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Das Kreuz mit den amtlichen Todesanzeigen: Weshalb die Stadt St.Gallen plötzlich klein beigibt

Die Stadt will Todesfälle schon bald wieder publizieren. Das Bedürfnis der Bevölkerung wird höher gewichtet als die gesetzliche Legitimation zur Veröffentlichung amtlicher Todesanzeigen.
17.04.2018 | 09:56
Aktualisiert:  17.04.2018, 17:00
Daniel Wirth
Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" aus dem Jahr 1968 mit Charles Bronson und Peter Fonda in den Hauptrollen ist ein Klassiker. Ganz so spannend und dramatisch wie der Italowestern ist die seit Anfang Jahr geführte Debatte um den Entscheid des Stadtrates, keine amtlichen Todesanzeigen mehr zu publizieren, freilich nicht – und sie nimmt aller Voraussicht nach ein glückliches Ende.

In der Lokalposse "Druck mir die Nachricht vom Tod" rauchen denn auch keine Colts. In diesem Streifen wurden andere, ungefährlichere Waffen eingesetzt: Leserbriefe, Posts und Tweets in den sozialen Medien – und eine einfache Anfrage zweier christlichdemokratischer Stadtparlamentarier.
 

"Amtliche Todesanzeigen werden sehr geschätzt"

Daniel Stauffacher und Thomas Meyer reichten ihren parlamentarischen Vorstoss Mitte Januar ein. Nicht zuletzt aus Kostengründen würde ein Todesfall immer seltener von den Hinterbliebenen in der Tagespresse annonciert, schrieben die beiden CVP-Politiker in ihrer Anfrage. Die amtlichen Todesanzeigen der Stadt würden deshalb von den Angehörigen eines Verstorbenen als auch von interessierten Teilen der Bevölkerung, vornehmlich der älteren Generation, "sehr geschätzt".  Daniel Stauffacher sagte im März gegenüber dem "Tagblatt", er habe noch nie so viele Rückmeldungen auf einen Vorstoss erhalten, wie auf diesen.

Auch in den "Tagblatt"-Leserbriefspalten manifestierte sich der Unmut über den Entscheid des Stadtrates, aufgrund einer Anpassung des Bundes der eidgenössischen Zivilstandsverordnung ab Januar 2018 auf amtliche Todesanzeigen zu verzichten.
Thomas Rütsche, Leiter Zivilstandsamt der Stadt St.Gallen.
Thomas Rütsche, Leiter Zivilstandsamt. (pd)

Datenmissbrauch der unangenehmen Art

Jetzt kommt der Stadtrat auf seinen Entscheid zurück, wie aus seiner Antwort auf die Anfrage von Stauffacher und Meyer hervorgeht. Schon vor den Sommerferien möchte er die amtlichen Todesanzeigen wieder publizieren. In welchen Medien und mit welchem Inhalt ist noch unklar, wie Thomas Rütsche, Leiter des regionalen Zivilstandsamts St.Gallen, sagt. Auf jeden Fall werde vor einer allfälligen Publikation von den Hinterbliebenen des Verstorbenen eine Einwilligung eingeholt.

"Wir haben mit Negativreaktionen aus der Bevölkerung gerechnet", sagt Rütsche. Um nachzuschieben: "Wir sind der Meinung, dass wir aus juristischer Sicht korrekt gehandelt haben." Dem regionalen Zivilstandsamt habe nach den Entscheiden des Bundes und des Kantons schlicht die rechtliche Grundlage für die Publikation amtlicher Todesanzeigen gefehlt. Es ging dem Bund, dem Kanton und schliesslich der Stadt um den Schutz von Daten, die missbraucht werden können.

Rütsche nennt Beispiele: Witwer und Witwen würden bombardiert mit Flyern von Bestattern und Steinbildhauern. Mit dem Tod lässt sich Geld verdienen – auf legale und illegale Art. Gemäss Rütsche ist vorgekommen, dass bei einer Trauerfamilie daheim eingebrochen wurde, als diese an der Abdankungsfeier war, die in einer amtlichen Todesanzeige angekündigt worden war.


Motion im Kantonsrat förderte Sinneswandel

Dennoch  will die Stadt das Bedürfnis der Bevölkerung höher gewichten als die gesetzliche Legitimation zur Veröffentlichung von Todesfällen. Nicht alleine der Aufschrei der Bevölkerung und der Vorstoss der CVP-Politiker habe zum Sinneswandel geführt. Auch eine im Kantonsrat eingereichte Motion, die einen Gesetzesentwurf der Regierung zur Publikation von Zivilstandsnachrichten fordere, sei der Grund.
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