ERNÄHRUNG

"Lasst mir meine Freude an der Bratwurst" - der erste Veganladen in St.Gallen erhitzt die Gemüter

Vegan ist in - selbst in der Bratwurststadt St.Gallen. Muss man auf tierische Produkte verzichten? Die Tagblatt-Leser sind sich uneinig.
12.01.2018 | 10:49
Linda Müntener
Er ist und bleibt ein Reizthema, der Veganismus. In der Stadt St.Gallen hat kürzlich der erste rein vegane Laden eröffnet. Das löste schon im Vorfeld einen Medienrummel aus. Fleischesser sagten eine Demonstration gegen die vegane Lebensweise wieder ab, dafür warben Tierrechtsaktivisten für ein Leben ohne tierische Produkte – allerdings ohne Bewilligung. Gehört ein Stück Fleisch auf dem Teller zu unserer Kultur oder ist das ein Relikt aus der Steinzeit? Die Meinungen der Tagblatt-Redaktoren gehen in dieser Frage auseinander. Und sie spaltet auch die Leserschaft in den sozialen Medien. 

Ob Steak oder Gemüseplätzli, ist nicht für viele ein emotionaler Entscheid. So schildert Tagblatt-Kommentatorin Anita Mannhart ihre Beobachtung eines Schlachttransports. «Die Kühe darin fangen an zu muhen. Ich denke: In weniger als 15 Minuten seid ihr alle tot. Das geht mir unter die Haut.» In solchen Momenten sei sie froh, kein Fleisch zu essen. Damit ist sie nicht alleine. «Verzicht auf tierische Produkte ist eine Sache des Herzens und nicht eine oberflächliche Lebenseinstellung», schreibt Pius Tschirky.

Die Veganer und Vegetarier argumentieren aber nicht nur mit Emotionen, sondern auch mit Fakten. 65 Milliarden Landtiere würden jährlich weltweit geschlachtet. «Die Zahl spricht für sich», findet Facebook-Nutzerin Luzia Feusi Lehner. Dem hält Nils Lanz entgegen, dass der Soja-Anbau Unmengen Wasser und Platz verbrauche – und damit den Tieren den natürlichen Lebensraum wegnehme. «Es hat alles zwei Seiten.»
 

"Missionieren" stört nicht nur Fleischesser

Die vegane Lebensweise kann auch provozieren. Das «Missionieren» stört die Mehrheit der Facebook-Kommentatoren. Darunter auch Vegetarierinnen wie Ute Forster. "Wenn ich eingeladen bin, zicke ich nicht herum und esse, was auf den Teller kommt. Das nennt man Respekt und Wertschätzung vor dem, was der Gastgeber zubereitet hat." Oder wie Silvia Erb-Sturzenegger schreibt: «Lasst mir meine Freude an der Bratwurst. Ich schwatze ja auch keinem in seinen Tofu».  Weitere plädieren ebenfalls für «leben und leben lassen».

Tagblatt-Kommentator Emil Huber ist anderer Meinung: «Manchmal braucht es eben Missionare, um einer abgestumpften Gesellschaft die Augen etwas zu öffnen.» Natürlich könne jeder leben, wie er wolle - so lange er dies nicht zum Leid anderer Lebewesen tue. «Auch Tiere sind Lebewesen und empfinden Angst und Schmerz.»

Nur in einem Punkt sind sich die beiden Seiten einig: "Kauft regionale Produkte!" Günter Woerner erklärt, wieso: «Würden 50 Prozent der Schweizer, die hier auf Facebook ihre Meinung Kund tun, ihr Fleisch nicht mehr im nahegelegenen Ausland kaufen, sondern mit ihrem in der Schweiz verdienten Geld Schweizer Fleisch kaufen, hätte das einen positiveren Effekt auf das verursachte Tierleid.» Einen noch grösseren Effekt als 1,5 Prozent Veganer ihn je zustande bringen könnten, so Woerner. Denn die Vorschriften für Tierhaltung in der Schweiz seien um einiges strenger als in der EU. Oder wie Nessi Lein vorschlägt: «Bewusste Ernährung, Tierprodukte ohne Tierleid, Bauer des Vertrauens suchen und weniger Fleisch - dafür mit Genuss.»
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