Zu ehrgeizige Eltern - "Dä schnellst Rotmöntler" aus Programm gekippt

  • "Nirgendwo sonst schauen so viele Eltern am Sporttag zu", sagt Markus Buschor, Schuldirektor Stadt St.Gallen.
    "Nirgendwo sonst schauen so viele Eltern am Sporttag zu", sagt Markus Buschor, Schuldirektor Stadt St.Gallen. (Reto Martin (Reto Martin))
06.09.2017 | 14:30

ST.GALLEN ⋅ Über 20 Jahre lang war «Dä schnellscht Rotmöntler» aus dem Programm des Schulsporttags in Rotmonten nicht wegzudenken. Dieses Jahr wurde er abgeschafft. Hauptgrund sind zu ehrgeizige Eltern.

Christina Weder

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Jahr für Jahr rannten in Rotmonten die schnellsten Kinder um die Wette. «Di schnellscht Rotmöntlerin» und «Dä schnellscht Rotmöntler» waren fester Bestandteil des Sporttags. Doch dieses Jahr hat die Primarschule den «Klassiker» aus dem Programm gekippt.

Im Quartier auf dem Rosenberg gibt dieser Entscheid einiges zu reden. Hinter vorgehaltener Hand sagt ein Familienvater, es liege weder an den Kindern noch an der Schulleitung, sondern an den Eltern selber. Der Wettlauf sei ihretwegen derart ausgeartet, dass er nicht mehr im normalen Ablauf habe stattfinden können. Manche Eltern hätten einfach zu viel Ehrgeiz an den Tag gelegt. «Dä schnellscht Rotmöntler» sei leider zu einem «extremen Wettkampf» verkommen.

Nach dem Rennen gab es Diskussionen

Am Morgen des Schulsporttages fanden jeweils die Vorläufe statt, am Nachmittag folgte der Final. Wie aus anderer Quelle zu erfahren ist, hat es nach dem Wettrennen jeweils Diskussionen gegeben, welches Kind das schnellste war. Manche Eltern hätten die Ranglisten angezweifelt und sich über ungenaue Zeitmessungen beklagt. Die Lehrkräfte sahen sich gezwungen, sehr genaue Messungen zu machen. Die Rede ist von digitaler Zeitmessung, Zielfotos und Zeitlupe. Das sei zu aufwendig geworden.

Schuldirektor Markus Bu­schor, der am Sporttag in Rotmonten vor Ort war, bestätigt dies. Ein solcher Aufwand sei übertrieben für einen Primarschul-Sporttag, sagt er. Buschor nennt zwei Hauptgründe dafür, dass «Dä schnellscht Rotmöntler» dieses Jahr ausgefallen ist. Zum einen sei der Sporttag sehr lang und mit Programm über­laden gewesen. Denn am Abend findet in Rotmonten traditionell das Quartierfest statt. «Es war fast zu viel für die Kinder.»

Zum anderen habe sich der Sporttag immer mehr zu einem Anlass für die Eltern entwickelt. «In keinem anderen Quartier schauen so viele Eltern am Sporttag zu wie in Rotmonten», sagt Buschor und will das als Kompliment verstanden wissen. Die Kehrseite der Medaille sei, dass einige Eltern den Wettlauf zu wichtig genommen hätten. Ihr Kind habe um jeden Preis gewinnen müssen. Buschor vermisste dabei die Fairness und den sportlichen Gedanken. Kam hinzu, dass die Eltern nicht nur zuschauten, sondern selbst mitrannten. So wurden in Rotmonten auch das schnellste Mami und der schnellste Papi ermittelt. Für den Schuldirektor standen die Eltern damit zu sehr im Mittelpunkt.

Quartier ist geteilter Meinung

Die neue Schulleiterin Monika Dorner war in den Entscheid, auf den schnellsten Rotmöntler zu verzichten, nicht involviert. Lehrkräfte hatten ihn getroffen, bevor sie die neue Stelle antrat. Dorner hat den Sporttag von vorletzter Woche in guter Erinnerung. «Ich habe ihn als sehr gemeinschaftlich erlebt.»

In anderen Quartieren der Stadt rennen die Kinder nach wie vor um die Wette – etwa beim «Schnellsten Winkler» oder dem «Schnellsten St. Geörgler». Der Wettlauf ist der Klassiker am Sporttag. Dass er in Rotmonten nicht mehr stattfindet, wird im Quartier unterschiedlich aufgenommen. «Dä schnellscht Rotmöntler» sei eine Tradition, aber nicht der wichtigste Anlass, sagt Quartiervereinspräsident Gerold Schneider: «Manche haben ihn vermisst, andere nicht.» Enttäuscht war etwa jener Erstklässler, der endlich mitrennen wollte. Oder der Zweitklässler, der den Sieg vom Vorjahr wiederholen wollte. Eine Mutter bedauert, dass die Schule das Rennen absagte, statt den übereifrigen Eltern die Stirn zu bieten. Bei einem Wettrennen hätten oft gerade jene Schülerinnen und Schüler ein Erfolgserlebnis, die in anderen Fächern weniger stark seien. Ein Vater dagegen findet, eine Pause sei vielleicht ganz gut, um sich zu überlegen, in welcher Form man den schnellsten Rotmöntler in Zukunft durchführen könnte.

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