KOMMENTAR

Sprayer-Grosis tun der Gesellschaft gut

Sie hat zur Spraydose gegriffen, um gegen ein Verbot für fussballspielende Kinder zu protestieren: Die Wittenbacherin Anneliese Adolph macht national Schlagzeilen. "Dank Frauen wie ihr lebt der kritische und revolutionäre Geist weiter", schreibt Redaktor Sebastian Schneider in seinem Kommentar.
05.10.2017 | 08:05
Die fünf Enkelkinder von Anneliese Adolph dürfen stolz sein auf ihre Grossmutter. Mit ihrem Einsatz für die Quartierkinder und gegen ein fragwürdiges Fussballverbot beweist die Berlinerin Zivilcourage. Von einer möglichen Freiheitsstrafe lässt sie sich nicht abschrecken und steht, komme, was wolle, für die Sache und ihre Überzeugung ein. Gerechtigkeit muss manchmal halt erkämpft werden.

Klar, die 85-jährige Sprayerin wird damit noch nicht als Freiheitskämpferin in die Geschichte eingehen. Doch der Auflauf von Medienleuten in ihrer Wohnung und die zahlreichen Kommentare auf Internetportalen und in den sozialen Medien zeigen deutlich: Auch mit einem Einsatz für eine kleine Sache kann man riesige Aufmerksamkeit erzeugen. Für die Medien ist das Setting, eine aufmüpfige Greisin mit Spraydose und einer Mission, natürlich hochspannend. Anneliese Adolph ist dann auch nicht die erste Rentnerin, die Furore macht. Als die 86-jährige Louise Schneider diesen Frühling die Abschrankung der Schweizerischen Nationalbank in Bern versprayte, erschien sie gar in mexikanischen und nordamerikanischen Medien. Die Armeegegnerin lancierte mit ihrer Sprayaktion eine Kampagne der GSoA. Einen besseren Coup kann man als politische Gruppe nicht landen.

Auch Deutschland hat seine Oma-Sprayerin. Die 71-jährige Irmela Mensah-Schramm wurde mehrmals wegen Sachbeschädigung angezeigt. Die Mission der Berlinerin: Nazi-Schriftzüge übersprayen und Nazi-Kleber mit einer Klinge entfernen. Mit ihrem Engagement gegen den Hass generierte auch sie landesweite Aufmerksamkeit.

Dass rebellierende Rentnerinnen derart auf Interesse in der Öffentlichkeit stossen, könnte noch einen anderen Grund haben: die Jugend, die das Feld geräumt hat. Während Jahrzehnte zuvor junge Bürgerinnen und Bürger gegenüber Herrschenden und gegenüber der älteren Generationen kritisch und aufmüpfig waren, gliedern sich Jugendliche heute widerstandslos ins System ein. Ist die Welt gerecht? Leben wir in Freiheit oder werden wir alle manipuliert und gesteuert? Solche Fragen scheinen die Jungen nicht mehr so stark umzutreiben. Und in den Jugendtreffs zeigt sich: Streiche spielen wird mehr und mehr vom Smartphone-Streicheln abgelöst. Dank Frauen wie Adolph, Schneider und Mensah-Schramm lebt der kritische und revolutionäre Geist aber weiter. Das tut der Gesellschaft gut.

Sebastian Schneider
sebastian.schneider@tagblatt.ch
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