurchschnittliche Zunahme der Konkurrenz, oder wie er sagt: «Der Kuchen wird nicht grösser, nur die einzelnen Stücke werden kleiner.» Bis vor etwa 20 Jahren galt die Faustregel, so viele Tage das Jahr hat, so viele Restaurants gibt’s in der Stadt St.Gallen. «Also immer um die 360 Gastronomiebetriebe», sagt Rechsteiner. Die ständige Wohnbevölkerung der Stadt bewegte sich um die Jahrtausendwende bei zirka 73000 Einwohnern. Im vergangenen Jahr ist sie auf 74800 angestiegen, die Wochen- und Kurzzeitaufenthalter hinzugenommen, zählt die Stadt 79300 Einwohner. Die Bevölkerung ist in dieser Zeit nur wenig gewachsen, die Zahl der Gastrobetriebe hat aber um 58 Prozent zugenommen.

«Wirten ist ein heikler Job geworden»

Besonders zahlreich sind in den vergangenen Jahren auch die Kleinst-Gastronomiebetriebe geworden. Jene, die einen schnellen Zmittag über die Gasse bieten, aber doch ein paar Steh- oder Sitzplätze anbieten. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass in der Gesellschaft auch bezüglich Verpflegung ein Wandel stattgefunden habe, sagt Rechsteiner. Jene Generation, die noch gerne und länger eingekehrt sei, sei es über Mittag oder am Abend, falle langsam weg. Daher seien die Wirte gefordert, sich anzupassen. Nur wer ein gutes Konzept habe, könne längerfristig überleben, ist Rechsteiner überzeugt. So habe auch die Zahl sogenannter gewerblicher Mischbetriebe in der Stadt zugenommen. Als Wirt des «Bierfalken» habe er aber nicht zu klagen. «Uns gibt es schon so lange, wir haben einen Namen und ein gutes Netzwerk, das ist wichtig und hilft uns.» Wirt zu sein, sei aber nicht mehr das Gleiche wie früher. «Wirten ist ein heikler Job geworden. Heute muss man als Wirt ein Verkaufsspezialist sein.»

«Alle Gastgewerbler wollen in die Stadt»

Der explosionsartige Anstieg patentpflichtiger Gastrobetriebe spürt auch Walter Tobler vom «National – zum Goldenen Leuen» und Kantonalpräsident von Gastro St.Gallen. Auch für ihn sei klar, dass die Konkurrenz immer grösser werde. Jedoch sei das Gastgewerbe schon immer ein schwieriges Pflaster gewesen. «Heute, wie auch früher, müssen sich Restaurantbetreiber immer wieder etwas einfallen lassen, um Kunden in ihr Lokal zu holen», sagt er. Hinzu komme, dass das Umfeld immer schwieriger werde. Er erinnert an das Rauchverbot oder die Senkung der Promillegrenze beim Autofahren. Wie Rechsteiner habe er über die Jahre beobachtet, dass heute die Kundschaft viel kürzer in den Beizen und den Restaurants verweile als noch vor der Einführung der neuen Gesetze.

Die stetig steigende Zahl an Gastrobetrieben sei aber nicht nur in der Kantonshauptstadt zu registrieren. «In allen grösseren Orten im Kanton St.Gallen stellen wir eine Zunahme fest.» Hingegen hätten Landbeizen einen schwierigen Stand. «Alle wollen in die Stadt», sagt Tobler. Und darin ortet er das Hauptproblem der heutigen Gastgewerbler: «Viele denken, dass es in einer Stadt viel einfacher ist, ein Restaurant erfolgreich zu betreiben.» Das stimme aber nicht. «Zum Beispiel sind hier die Nebenkosten um ein Mehrfaches höher als auf dem Land», sagt Tobler. Dies zeige auch die ebenfalls steigende Anzahl der Wirtewechsel in St.Gallen. «Es gibt nur noch einige wenige Restaurants, die sich auf dem Platz über Jahre behaupten können.» Diese Aussage bestätigt Dionys Widmer von der Stadtpolizei, «auch wenn konkrete Zahlen dazu fehlen.»
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