GITARRE

Skiba Shapiro macht Musik auf eigene Faust

Sie gönnt sich keinen Luxus, dafür aber maximale Freiheit in der Musik. Vanessa Engensperger alias Skiba Shapiro ist als Sängerin der Band Hopes & Venom bekannt geworden. Jetzt geht die St. Gallerin solo eigene Wege.
16.04.2018 | 13:02
Roger Berhalter
Sie empfängt im freundlichsten Proberaum, den man sich denken kann. Vanessa Engensperger singt nicht in einem muffigen Keller, sondern in einem Teppichzimmer am Rorschacher Hafen. Viel Sonnenlicht fällt durch die Fenster, in der Ecke steht ein Kachelofen, im Erker gruppieren sich Sitzkissen um eine Kaffeemaschine. Unten, im Erdgeschoss des historischen Hauses an der Hauptstrasse, führen ihre Eltern einen Laden, in dem man von Angelruten bis Samuraischwertern alles findet. Einen Stock höher ist Skiba Shapiros Reich. So nennt sich Engensperger, wenn sie Musik macht.

Sie tut dies mit Erfolg: Soeben hat die 27-Jährige von der Stadt St. Gallen 10000 Franken Fördergeld bekommen, für ihren eigenwilligen Mix aus Neo-Folk, Metal und verträumtem Rock. Mit dem Werkbeitrag eröffnen sich für Shapiro neue Möglichkeiten. «Bisher habe ich versucht, alles ohne Budget zu planen. Ich konnte kein Geld ausgeben, denn ich hatte ja keins», sagt sie und lacht. Sie habe sich ein sparsames Leben angewöhnt. Für ihre St. Galler Wohnung zahlt sie minimale Miete, auch die übrigen Lebenshaltungskosten hat sie im Griff. 120 Franken pro Monat müssen fürs Essen reichen. Mit diesem strikten Regime (und einer 50-Prozent-Anstellung im Museum im Kornhaus) kommt sie durchs bürgerliche Leben.
 

Schule nach zwei Monaten abgebrochen

In der Musik aber gesteht sie sich maximale Freiheit zu. Skiba Shapiro macht keine Kompromisse und fast alles selbst: Sie schreibt ihre eigenen Songs, singt und spielt Gitarre, programmiert das Schlagzeug dazu am Computer, kümmert sich um Live-Auftritte, schneidet ihre eigenen Videoclips, macht ihre eigenen Song-Aufnahmen. Die St. Gallerin mag diesen Do-it-yourself-Gedanken. Nicht zufällig zählt sie die kanadische Selfmade-Musikerin Grimes zu ihren Heldinnen. 

Mit Musikschulen konnte Shapiro bis jetzt wenig anfangen. Ein Studium an der Zürcher Hochschule der Künste mit Schwerpunkt Klavier brach sie schon nach zwei Monaten ab. Zu strikt, zu engstirnig war ihr der Lehrgang. Und alle übten ständig nur Bach. «Ich wollte meine Musik machen und mich nicht mit historisch korrekter Aufführungspraxis herumschlagen oder zwei Monate lang nur Songs von Toto üben.» Auch Ausflüge an die pädagogische Hochschule und an die Uni Zürich währten nur kurz. Schliesslich entschied sich Shapiro für die Musik und bildet sich seither als Autodidaktin weiter. «Ich brauche keine Schule dafür.» Auf Wunsch unterrichtet sie in ihrem Teppichzimmer aber selber Gitarre, Klavier und Songwriting. Den eigenen Weg finden, die eigenen Regeln schreiben: Das lebt sie und das gibt sie ihren Schülern weiter. 

Im Gespräch erscheint Shapiro zierlich, doch das ändert, wenn sie die Bühne betritt. Dann baut sie mit Gitarre und Effektgeräten Klangwände auf, überzeugt mit wuchtiger Präsenz und prägnanter Stimme. Bis jetzt kennt man sie vor allem als treibende (und singende) Kraft des Duos Hopes & Venom. Seit die Band 2013 den zweiten Platz des Wettbewerbs «bandXost» erreichte, hat Shapiro zusammen mit Jorin Engel am Schlagzeug auf fast allen Bühnen der Region gespielt, auch am OpenAir St. Gallen und am Weihern-Festival. 
 

Hopes & Venom gibt’s nicht mehr

Doch seit vergangenem Herbst ist alles anders: Skiba Shapiro tritt solo auf. Ihr Bandkollege Engel ist für längere Zeit nach Deutschland gezogen, deshalb musste sich die St. Gallerin neu orientieren. Zuerst ärgerte sie sich, mittlerweile ist sie über den Schritt aber erleichtert. «Ich freue mich nun auf die Dinge, die mit Hopes & Venom nicht möglich waren.» Bereits liebäugelt sie mit dem Tenorsaxofon, das derzeit noch im Koffer verstaut ist. Und es gibt ja auch noch das Duo Lou Ees, wo  Shapiro am Klavier sitzt.  

Den Namen Hopes & Venom wird sie fortan nicht mehr verwenden und nur noch als Skiba Shapiro auftreten. Auf der Bühne steht sie aber nicht allein. Das Tanzduo Fii begleitet sie seit einigen Auftritten und bewegt sich zu ihrer Linken und Rechten synchron zu den Songs. Diese Verbindung von Musik und Tanz möchte Shapiro weiter vorantreiben. Das nächste Konzert gibt sie  am 27. April im Bahnhof Bruggen. Am selben Tag wird die Do-it-yourself-Musikerin auch die neue Single «Melody From A Dream» veröffentlichen. Den Videoclip dazu hat sie selber gedreht. 
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