Umstrittenes Kunstwerk kommt auf den Klosterplatz

  • Die Installation «Das Buch» hat keinen Rollstuhllift zum Guckloch.
    Die Installation «Das Buch» hat keinen Rollstuhllift zum Guckloch. (Michel Canonica)
05.10.2017 | 20:23

ST.GALLEN ⋅ Auf Allerheiligen hin wird die Installation «Das Buch» des Künstlers Josef Geier von der Universität auf den Klosterplatz gebracht – zum Unmut des Autors Christoph Keller. Er will «Das Buch» demontieren.

Daniel Wirth
Der St.Galler Künstler Josef Geier hat «Das Buch» aus Anlass des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation geschaffen – eine 22 Tonnen schwere Skulptur, ein begehbares Buch mit 14 Treppenstufen, an dessen Ende sich ein Guckloch befindet. Die Treppen sollen den Leidensweg Jesu Christi symbolisieren, der vom Dunkeln ans Licht führt. Noch diesen Monat steht «Das Buch» bei der Bibliothek der Universität, an Allerheiligen kommt es in den Stiftsbezirk, später zum Vadian-Denkmal und schliesslich auf den Bahnhofplatz. «Das Buch» ist mobil; es wandert quasi von einem buchträchtigen Ort der Stadt zum anderen; es lädt zum Nachdenken an. 

Nachdenklich macht Geiers Kunstwerk den St.Galler Autor Christoph Keller. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen und kann die 14 Stufen von Geiers Installation nicht aus eigener Kraft erklimmen. Christoph Keller spricht von Diskriminierung. Er spricht nicht nur davon; er teilte sein Unbehagen der Universität St.Gallen mit, der Evangelisch-reformierten Kirche und dem Künstler Josef Geier. Die Kirche und die Universität teilten seine Meinung zwar, wonach «Das Buch» Menschen mit einer Gehbehinderung diskriminiere, aber es geschehe nichts, sagt Christoph Keller. Er ging deshalb einen Schritt weiter: Er verfasste einen offenen Brief an den St.Galler Stadtrat. Antwort hat er noch keine bekommen, wie er gegenüber dem Tagblatt sagt.

Er fragt den Stadtrat in seinem Brief: «Will St.Gallen wirklich mit diesem ‹Buch der Ausgrenzung› – wissentlich – Stadtgeschichte schreiben?». Christoph Keller macht der Stadt einen Vorschlag: Es koste viel Geld, allein dieses 22 Tonnen schwere Objekt weitere drei Male abzubrechen, zu transportieren und wieder aufzubauen. Statt dessen könnten gemäss Keller mit diesem Geld die Buchhandlungen Comedia, zur Rose und andere barrierefrei(er) gemacht werden. So würde in der Buchstadt St.Gallen aus temporärer Diskriminierung permanente Verbesserung, schreibt Keller.


Josef Geier bedauert und bietet Hilfe an

Josef Geier bedauert zutiefst, wie er auf Anfrage sagt, dass sein Werk «Das Buch» von Christoph Keller mit dem Wort Diskriminierung in Zusammenhang gebracht wird. Es sei zu keinem Zeitpunkt seine Absicht gewesen, mit der Installation jemanden auszuschliessen. Er und seine Auftraggeberin hätten Christoph Keller das Angebot gemacht, auf die 14. Stufe der Installation zu gelangen und den Ausblick durch das Guckloch geniessen zu können. Doch Keller habe dieses Angebot bis zum heutigen Tag nicht angenommen, sagt Geier. 

Dieses Angebot, das der Künstler dem kämpferischsten Kritiker seines Werkes machte, unterbreitet Josef Geier auch allen anderen Menschen, denen es nicht möglich ist, aus eigener Kraft zur obersten Stufe und zum Guckloch von «Das Buch» zu gelangen, wie er verspricht. Christoph Keller wird Josef Geiers Angebot nicht annehmen. Ihm geht’s um mehr als um sich selbst. 
Kommentare
Im ernst...
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geschrieben am 06.10.2017 03:48 | von Marc Brönnimann

Jetzt? Da meint ein Rollstuhlfahrer,dieses Kunstwerk ist nicht geh-behinderten gerecht?! Und gühlt dich Diskriminiert? Also:sund alle Blinden Diskriminiert, weil Galerien keine Fühlbilder (wie Banknoten zb.) Ausstellen. Und muss das openair SG abgesagt werden,damit sich nicht Gehörlose diskriminiert fühlen. Dieser Herr Keller,sollte sich dich bewusst sein,wann man die 'behinderten Karte' ziehen kann. Aber in diesem Fall sicher nicht. Absolut unnötig, den Künstler,Stadtrat etc. In Verlegenheit zu bringen ,auf sowas antworten zu müssen. Und sonst das Angebot auch annehmen,mit Hilfe,das Buch besteigen zu dürfen🤔

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Kommentar zu: Umstrittenes Kunstwerk kommt auf den Klosterplatz
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geschrieben am 06.10.2017 14:01 | von Max Müller

Christoph Keller hat recht. Die Stadt sollte nicht dulden, dass ein Buch mit Stufen (!), das als Symbol für Diskriminierung gelesen werden kann, beim Vadian und auf dem Bahnhofplatz aufgestellt wird.

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